30. Juni 2017

Unsere besondere Beziehung zu Europa

Die EWR-Vorlage vom 6. Dezember 1992 zählt zu den wichtigsten Abstimmungen der Schweiz in der Nachkriegszeit. Das Volks-Nein markierte den Beginn des Bilateralismus.

Demonstrationen nach dem EWR-Nein
Rund 6000 Menschen demonstrieren am 19. Dezember 1992 vor dem Bundeshaus nach dem Nein zum EWR-Beitritt. (Bild: Keystone)

Für Michael Hermann (45), Geschäftsführer der Forschungsstelle Sotomo in Zürich, ist klar: «Die Vorlage zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) zählt historisch zu den folgenreichsten Abstimmungen in der Schweiz. Bei einem EWR-Ja wäre die Masseneinwanderungsinitiative viele Jahre später gar nicht realisiert worden.» Als EWR-Mitglied hätte sich die Schweiz an Kontingente zur Einwanderung halten müssen, begründet der Politgeograf.

Der Historiker Jakob Tanner (66) urteilt ähnlich: «Die EWR-Abstimmung war eine wichtige innenpolitische Weichenstellung im Verhältnis Schweiz – Europa.» Danach sei in der Schweiz der Bilateralismus erfunden worden.

Hermann bezeichnet die 90er-Jahre nach der bleiernen Schwere des Kalten Kriegs als Jahrzehnt des Aufbruchs mit Politikern wie Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder, «die den dritten Weg verkörperten». Und in dem Jahrzehnt, als in der Schweiz gleich drei Landsgemeinden abgeschafft wurden, kam es am 1. August 1991 zur berühmten Rede des damaligen Nationalratspräsidenten Ulrich Bremi, der als Wirtschaftsfreisinniger rhetorisch fragte: «Wohin brechen wir auf? Die Antwort kann nur lauten: Europa.»

«Aktenzeichen EWR – bald gelöst?»

Im Vorfeld der Abstimmung startete der Brückenbauer eine EWR-Serie und beschäftigte sich mit dem Thema. Zum Auftakt titelte er am 5. August 1992 «Aktenzeichen EWR – bald gelöst?» und schrieb: «Wenn die Schweiz dem Europäischen Wirtschaftsraum fernbleibt, werden noch mehr Investitionen ins Ausland verlagert. Dann ginge es wirklich um Arbeitsplätze – und ­‹as Läbige›.»

Der Brückenbauer über den EWR

Ausgabe vom 5. August 1992