28. April 2014

Urban Gardening auf dem Balkon

Auch wer keinen Garten hat, kann sein eigenes Gemüse ziehen. Selbst auf dem Fensterbrett gedeihen Krautstiel oder Kürbis, weiss Gärtnerin Claudia Sifrig.

Dicht bewachsener Balkon
Gefällt! Nichtdestrotrotz ein kleiner Tipp an alle begeisterten Balkongärtner: Immer die Statik im Auge behalten!

Claudia Sifrig, der Anbau von eigenem Gemüse auf Balkon und Terrasse boomt. Welche Sorten eignen sich auch für Anfänger?

Kaum etwas falsch machen kann man mit Krautstiel oder auch Kohlrabi. Tomaten, Peperoni, Zucchetti, Kürbis und Auberginen sind ebenfalls dankbar, vorausgesetzt, man kann ihnen einen warmen, gut besonnten Platz bieten. Was ich besonders gern habe, da auch optisch sehr attraktiv, ist der Baumspinat mit seinen fast schon pinkfarbenen Blättern. Gäbig ist auch Salat in allen Variationen. Im Prinzip gehen alle Gemüsesorten, die klein sind, rasch zulegen und möglichst laufend beerntet werden können.

Kabis beispielsweise macht also keinen Sinn?

Weisskohl benötigt viel Platz, und im Herbst gibt es dann bloss ein Köpfli. Auch Rüebli würde ich nicht empfehlen. Sie brauchen hohe Töpfe, und es dauert ewig, bis es etwas zu ernten gibt.

Gerade unter den Urban Gardener werden immer wieder auch Kartoffeln genannt. Die brauchen aber doch sehr viel Platz.

Nicht, wenn man eine Art Etagenbett anlegt. Dazu nimmt man einen möglichst hohen Topf, füllt etwas Erde ein und legt eine Handvoll Saatkartoffeln hinein. Sobald dann das erste Kraut zu sehen ist, packt man etwas Erde darauf. Und so geht das immer weiter. Praktisch sind auch Reis- oder Jutesäcke, die man hochkrempeln kann.

Wie sollen Gefässe beschaffen sein? In den Stadtgärten sieht man ja alles: von der alten Badewanne bis zum Milchkarton.

Es geht tatsächlich praktisch alles, vorausgesetzt, es kann mit Wasserabzugslöchern versehen werden: Staunässe ist des Gemüses Tod! Ich werde auch immer wieder gefragt, was besser sei: Plastik- oder Tontöpfe? Schwarze Plastiktöpfe erhitzen sich in der Sonne oft sehr stark, sodass die Wurzeln geschädigt werden können. Tontöpfe wiederum sind je nachdem recht schwer und – was vielen nicht bewusst ist – sie verdunsten sehr viel mehr Wasser als beispielsweise tonfarbene Plastiktöpfe.

Und wie stehts mit dem Substrat?

Bio-Universalerde ohne Torf passt für alle Kulturen. Kultiviert man Starkzehrer wie Tomaten, Auberginen, Gurken oder Kürbisse, muss man sie aufdüngen.

Welchen Dünger sind empfehlenswert?

Für Töpfe bietet sich ein NPK-Dünger an, ein Volldünger, der Stickstoff (N), Phosphat (P) und Kalium (K) enthält. Praktisch ist Dünger in Granulatform. Je nach Kultur sollte man während des Wachstums und der Fruchtzeit mit Flüssigdünner nachdüngen, Gemüse im Topf braucht einfach mehr als im Garten. Bitte die Packungsbeilage studieren, man kann schnell auch zu viel des Guten tun.

Tomaten, Auberginen, Gurken sind Sonnenanbeter. Was pflanze ich, wenn Balkon oder Terrasse nicht nach Süden ausgerichtet sind?

Für weniger optimale Lagen bietet sich beispielsweise Blutampfer an, den man gut für Salat verwenden kann. Oder der schon genannte Baumspinat. Gerade im Hochsommer geht auch Salat sehr gut, der an einem sonnigen Ort bereits schiessen würde. Hübsch sind die rankenden, weiss- oder rotblühenden Feuerbohnen. Dankbar ist auch Federkohl, den man im späteren Sommer aussät.

