22. Februar 2018

Unverwüstliche Kindheitshelden

Was haben die Biene Maja und Jim Knopf, das Pan Tau und Captain Future nicht haben? Die einen sind seit Jahrzehnten in Kinderzimmern beliebt, die anderen ganz oder fast verschwunden. Ingrid Tomkowiak, Professorin für Populäre Kulturen an der Universität Zürich, erklärt die Hintergründe.

Die Biene Maja
Die Biene Maja und ihre Freunde aus der Animationsserie aus den 70er-Jahren. Sie ist auch heute noch sehr beliebt und kommt gerade wieder mit einem neuen Abenteuer ins Kino. (Bild: United Archives/ddp images)
Lesezeit 8 Minuten

Die «Biene Maja» kommt demnächst wieder ins Kino, ebenso wie «Jim Knopf», die «Kleine Hexe» läuft bereits. Alles Figuren, die schon in meiner Kindheit am Bildschirm präsent waren. Was macht die Langlebigkeit dieser Kinderhelden aus?

Ganz wichtig ist, dass es im Lauf der Jahrzehnte immer wieder andere Medien gab, in denen sie neu inszeniert werden konnten: Buch, Kinofilm, Puppenspiel, TV-Animationsserie, 3-D-Film. So werden sie im kulturellen Gedächtnis immer wieder aufgefrischt – und dabei natürlich auch modernisiert und dem Zeitgeist angepasst. Mancher Charakterzug wird weggelassen, anderes kommt neu dazu, so werden sie kompatibel mit der aktuellen Kindergeneration und erhalten einen Klassiker-Status.

Was braucht es für einen «Klassiker»?

Mit diesem Begriff wurden diese Kinderbücher sozusagen zur Literatur aufgewertet. Er weist auch auf die Beliebtheit bei mehreren Generationen hin. Pippi Langstrumpf hatte diesen Status schon in den 60er-Jahren, Jim Knopf erhielt ihn mit dem Jugendbuchpreis 1961 und durch die Augsburger Puppenkiste.

Aber es muss auch einen charakterlichen Kern geben, einen Grund, weshalb es den einen Kindheitshelden heute noch gibt und den anderen nicht.

Auf jeden Fall. Alle diese Figuren haben gewisse Gemeinsamkeiten. Sie machen Identifikationsangebote an die Kinder. Mit der Biene Maja kann man Abenteuer im Wald erleben, mit Jim Knopf reist man durch die Welt, zu den Drachen nach China, zu den Piraten aufs Meer. Das Abenteuerelement ist wichtig, ausserdem nimmt man teil am Wachsen der Hauptfigur. Diese Erzählungen sind praktisch alle Entwicklungsgeschichten, ihre Hauptfiguren machen eine Heldenreise und werden dabei reifer. Für die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist das ganz wichtig, mindestens in der Fantasie sollten sie solche Heldenreisen machen können. Die Geschichte beginnt meist mit einer Mangelsituation oder Unzufriedenheit, dann zieht man aus, das zu verbessern, trifft auf Helfer und Gegenspieler, hat einen Mentor, bewährt sich in Prüfungen und kommt am Ende gereift zurück oder bleibt dort, wo man sein Glück gefunden hat. Ein Happy End ist ebenfalls wichtig.

Und diese Mischung funktioniert heute genauso wie vor 20, 40 oder 60 Jahren?

Ja. Klar werden sie mit den Elementen angereichert, die in der jeweiligen Zeit gerade aktuell sind, aber der Kern ist derselbe, und das zieht bis heute. Durchaus auch bei Erwachsenen.

Ingrid Tomkowiak (61) ist Professorin für Populäre Literaturen und Medien, Kinder- und Jugendmedien am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK) der Universität Zürich

Wie wichtig ist dabei die Rolle der Eltern? Führen sie ihre Kinder an die Figuren heran, die sie damals mochten?

