23. Mai 2016

Usbekistan: Im Sonderzug durch 1001 Nacht

Wo vor langer Zeit die Handelskarawanen entlang der Grossen Seidenstrasse nach Buchara oder Samarkand zogen, können Reisende heute bequem mit dem Zug die Geschichte erkunden. Die Route durch Usbekistan führt zu interessanten Orten mit freundlichen Menschen und überwältigenden Bauten.

Orient Silk Road Express
Der Orient Silk Road Express auf einem Zwischenhalt in Shahrisabz.

Es klopft. Vor meiner Abteiltür steht Sherali, er strahlt und fragt: «Chai?» Ich nicke und wenig später steht er mit einem Glas Tee wieder vor mir.
Sherali ist einer der beiden Zugbegleiter, die für unseren Waggon zuständig sind.

Der Tee kommt sofort: Zugbegleiter Sherali kümmert sich aufmerksam um die Reisenden.
Der Tee kommt sofort: Zugbegleiter Sherali kümmert sich aufmerksam um die Reisenden.

Ruckelnd setzt sich der Orient Silk Road Express in Bewegung, ein luxuriöser Sonderzug, der zwischen den Hauptstädten Turkmenistans und Kasachstans fährt. Ich lasse den Tag in Gedanken Revue passieren. Wir haben ihn staunend in Buchara verbummelt, unserer ersten Station in Usbekistan, wo wir auch zugestiegen sind.
Die über zweitausend Jahre alte Oasenstadt ist geprägt vom frühen Handel mit Persien, China und Indien. Zu ihrer Blütezeit war sie ein bedeutendes Wirtschaftszentrum an der Grossen Seidenstrasse.

Heute ziehen die historischen orientalischen Bauten die Besucher in ihren Bann. Zu ihnen gehört auch Lionel Rochat aus Montreux, der mit seiner Familie das Land erkundet, wenn es seine Zeit als Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in Usbekistans Hauptstadt Taschkent zulässt. Wir werden uns am Ende der Reise dort mit ihm treffen. Aber vorher reisen wir mit dem Zug quer durch den Binnenstaat, der etwa so gross ist wie Schweden.

Usbekistans Grenzen sind nicht aus historischen oder geografischen Besonderheiten oder der Verteilung von Nationalitäten gewachsen. Einst war es Teil von Turkestan, einer zentralasiatischen Region zwischen dem Kaspischen Meer und der Wüste Gobi. Hier lebten heterogene Völker in multikulturellen Gemeinschaften zusammen. Die nomadischen Stämme, zu denen auch die Usbeken gehören, waren ständig auf Wanderschaft.

Erst die sowjetische Nationalitätenpolitik setzte dem ein Ende, zog künstliche Grenzen und integrierte die so entstandenen Länder Turkmenistan, Kirgisistan, Tadschikistan, Kasachstan und Usbekistan als Sowjetrepubliken in ihren Herrschaftsbereich. Seit dem Zerfall des Regimes müssen sie sich als eigenständige Staaten beweisen.

Der Zug hält an der kleinen Bahnstation Kara Katta. Es bleibt Zeit für einen Spaziergang durchs Dorf, eine Ansammlung von einem Dutzend Häusern.

Einheimische laden spontan zum Tee

Neugierig beäugen uns die Bewohner, die so offen und freundlich sind, wie alle Einheimischen, die uns auf der Reise begegnen. Sie posieren für Fotos und laden uns zum Tee ein. Fast entbrennt ein Streit, als die Nachbarin am Zaun gegenüber uns zu sich winkt. Wir Reisenden teilen uns auf.

Rasch werden kleine Teller mit Süssigkeiten auf den niedrigen Tisch im Wohnzimmer gestellt. Wir sitzen mit der Familie auf dem Boden. Grüner Tee wird serviert, das Nationalgetränk, das zu jeder Gelegenheit und Tageszeit getrunken wird.

Aber nicht ohne Ritual: Etwas Tee wird in eine Schale und wieder zurück in die Kanne gegossen und das drei Mal. Erst dann darf der Tee zum Trinken ausgeschenkt werden. Man darf die Schalen höchstens halbvoll giessen. Sie bis zum Rand zu füllen hiesse, man wolle die Gäste schnell loswerden.
Die pralinenähnlichen weissen Kugeln, die dazu gereicht werden, entpuppen sich als salzige Angelegenheit. Sie heissen Kurt, sind knusprig und schmecken nach Schafskäse. Dann pfeift der Zug, und wir müssen weiter.

Tilla und Ilchom, die Chefköche des Zugrestaurants, grillieren Schaschlikspiesse
Tilla und Ilchom, die Chefköche des Zugrestaurants, grillieren Schaschlikspiesse, eine Landesspezialität.

Das Zugabteil mit zwei Betten, Wandbespannung und Spiegeln ist pompös eingerichtet und sehr gemütlich. In der grossen, tadellos sauberen Dusche am Gangende läuft es nach Plan. Erfrischt trifft man sich in einem der zwei Restaurantwagen, in denen 80 Reisende aus aller Herren Länder verköstigt werden.
Sergej, unser russischer Kellner, empfiehlt Wodka zum Apéro. «Einen vor dem Essen und einen danach, zur Desinfektion», sagt er und grinst. Nach Suppe und Salat serviert er uns «Plow», eine Reisspezialität mit Hammelfleisch, für die jede Familie ihr eigenes Rezept hat. Dazu gibt es usbekischen Wein. Der wird hierzulande gern getrunken, was etwas verwundert, angesichts der Tatsache, dass rund 80 Prozent der Bevölkerung Muslime sind.