Welche Obstsorten sind topftauglich?

Es gibt extra gezüchtete Zwergbäume – Äpfel, Zwetschgen, Aprikosen. Dann gibt es die sogenannten Säulenbäume, die vor allem nicht so breit werden. Toll sind auch kleine Feigenbäume, hier sollte man aber unbedingt eine winterharte Sorte kaufen. Oder Heidelbeeren und Maibeeren, die ähnlich wie Heidelbeeren aussehen, aber etwas länger sind. An einer Wand bieten sich Minikiwis an. Wer den ganzen Sommer was zum Schnabulieren will, kann Monatserdbeeren pflanzen. Diese gedeihen selbst in den klassischen Balkonkistli.

Korrektes Giessen ist nicht nur für Laien nicht ganz einfach. Einen guten Tipp?

Ein Faktor ist das Wetter. Bei direkter, starker Sonneneinstrahlung braucht es viel Wasser, oft sogar zwei Mal pro Tag. Ein weiterer Faktor ist die Grösse des Topfs und das Material. Bei schlechtem Wetter sollte man bei der Wassergabe zurückhaltend sein. Töpfe trocknen gern oben ab, während es weiter unten noch genügend feucht ist. Am einfachsten überprüft man dies, indem man einen Finger in die Erde bohrt.

Im Gartenbeet hilft Mulch gegen starke Verdunstung. Geht das auch auf dem Balkon?

Das funktioniert sogar bestens, beispielsweise mit Hanfhäcksel, den man kaufen kann, oder mit selbst gesammelten Brennnesseln, die man mit einer Schere zerkleinert. Vielleicht mäht ja auch jemand in der Nachbarschaft gerade seinen Rasen. Im letzten Jahr habe ich erstmals Kresse unter grösseres Gemüse gesät. Sie keimt sehr rasch, sorgt für ein gutes Bodenklima und lässt sich dazu auch noch für Salat verwenden.

Wie anfällig sind Topfpflanzen für Schädlinge? Schnecken werden auf dem Balkon ja ­weniger auftreten …

Es sei denn, man schleppt Schneckeneier mit der Erde ein … Aber sonst sind alle von mir genannten Pflanzen recht problemlos. Zucchini, Kürbisse oder auch Gurken werden manchmal von Mehltau befallen. Dort empfehle ich, betroffene Blätter umgehend abzuschneiden und im Abfall zu entsorgen. Man kann die Pflanzen auch mit Fenchelöl oder Schachtelhalmextrakt vorbehandeln. Blattläuse lassen sich bei Wenigbefall gut mit den Fingern zerreiben. Notfalls greift man zu einem biologischen Mittel auf der Basis von Schmierseife.

Was soll ich pflanzen, wenn ich es auf Ertrag abgesehen habe?

Salat, der ist sehr dankbar. Dann Krautstiel. Tomaten, die kann man vorneweg ernten oder auch Auberginen. Bei beiden empfehle ich, dass man keine riesigen, gross wachsende Arten kauft. Sinnvoll sind beispielsweise Cherrytomaten, und auch bei den Auberginen gibt es kleinere Sorten, die sich für den Topf eignen.

Und wenn ich mir nicht nur etwas für den Magen, sondern auch fürs Auge wünsche?

Krautstiel gibt es in verschiedenen Farben, das sieht sehr hübsch aus. Attraktiv sind auch Pflanzen mit essbaren Blüten wie Ringelblume, Kapuzinerkresse, Borretsch, Zwerg- oder Gewürztagetes, Goldmelisse oder die blaue Malve. Letztere ist sogar mehrjährig.

Welcher ist dein persönlicher Favorit?

Der Krautstiel, weil er halt optisch sehr schön ist, viel hergibt und sich auch noch bestens einfrieren lässt. Gerade im Winter ist ein selbst gebackener Gemüsekuchen eine wunderbare Sache.

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