Bei den kleineren Kindern ist das ganz sicher so. Es sind ja auch die Eltern, die die Bücher kaufen und dabei in eigenen Kindheitserinnerungen schwelgen. Bei Jugendlichen in der Pubertät funktioniert das dann nicht mehr so. Aber auch kleinere Kinder entdecken selbst Geschichten, online, im Fernsehen oder durch andere Kinder in der Schule.

Sie haben gesagt, dass die Figuren dem jeweiligen Zeitgeist angepasst werden. Haben Sie Beispiele?

Die «Biene Maja» stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts und ist ein problematisches Buch eines antisemitischen Autors. Da spielen kolonialistische Ideen eine Rolle, es schimmert durch, dass es eine überlegene Rasse gibt und unterschiedliche Zivilisationsstufen, wobei die besseren den anderen helfen sollen. Diese Elemente sind bei späteren Adaptionen dann teilweise verschwunden. Bei «Heidi» wiederum lässt sich gut beobachten, wie diese Stoffe internationalisiert und dabei inhaltlich geglättet werden. So bekommen die Geschichten etwas universell Gültiges und lassen sich auf der ganzen Welt verkaufen.

Und wie passierte das?

Es gibt ja zahllose Versionen, sodass jede Generation ihr eigenes «Heidi»-Bild im Kopf hat. Den ersten Film aus den 1920er-Jahren gibt es nur noch in Fragmenten. 1937 gabs eine US-Verfilmung mit Shirley Temple, die in den Staaten ein Grosserfolg war, in der Schweiz aber ganz schlecht ankam – viel zu amerikanisch. Anfang der 50er-Jahre kam eine Schweizer Version ins Kino, geprägt von der Idee der geistigen Landesverteidigung – dieses «Heidi»-Bild hat hier lange dominiert. In den 60er-Jahren modernisierten die Österreicher in einem Film das Setting, da gab es im Dorf Registrierkassen, und Heidi holte Herrn Sesemann vom Flughafen ab. Die TV-Serie in den 70er-Jahren mit René Deltgen fokussierte stark auf den sozialgeschichtlichen Kontext, zeigte also nicht nur Idylle, sondern auch in welcher Armut die Menschen lebten.

Und wodurch zeichnete sich die japanische Zeichentrickserie aus den 70ern aus?

Sie reduzierte das christliche Gedankengut der Vorlage und glättete Schweizer Eigenheiten – sie war auf den Weltmarkt ausgerichtet und hat sich auch exzellent verkauft. Bei den meisten dieser Adaptionen wurden alle Hintergrundgeschichten ausgeblendet, die kontrovers diskutiert werden könnten: etwa dass der Alpöhi einst ein Spieler und Söldner war und jemanden getötet hat. Eine radikale Modernisierung machte Markus Imboden 2001, er versetzte die Geschichte in die Gegenwart, man verschickt Mails, und Klara lebt in Berlin, hat blaue Haare und psychische Probleme. Das kam nicht so gut an, und so setzte Alain Gsponer 2014 wieder ganz klassisch auf Heimat und Tradition – so eine schöne Schweiz habe ich schon lange nicht mehr im Kino gesehen. Der Film wurde dann auch ein grosser Erfolg. Dass dennoch auch hier modernisiert wurde, zeigt sich daran, dass für Heidi im Buch keine eigene Laufbahn vorgesehen war, sie blieb in den Bergen und war Frau am Herd. Das geht heute natürlich nicht mehr, und so möchte sie im Gsponer-Film am Ende Schriftstellerin werden.

Helden im Abenteuer-Genre funktionieren meist bei beiden Geschlechtern, egal, ob sie männlich oder weiblich sind.

Gibt es ein weiteres Beispiel für Modernisierungen?

