27. August 2012

Unser Mann in Washington

Arthur Honegger steckt mitten im grössten und teuersten Politspektakel der Welt: dem Wahlkampf um die US-Präsidentschaft. Der SF-Korrespondent berichtet diese Woche vom republikanischen Parteitag in Florida. Wir haben ihn in Washington besucht.

SF-Korrespondent Arthur Honegger
Der SF-Korrespondent im Studio.

Plötzlich ein gewaltiges Sirenengeheul. «Das ist Obama.» Arthur Honegger (33) geht ans Fenster seines Eckbüros an der M Street in Washington DC und schaut auf die Strasse hinunter. «Ja, das ist er in seinem gepanzerten Wagen, ‹the Beast›.» Unten fährt eine Kolonne schwarzer Autos vorbei, begleitet von Polizisten auf Motorrädern. Alle anderen Verkehrsteilnehmer bewegen sich zur Seite, als ob ein Krankenwagen freie Fahrt verlangte. Sekunden später ist das Spektakel vorbei, und der normale Verkehrsfluss nimmt wieder seinen Lauf.

Präsident Obama vor der Kamera

Der US-Präsident scheint allgegenwärtig in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten, aber als Auslandkorrespondent aus der kleinen Schweiz hat man dennoch wenig Chancen, ihm je nahe zu kommen. Honegger ist es erst einmal gelungen. «Als Joseph Deiss das Präsidium der Uno-Generalversammlung übernahm, kam es zu einem Treffen mit Obama, bei dem wir mit der Kamera anwesend sein durften. Aber es hiess schon vorher: keine Fragen. Daran habe ich mich dann gehalten, was ich übrigens nicht immer tue.»

Arthur Honegger bei der Vorbereitung auf ein Livegespräch mit der «Tagesschau».
Arthur Honegger bei der Vorbereitung auf ein Livegespräch mit der «Tagesschau».
Das Weisse Haus, das jeweils im Hintergrund erscheint, wird elektronisch eingeblendet.
Das Weisse Haus, das jeweils im Hintergrund erscheint, wird elektronisch eingeblendet.

Barack Obamas republikanischem Kontrahenten im Präsidentschaftswahlkampf, Mitt Romney, konnte er hingegen schon mal ein paar Fragen stellen. Allerdings war das vor vier Jahren, als Romney für den damaligen republikanischen Kandidaten John McCain warb. Auch zwei gescheiterte Anwärter auf die republikanische Kandidatur 2012 konnte er auf Wahlkampftour schon befragen: den ultrareligiösen Rick Santorum und die Tea-Party-Ikone Michele Bachmann.

Generell aber ist es nicht so leicht, direkt an wichtige Persönlichkeiten heranzukommen. «Es braucht manchmal einfach Glück. Bei einigen frage ich rituell alle paar Monate an, und manchmal klappt es dann sogar.» Auf diese Weise gelang es ihm nach eineinhalb Jahren endlich, den Mediensprecher der mächtigen US-Steuerbehörde IRS vor die Kamera zu bekommen und ihn zum Steuerstreit mit der Schweiz zu befragen.

Es ist ein Traumjob für einen Politjunkie wie mich.

Natürlich hätte er auch Präsident Barack Obama selbst sehr gerne mal im Interview. «Aber realistischerweise wird das kaum passieren. Schon ein US-Sender muss sich glücklich schätzen, wenn ihm das gelingt. Vielleicht gäbe es den Hauch einer Chance, wenn Obama — oder sein Nachfolger — mal ans WEF nach Davos fahren würde.»

Seit vier Jahren berichtet der gebürtige Bündner jetzt schon aus den USA, zunächst aus New York mit Fokus auf Wirtschaftsthemen und Uno, seit Januar als Bureau Chief aus Washington mit Schwerpunkt Politik. «Ein Traumjob für einen Politjunkie wie mich.»

Honegger bemüht sich um Neutralität

Eine Prognose für den Wahlausgang im November wagt er nicht. «Das wäre unseriös. Obama und Romney liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, und bis zur Wahl kann noch viel passieren. Die Kandidaten werden sehr viel Geld ausgeben, um relativ wenige Wähler in ein paar bestimmten Bundesstaaten zu überzeugen.» Natürlich hat er einen persönlichen Favoriten, bemüht sich aber in seiner Berichterstattung um grösstmögliche Neutralität. «Wer das nicht kann, sollte nicht journalistisch tätig sein», findet Honegger.

