17. Mai 2018

VerFlixt und zugeschneit

Die Zwei-Tage-Wanderung vom Julierpass zur Alp Flix und nach Bivio GR kann voller Überraschungen sein. Gut, wenn man für alle möglichen Wetterkapriolen gerüstet ist. Auch jetzt im Frühling.

Die Ebene der Alp Flix
Die Ebene der Alp Flix

«Ich habe einen Organspenderausweis», rufe ich über die Schulter meinem Wandergspänli zu, «im Portemonnaie im Rucksack.» Dann setze ich den ersten Fuss in den Tiefschnee – um sogleich bis zur Hüfte darin zu versinken. Natürlich werde ich den Marsch durch das kalte Weiss überleben, aber es kommen Strapazen auf mich zu, so viel ist sicher. Auf mich und meine schlecht imprägnierten Sommerwanderschuhe. Es ist Ende September, kurz nach Herbstbeginn, aber das Winterwetter hat uns hier am Julier eiskalt erwischt.

Die gemütliche Posti-Fahrt ab Chur hat noch bei heiterem Himmel stattgefunden. In Bivio GR (Werbeslogan: «Die Perle am Julier») wars immerhin noch trocken. Während der stärkenden Kafipause im Julier-Hospiz hat Nieselregen eingesetzt. Das tat unserer Wanderlust aber keinen Abbruch. Und wir haben ein Zimmer auf der Alp Flix gebucht. Irgendwie müssen wir ja dahin kommen, vorzugsweise wandernd. Also sind wir kurz nach dem Mittag knapp unterhalb des Restaurants auf etwas über 2200 Metern praktisch im rechten Winkel von der Strasse weg ins Feld gestochen, wo sich schmale Pfade quer durch die Wiese ziehen und ein Rinnsal der Route entlangplätschert. Bald schon sind die ersten Schneeflecken zu sehen, und ein Blick nach oben macht klar: Es wird eine Schneewanderung werden.

Route Julierpass-Alp Flix-Bivio
Die Route: Vom Julierpass über die Fuorcla digl Leget und den Kanonensattel zur Alp Flix und hinunter nach Bivio.

Die Route (rot), auch als PDF zum Download (1500 x 1000 px / © swisstopo)

Nun also sind wir mitten drin im Winter. Mein Wanderpartner – fast 1,90 Meter gross – geht voraus und spurt vor, ich darf in seine Fussstapfen treten. Dennoch ist es für mich (1,60 Meter) ein Keuchen und Schleichen, ein Krampfen und gelegentliches leises Fluchen.

Mitte Nachmittag hat das Leiden ein vorläufiges Ende. Wenig unterhalb der Fuorcla digl Leget rasten wir. Auf das erhoffte idyllische Picknickplätzchen am Boden müssen wir verzichten und mit einem Steinhaufen Vorlieb nehmen, dem einzigen trockenen Flecken hier oben. Immerhin, die Wolkendecke reist plötzlich auf und gibt den Blick frei auf blauen Himmel und weisse Bergspitzen. Ich schöpfe die schüchterne Hoffnung, dass wir die restliche Wanderung sozusagen ins Trockene bringen.

Und gelegentlich grüsst das Murmeltier

So wird es tatsächlich sein, aber zunächst müssen wir die letzte Steigung absolvieren, durch nunmehr knietiefen Schnee. Auf der Fuorcla digl Leget, 2711 Meter über Meer, leuchtet uns ein türkisblaues Seelein entgegen und erfrischt – immerhin – unsere Seele. Dann gehts bergab, rein geografisch gesehen. Nochmals ist gut eine halbe Stunde lang Trittfestigkeit gefragt, denn unter dem nassen Schnee lagert hier tückischerweise Geröll. Die Augen fixieren den Boden, die Schienbeinmuskeln ächzen. Und die Wanderschuhe halten nicht, was sie auch nie versprochen haben: Wasserfestigkeit. Also Socken wechseln, und weiter gehts.

Die Fahrt mit dem Postauto dem Marmorerasee entlang, auf der Strecke Chur - Julierhospiz.