«Jim Knopf»: Das Buch hat Michael Ende Ende der 50er-Jahre geschrieben, damals war die Friedenserziehung in der deutschen Kinderliteratur das grosse Thema, so auch hier. Jim Knopf selbst ist schwarz, wird als Waisenkind in Lummerland aufgenommen, reist durch die Welt, trifft auf Chinesen – die Botschaft der friedlichen Koexistenz ist unübersehbar. Später kamen dann politisch «korrektere» Zeiten, man monierte Endes Sprache («Negerkind») und gewisse Stereotypisierungen, etwa bei den Chinesen. Dem Buch wurde gar Rassismus vorgeworfen, was ich etwas unfair fand, denn es ist halt in einer anderen Zeit entstanden. Sehr schön kann man die Modernisierungen an den beiden Versionen der Augsburger Puppenkiste sehen, die erste von 1961 war noch schwarz-weiss, die zweite von 1976 dann in Farbe. Dort haben sie bereits Pommes frites mit Ketchup gegessen, die es weder im Buch noch in der Schwarz-weiss-Version gab. Danach verschwand die Geschichte für eine Weile, und als sie in Form einer TV-Animationsserie 1999 wieder auftauchte, hatte bei den Motiven eine ziemliche Komplexitätsreduktion stattgefunden. Im Roman ging es auch um Logik und Philosophie, nicht nur beim Scheinriesen, einem Riesen, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Davon war nicht mehr viel übrig, der Fokus lag auf Handlung und Spannung.

Und Jim Knopf wurde vom typischen 50er-Jahre- zum 90er-Jahre-Kind?

Es ist eine Mischung, ein bisschen muss der alte Kern schon erkennbar sein. Aber im neuen Film hat Jim dann bestimmt ein Smartphone. (lacht)

Es gibt auch Figuren, die verschwunden sind, zum Beispiel Pan Tau. Weshalb hat der stumme Tscheche mit dem magischen Hut den Sprung in die heutige Zeit nicht geschafft?

«Pan Tau» gehört in die Tradition der tschechischen Märchenfilme. Und dort wird gern mit allen möglichen Themen gespielt, die bunt durcheinandergewürfelt werden, oft haben die Geschichten Brüche. Für Kinder ist das alles vermutlich weniger interessant als für Leute, die Spass an postmodernen, intellektuellen Spielereien haben – ich kann mich erinnern, dass ich das damals mit Studienkollegen geguckt und grossartig gefunden habe. Es geht zwar um die Sicht des Kindes auf die Erwachsenenwelt, aber Pan Tau bietet Kindern kein so grosses Identifikationspotenzial. Er ist zu wenig greifbar, zu poetisch. Was er mit seinem Zauberhut tut, ist irgendwie witzig, aber eigentlich versteht man nicht so genau, was das alles soll.

Ein anderer Klassiker ist der Kasperli, der als Hörspiel noch immer beliebt ist, den Sprung ins Kino und Fernsehen aber nicht mehr schafft.

Er hatte seine grosse Phase in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und repräsentiert eine sehr einfache Welt mit einem kleinen Figurenrepertoire, mit dem immer wieder ähnliche Geschichten erzählt wurden, auch zu Propaganda- oder satirischen Zwecken. Viel mehr liess sich daraus aber schlicht nicht machen, was wohl auch die Modernisierung und TV- oder Kinoadaptionen verhinderte. Die wenigen Kasperlitheater, die es heute noch gibt, sehen sich grosser medialer Konkurrenz gegenüber, die für Kinder häufig attraktiver ist.

Gibt es unterschiedliche Präferenzen, je nach Geschlecht der Kinder? Mögen Mädchen Jungshelden und Jungs Mädchenhelden oder bevorzugen sie das eigene Geschlecht?

Helden im Abenteuer-Genre funktionieren meist bei beiden Geschlechtern, egal, ob sie männlich oder weiblich sind. Mädchen hatten generell nie Probleme, Abenteuergeschichten mit männlichen Hauptfiguren zu lesen, während Jungs sich eher schwertaten mit der typischen Mädchenliteratur von früher. Mit der würden sich heute wohl auch viele Mädchen schwertun, stand dort doch im Zentrum, wie man eine gute Mutter und Ehefrau wird. Mitte des 20. Jahrhunderts kamen dann mit der Roten Zora und Pippi Langstrumpf die ersten starken Heldinnen. Und die mögen auch Jungs, Pippi Langstrumpf etwa, weil sie kein «typisches» Mädchen ist im Gegensatz zur ihrer langweiligen Freundin Annika.