Honegger ist ein grosser Fan des Schauspielers Sylvester Stallone. Dessen Statue ziert sein Büro und ist behängt mit den diversen Zugangsausweisen für die Medienanlässe der letzten paar Jahre.
Honegger ist ein grosser Fan des Schauspielers Sylvester Stallone. Dessen Statue ziert sein Büro und ist behängt mit den diversen Zugangsausweisen für die Medienanlässe der letzten paar Jahre.

«2008 war Obama ein kulturelles Phänomen, dieser Nimbus ist weg, er muss sich nun an seinen Leistungen als Präsident messen lassen. Und damit sind viele nicht zufrieden. Klar, kann er argumentieren, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können, aber ‹Could have been worse› ist nicht ‹Yes, we can›.» Honegger erwartet weiterhin einen Wahlkampf mit viel Negativpropaganda.

Neben der US-Politik hat ihn in den letzten Jahren auch der Steuerstreit mit den Schweizer Banken stark beschäftigt, der kurz nach seiner Ankunft in den USA durch Ermittlungen der IRS gegen die UBS ausgelöst wurde. «Allerdings kümmert dieses Thema hier nur ein paar wenige Politiker und Juristen. Joe Sixpack, der Mann von der Strasse, hat noch nie davon gehört. Entsprechend hat das Image der Schweiz in den USA nicht gelitten.»

Er warnt auch davor, die Angriffe auf die Schweizer Banken allzu persönlich zu nehmen. «Die USA wollen einfach ihre Gesetze durchsetzen, das geht nicht gegen die Schweiz an sich. Aber sie sind halt gross und mächtig und gewohnt zu bekommen, was sie wollen.» Dieser Steuerkonflikt werde die Schweiz sicherlich noch eine Weile begleiten, denkt Honegger.

Seine Arbeitszeiten sind unregelmässig und erfordern viel Flexibilität. «Manchmal gibt es Tage, da arbeite ich 15 Stunden und gleich noch das Wochenende durch, dann gibts andere, die sind eher locker.» Hinzu kommt die sechsstündige Zeitverschiebung, die gelegentlich Einsätze am sehr frühen Morgen erfordert. «Wenn ich morgens aufstehe, weiss ich nie so genau, wie der Tag ablaufen wird. Aber daran gewöhnt man sich. Es wird sicher nie langweilig.»

Das Publikum reagiert auf den Dreitagebart

Vor den Liveschaltungen in die Schweiz hat er auch heute noch Lampenfieber. «Du weisst, jetzt kommts drauf an. Früher habe ich mir meine Adrenalinschübe beim Sport geholt, heute habe ich sie im Job.»

Kleine Arbeitspause: Honegger bei einem Kaffee in seinem Lieblingsbuchladen Kramerbooks im Stadtzentrum von Washington.
Kleine Arbeitspause: Honegger bei einem Kaffee in seinem Lieblingsbuchladen Kramerbooks im Stadtzentrum von Washington.

Für seine Beiträge im Fernsehen, insbesondere in der «Tagesschau» und im «10vor10», muss er verkürzen und verdichten, nur das Allerwichtigste hat Platz. «Eine spannende Aufgabe, die mir Spass macht. Natürlich kann ich nie alles zu einem Thema sagen, was es zu sagen gäbe, und manchmal würde ich gern mehr erzählen. Aber wir machen Fernsehen, sprich: Wir liefern das Wichtigste in Kürze. Wer das Thema vertiefen will, kann das im Internet, in Zeitungen oder Zeitschriften tun oder am besten: ein Buch lesen.»

Honegger steht aber nicht nur vor der Kamera, er bloggt auf der Website des Schweizer Fernsehens, und seit einiger Zeit twittert er auch regelmässig. «Lustigerweise beschäftigt das TV-Publikum weniger der Inhalt meiner Aussagen als der Zustand meines Dreitagebarts. Offenbar ist mein Look einigen zu unrasiert.»

Wenn ich morgens aufstehe, weiss ich nie so genau, wie der Tag abläuft.

Sein junges Alter hingegen scheint kein Problem zu sein — es war auch kein Thema, als ihn das SF 2008 mit nur gerade 28 Jahren nach New York schickte. Für viele ist es nicht leicht, einfach so ins Ausland zu gehen, weil es sich mit dem Privatleben oft nur schlecht vereinbaren lässt. Arthur Honegger hatte Glück. Seine finnische Ehefrau Henna (32) hatte keine Einwände mitzukommen.