Die Baumwolle setzt dem Aralsee zu

Gemächlich zuckelt der Zug in die Nacht hinein. Der Vollmond legt einen silbernen Teppich über die Steppenlandschaft. Es ist ein angenehmes Reisen, bei dem unterwegs Zeit bleibt, die Eindrücke zu sortieren. Noch lange nach dem Essen wird angeregt über Architektur und Geschichte diskutiert.

Bald sind wir in Chiwa. Die alte Stadt, deren Innenstadt einst als Festung errichtet wurde, beeindruckt. Sie ist ein lebendiges Freilichtmuseum. Es regnet. Eine Seltenheit. Die Einheimischen freuen sich. Verständlich vor dem Hintergrund, dass die Lösung der Wasserfrage ein zentrales Problem in einem Landes ist, das zu 80 Prozent aus Wüste und Steppe besteht.

Die Sowjetunion verwandelte die Region in den 60er- und 70er-Jahren in eine riesige Baumwollplantage mit grossen Bewässerungsanlagen. Usbekistan ist der fünftgrösste Baumwollproduzent der Welt. Das Wasser dafür kommt aus den beiden grossen Zuflüssen des Aralsees. Noch 1960 der viertgrösste Binnensee der Erde, schrumpfte er bis 1990 auf weniger als die Hälfte, weil seinen Zuflüssen über 80 Prozent Wasser entnommen wurde. Geologische Besonderheiten und der Klimawandel verschärfen die Situation. Die Folgen für Mensch und Umwelt sind wegen der zunehmenden Versalzung aufgrund der Austrocknung dramatisch.

Baudenkmäler werden gerettet

In Samarkand liegt der ausladende Registan-Platz mit den prächtigen Fassaden der Medressen vor uns. Bei ihrem Anblick kann man nicht anders, als andächtig innezuhalten. Die Bauten am Platz sind sorgfältig restauriert. In den schattigen Innenhöfen der Medressen, in denen kleine Händler Kunsthandwerk anbieten, weht noch der Atem der Geschichte, auch hier wird fleissig saniert. Wie die übrige historische Architektur des Landes waren sie zur Sowjetzeit dem Verfall preisgegeben. Seit der Unabhängigkeit 1991 wird vieles wieder hergerichtet.

Nahe der Bibi-Xanom-Moschee lassen wir uns vom bunten Treiben im Basar mitreissen, schnuppern an Gewürzen und probieren Süssigkeiten. Unser nächster Halt ist Schahrisabz. Hier wurde 1336 der tyrannische Mongolenfürst Amir Timur Tamerlan geboren. Er eroberte weite Teile des Mittleren Ostens. Trotz seiner Grausamkeit war Tamerlan ein grosszügiger Kulturförderer und wird in Usbekistan als Nationalheld verehrt. Im ganzen Land hinterliess er prachtvolle Bauten. In Schahrisabz zeugen das Dorus-Siadat-Mausoleum und die eindrucksvollen Ruinen des Sommerpalastes von dieser Ära.

Inzwischen haben Ilchom und Tilla, die beiden Chefköche des Zugs, einen Grill auf dem Bahnsteig angeheizt. Es gibt Schaschlik. Die üppigen Spiesse sind eine Landesspezialität. Lautsprecher, Laptop und eine flimmernde Diskokugel werden angeschleppt. Sergej schenkt Wodka aus. Dann wird zu einer bunten Musikmischung getanzt, bis am späten Abend der Zug Richtung Taschkent abfährt, wo wir schliesslich den Schweizer Lionel Rochat (40) und seine Familie im Café Bon treffen.

Lionel Rochat mit Frau Wanida, Noam und Evan (links)
Lionel Rochat mit Frau Wanida, Noam und Evan (links) vor dem Amir-Timur-Denkmal in Taschkent

Der frühere Bankfachmann lebt seit drei Jahren in der usbekischen Hauptstadt. Nach 12 Jahren im Finanzwesen liess er sich konsularisch ausbilden. Auf seinem ersten Auslandsposten in Bangkok traf er seine Frau Wanida (33), mit der er die Söhne Evan (6) und Noam (5) hat. Auf die Stelle der hiesigen Botschaft bewarb Rochat sich bewusst. «Es ist perfekt für die Familie, wir wohnen in einem typisch usbekischen Haus mit grossem Garten», sagt er. «Das Land ist sicher, das warme Klima gefällt uns, und die Leute sind freundlich.»

Über die Hälfte ist unter 30 Jahren

Die Ausmasse der Stadt überraschen, besonders die monumentalen Sowjetbauten, die vierspurigen Strassen und weitläufigen Parks. «Alles ist riesig», sagt Rochat. «Taschkent ist jung, und es wird kulturell sehr viel geboten. Bald gibt es auch ein Jazzfestival.»
65 Prozent der Bevölkerung Usbekistans ist jünger als 30 Jahre. Nur eine Handvoll Schweizer leben hier, alles Mitarbeiter Schweizer Firmen. Viele Faktoren, unter anderem eine fehlende Marktwirtschaft, machen es Ausländern schwer, im Land Fuss zu fassen.

Die Buben quengeln, sie wollen in den Mustaquillik-Park und Schaschlik essen. Wir verabschieden uns von der Familie und von Usbekistan, obwohl wir gerne länger geblieben wären. Während wir ins Flugzeug nach Hause steigen, fährt der Silk Road Express noch weiter bis Almaty in Kasachstan, seiner eigentlichen Endstation. 

Die Reise wurde unterstützt von Kira Reisen in Windisch AG, www.kiratravel.ch

Bilder: Jacqueline Vinzelberg

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