21. Oktober 2019

Unter der Zeitlupe

Bänz Friedli (54) bringt die Zukunft ins Spiel. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

«Schreib mal über die Zukunft», sagte Yvonne, «statt immer nur über die Vergangenheit.» Und mir war es gar nicht aufgefallen, dass ich zuletzt öfter zurückgeblickt hatte. «Das willst du gar nicht wissen, wie diese Zukunft aussieht», gab ich scherzhaft zurück.

Ich stelle sie mir manchmal schon vor, die Zeit im Altersheim. Wir werden viele sein, wir Alten. Werden Serien von anno dazumal streamen, etwa «La Casa de Papel», und von den alten Zeiten schwärmen, werden uns zusammen Oldies anhören und leise mitbrabbeln: «Null, sibe, nüün, het si gseit …», werden gemeinsam an einer antiken Spielkonsole uralte Videospiele spielen, zum Beispiel «FIFA 19». Aber weil wir dann nicht mehr flink genug sind, werden wir vermutlich nur noch Slow Motion nachspielen können: die Zeitlupe, wie wir Älteren sie nennen.

Mir fällt bei jeder Zeitlupe ein, was unsere kleine Tochter während der ersten Fussballendrunde sagte, die sie verfolgte, 2006: «Also, weisst du, Vati», sagte sie, «die Zeitlupe finde ich das uu mega Schwierigste an der WM. Weil, da müssen sie immer alles noch mal genau gleich spielen.» Verzeih, Yvonne! Bin schon wieder in die Vergangenheit gerutscht. Meine Zukunft? Sie wird jeden Tag kürzer. Aber ich möchte noch vieles lernen. Zu crawlen statt immer nur brustzuschwimmen. Surfen möchte ich können. Und ans Gitarrespielen will ich mich schon seit Ewigkeiten machen, weil ich mir dann eine original Rickenbacker kaufen könnte. Für mich wäre das so etwas wie für andere Männer mittleren Alters der Kauf einer Harley-Davidson, aber es wäre, zugegeben, fast ebenso peinlich. Dies freilich habe ich längst gelernt: mich nicht darum zu scheren, was andere denken.

Eine Leserin befand neulich, ich solle aufhören, beschriftete T-Shirts zu tragen, das gezieme sich in meinem Alter nicht. Ich musste nur schmunzeln. Peinlich ist höchstens, wie gierig ich Trauben esse. Ich reisse stets mehrere Beeren von den Rappen – so heissen, hab ich gelernt, die Ästchen des Stielgerüsts – und stopfe sie in den Mund, während ich mit der anderen Hand schon neue Beeren abklaube. Wie ein Süchtiger. Ja, unsüchtig Trauben zu essen, das sollte ich noch lernen. Ausserdem will ich mal Hummus selber machen, und meine Rösti befriedigt mich noch immer nicht ganz. Auch die Reise nach Alaska habe ich noch nicht abgeschrieben.

Ich werde Yvonne, die viel jünger ist als ich, davon erzählen, sollte sie mich dereinst im Altersheim besuchen. Und vielleicht sage ich ihr dann: Weisst du, Yvonne, nur wenn wir die Vergangenheit kennen, können wir die Zukunft gestalten.

Die Hörkolumne (MP3)

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