16. November 2017

Veränderungen

Sängerin Jaël (38) erwartet im Dezember ihr erstes Kind. Diesmal schildert sie, wie früh sie mit ersten Erziehungsschritten beginnt.

Jaël interessiert sich für Babyschueli
«Tschaupimoorä» Jaël interessiert sich für Babyschueli.
Lesezeit 1 Minute

Adèle sagt, sie könne ihren Song «Skyfall» nicht mehr live singen. Sie schrieb ihn in der Schwangerschaft, als ihre Stimme tiefer war.
Ich freute mich darauf, tiefer zu singen, bin aber stattdessen nur kurzatmig geworden, da mein kleiner Untermieter die Hälfte meines Lungenvolumens stibitzt. Ansonsten alles beim Alten. Das Zwerchfell arbeitet, Buebli wird durchgeschüttelt, scheint es aber zu mögen, denn wenn ich singe, ist er ruhig. Die Gitarre dagegen mag er gar nicht; er trommelt dagegen wie ein Nachbar mit Besenstil an die Wand.

Die Leute lachen, wenn ich die Bühne betrete. Ich spüre, es ist kein Aus-, sondern ein «Jöö»-Lachen, darum schmunzle ich mit. Mein Kleiner stiehlt mir jetzt schon die Show. Grossartig, ich bin nicht alleine auf der Bühne, wir sind ein Duo.

Im ersten Trimester waren gemeinsame Auftritte wegen der Übelkeit mühsam. Oft besserte es aber, sobald das Konzert begann. Das Adrenalin? Die Singatmung? Singen gegen Schwangerschaftsübelkeit – das gilt es noch zu erforschen.

Die Veränderung ist im Alltag omnipräsent. Ich entwickle Muttergefühle für die ganze Welt. Im Zirkus sorge ich mich um die Schlangenfrau, weil mir bewusst ist, dass sie ihrem Körper mit ihrer eindrücklichen Performance langfristig schadet. Im Bauch hüpfts derweil begeistert. Wird mein Sohn Akrobat? «Das wärs!», flüstere ich meinem Mann zu, der die Stirn runzelt: «Du hättest keine ruhige Nacht mehr!» Wo er recht hat, hat er recht.

Tags darauf wedelt ein Mann mit seinem Gehstock nach mir, weil ich, in Tagträumen versunken, am Schaufenster Babyschueli bestaune, genau da, wo er durchzugehen beschlossen hat. Er nennt mich eine «Tschaupimoorä» (wohl eine Saumoore, die herumtschalpt?). Ab dieser Feindseligkeit schiesst das Adrenalin durch meinen Körper, und sofort lege ich – Löwenmutter – beschützend die Hand auf den Bauch. «Dieser Mann ist unglücklich und nicht gesund», erkläre ich beruhigend, sage: «Geits no?», denke: «Idiot!», und hoffe, dass Buebli das nicht merkt.

Im Lift schmettert mir jemand «I muess i Erscht» entgegen. Artig drücke ich den Knopf für den ersten Stock, erkläre aber dem Bauch später, dass man eigentlich sagt: «Chönntet dir mir äch ds Eis drücke?» Erziehung fängt schon früh an. 

Benutzer-Kommentare