Heute gibt es diverse solche Heldinnen, kommen die gut an?

Bei beiden Geschlechtern, ja. Hermione von «Harry Potter» etwa oder Katniss Everdeen aus den «Hunger Games». Schaut man gerade dort jedoch genauer hin, gibt es bei dieser Figur auch problematische Aspekte. Sie orientiert sich an männlichen Mustern und Werten, und die Geschichte endet mit ihrer Mutterschaft in der Idylle. Das ist ziemlich konservativ und altbacken. Aber grundsätzlich kriegen Frauen heute schon mehr Aktionspotenzial zugeschrieben als früher. Für Jungs würde das wohl nur dann schwierig, wenn die Heldinnen so stark würden, dass die männlichen Figuren keine Chance mehr hätten. Aber weil viele dieser Bücher und Filme mit einem Ensemble von Hauptfiguren arbeiten, finden alle jemanden, den oder die sie mögen können.

Auch Michael Endes Kinderbuchklassiker «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» kommt gerade neu ins Kino – zum ersten Mal als Realfilm. (Bild: Warner Bros. Ent.)

In TV-Serien für Erwachsene wird Diversität mehr und mehr gelebt, gibt es auch schon schwule oder lesbische Helden/-innen für den Kinder- und Jugendmarkt?

Oh ja, sogar recht viele. Die Kinderliteratur, selbst die für die ganz Kleinen, hat sexuelle Orientierung, Regenbogenfamilien und Wesen, die sich im falschen Geschlecht fühlen, schon sehr früh positiv thematisiert. Da gibt es alles, und es kommt auch ganz selbstverständlich daher. Manchmal ist Kinderliteratur schneller als die für Erwachsene.

Wäre heute auch ein schwuler Willy in einem «Biene Maja»-Film denkbar?

Ich würde sagen ja, so revolutionär wäre das nicht mehr. Und es wurde auch schon viel darüber diskutiert.

Haben diese TV-/Kino-Figuren einen Einfluss auf Einstellungen und Interessen der Kinder, gar eine Vorbildfunktion?

Ich denke schon, aber nicht für sich allein. Ein Kind hat nicht nur deshalb eine entspannte Haltung zu Schwulen und Lesben, weil es eine entsprechende TV-Serie gesehen hat. Dazu gibt es zu viele andere Einflüsse, denen sie ausgesetzt sind: Die Familie, Freunde, die Schule, ihre eigenen Erlebnisse – aus all dem zusammen entsteht ihre eigene Einstellung. Und: Auf der einen Seite gibt es jetzt starke Heldinnen, auf der anderen Seite ist im Spielwarenladen immer noch vieles geschlechtertrennend und klischiert in Rosa und Hellblau aufgeteilt.

Welche neuen TV-/Kino-Kindheitshelden gibt es, denen Sie eine ähnlich erfolgreiche Karriere prophezeien wie Biene Maja und Jim Knopf?

Harry Potter auf jeden Fall, weil da von Anfang an alle Bestsellerstrategien berücksichtigt wurden. Und Autorin J. K. Rowling ist ja noch aktiv und sorgt für neue Abenteuer aus dieser Welt. Sonst sehe ich vor allem Altes, das neu adaptiert wird. Es ist auch gar nicht so einfach, in einer von global agierenden Konzernen beherrschten Welt solche Figuren zu kreieren. Es gäbe vielleicht schon Autorinnen und Autoren, die das Talent dazu hätten, aber wenn die nicht mit den richtigen Leuten vernetzt sind, schaffen ihre Figuren es gar nie ans Licht der Öffentlichkeit.

  • master

Ein paar der beliebtesten Kinderhelden von Damals und Heute.

Im Kino: «Die kleine Hexe» (läuft bereits), «Die Biene Maja – Die Honigspiele» (ab 1. 3.), «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» (ab 29. 3.)

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