  • master

Am späten Nachmittag beschreiten wir eine wunderbare Strecke, die für alle schmerzenden Schenkel und nassen Füsse der Welt entschädigt. Ungefähr ab dem Kanonensattel ist der Boden zwar sumpfig, aber wen stört das, wenn er grad aus dem Tiefschnee kommt? Federnden Schrittes und frohen Mutes schreiten wir jetzt der Alp Flix entgegen. Ein paar vorwitzige Murmeltiere lugen da und dort hinter Grashügeln hervor oder huschen über die Hänge. Das milde spätnachmittägliche Licht vergoldet die Szenerie. Das Tagesziel naht.

Kurz vor Abendessenszeit treffen wir beim Berghaus Piz Platta ein. Es reicht grad noch für einen Apéro auf der Terrasse. Grün und weit und von mächtigen Bergflanken gesäumt dehnt sich das Hochmoor auf 2000 Metern vor uns aus. Pferde, Kühe und Esel tummeln sich darauf, frei und entspannt. Genau so fühle ich mich auch. Eine Dusche und einen währschaften Viergänger später schlafe ich im holzgetäferten Zimmer – was soll ich sagen – wie ein Murmeltier.

Das Berghaus Piz Platta auf der Alp Flix: rustikal und entsprechend gemütlich

Ein sanfter Abstieg

Der folgende Morgen bringt die nächste Überraschung: Es regnet Bindfäden. Das Thermometer an der Schattenseite des Gasthauses zeigt drei Grad an, und der Hauswurz auf den Terrassentischen trägt Schneehäubchen. Umso mehr lädt das Frühstücksbuffet drinnen mit Zopf, Käse, Aufschnitt und Müesli zum Verweilen ein. Den Wetterbericht am Smartphone überprüfen geht grad nicht, denn der Handy-Empfang ist hier schlecht, und das Hotel stellt sein W-Lan nur für wenige Stunden zur Verfügung, und zwar nachts. «Gegen neun Uhr kommt die Sonne», verspricht die Wirtin beim Einschenken des Kaffees. Und tatsächlich: Bei der zweiten «Schale» sehen wir, wie sich die Wolken über der Alp verziehen.

Gegen zehn Uhr checken wir aus und schnüren die Wanderschuhe erneut. Die Sonne scheint. Und sie begleitet uns den ganzen schönen, gemütlichen Weg hinunter nach Bivio. Nun geht es über festgetretene Feldpfade, weiche Waldböden und breite Kieswege. Alle paar Hundert Meter lädt ein schattiges Plätzchen oder ein Bänklein zum Verweilen. Irgendwann nach elf Uhr ziehen wir mit Blick auf den Marmorerasee unsere warmen Jacken aus und setzen die Sonnenbrillen auf. Kurz überlegen wir noch, einen Abstecher auf die Alp Natons zu machen, entscheiden uns aber dagegen (eine weise Entscheidung, stellen wir im Nachhinein fest: Die Alpenbeiz ist schon in der Winterpause). Wir wollen bald in Bivio wieder aufs Postauto, der Fahrplan am Sonntag ist etwas lückenhaft. Aber die Fahrt ins Tal, die findet wieder bei heiterem Himmel statt. Als wärs das ganze Wochenende nie anders gewesen.

Geeignet für geübte, trittfeste Wanderer
Höhepunkte: Die Ankunft auf der Alp Flix in der Abendsonne
Pause: Im Tiefschnee beim Steinhaufen kurz vor der Fuorcla digl Leget. Bei gutem Wetter: überall
Dauer: 1. Tag ca. 5 Std. (mit Tiefschnee). 2. Tag ca. 2 Stunden (mit Pausen)
Höhenmeter Bergauf: 500 m netto. Runter: 150 m

Trümpfe der Wanderung Julierpass - Alp Flix - Bivio

Ein Gastbeitrag von Migros-Magazin-Redaktorin Yvette Hettinger


Reto Meisser über seine Kolumne «Hike & Bike»

Video: Elena Bernasconi

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