«Sie ist sehr eigenständig und weiss genau, was sie will. Wir haben es diskutiert, und wenn sie nicht gewollt hätte, hätte ich den Job nicht angenommen. Es gibt wichtigere Dinge als den Beruf.» Ein Glücksfall war auch, dass sie ihren angestammten Job als Reisefachfrau bei einer Schweizer Privatairline problemlos von den USA aus online weitermachen konnte. Mittlerweile haben die beiden eine Tochter (2), die nun neben finnisch und deutsch auch etwas englisch zu sprechen begonnen hat.

In dieser idyllischen, baumgesäumten Strasse wohnt Arthur Honegger mit Frau und Tochter. Ins Büro gehen kann er zu Fuss.
In dieser idyllischen, baumgesäumten Strasse wohnt Arthur Honegger mit Frau und Tochter. Ins Büro gehen kann er zu Fuss.

Honegger ist zu Schweizer Arbeitsbedingungen in Washington angestellt, muss aber die höheren Mietkosten, Krankenkassenprämien und Steuern selbst berappen. Von einem luxuriösen Expat-Leben kann also keine Rede sein. Die junge Familie lebt idyllisch in einer kleinen, grünen Seitenstrasse, von der Honegger innert zehn Minuten ins Büro spazieren kann. Neben ihm sitzen an der M Street auch die TV- und Radiokorrespondenten der anderen Sprachregionen.

Als eine zentrale Differenz zwischen Amerikanern und Schweizern empfindet Honegger die Haltung zur Qualität: «Schweizer versuchen immer, das Optimum rauszuholen. Amerikaner bauen eine Brücke, damit sie gebaut ist — wie gut, ist zweitrangig. Das zieht sich durch alle Lebensbereiche.»

Tochter soll in der Schweiz zur Schule

Schon jetzt ist für Honegger klar, dass das Korrespondentenleben in rund vier Jahren zu Ende gehen wird. «Zwei Auslandposten nacheinander ist das Maximum beim SF», sagt er. «Ausserdem soll unsere Tochter in der Schweiz zur Schule gehen.» Wie es für ihn danach weitergeht, ist noch offen. Ein Job als Auslandkorrespondent in Washington ist allerdings nur schwer zu toppen. «Ich will auf jeden Fall beim Fernsehen bleiben — den Rest sehen wir, wenn es so weit ist.»

So funktionieren die Wahlen in den USA

Am 6. November wählen die 314 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner ihren Präsidenten und grosse Teile des Parlaments. Amtsinhaber Barack Obama möchte für eine zweite Amtszeit gewählt werden. Sein Herausforderer, Mitt Romney, wird diese Woche an der republikanischen Convention in Florida offiziell zum Gegenkandidaten gesalbt.

Zwar gibt es auch in den USA viele Parteien, aber nur die Demokraten und die Republikaner sind im politischen Prozess relevant. Gewählt werden die Präsidentschaftskandidaten nicht direkt, sondern via Elektoren. Wer mindestens 270 von 538 erreicht, ist Sieger.

Der US-Wahlkampf spielt sich primär in den einzelnen Bundesstaaten ab. Jeder Staat hat eine bestimmte Menge Elektoren, basierend auf der Bevölkerungsmenge. Kleine Staaten wie Alaska oder North Dakota haben nur 3, der grösste ist Kalifornien mit 55, gefolgt von Texas mit 38. Derjenige Kandidat, der in einem Bundesstaat die Mehrheit der Stimmen gewinnt, erhält sämtliche Elektoren des Staates. Dies hat zur Folge, dass Staaten, die verlässlich demokratisch wählen (wie Kalifornien oder New York) oder immer republikanische Mehrheiten erzielen (wie Texas oder Louisiana) für den Wahlkampf irrelevant sind.

Die Kandidaten fokussieren ihren persönlichen und finanziellen Einsatz auf die sogenannten Swing States, jene rund zehn Bundesstaaten, die regelmässig wechselnde Mehrheiten haben (wie Florida oder Ohio). Letztlich entscheiden die Wechselwähler in diesen Staaten, wer Präsident wird (die Stimme eines Republikaners in Kalifornien ist genauso verloren wie die einer Demokratin in Texas). Um diese Wähler auf ihre Seite zu ziehen, haben die Präsidentschaftskandidaten 2008 über eine Milliarde Dollar aufgewendet, so viel wie noch nie. 2012 dürfte noch teurer werden.

Bilder: Stephen Voss

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