04. Juni 2012

Ungesunde Affären

Fremdgehen ist Dauerstress für den Körper mit gravierenden gesundheitlichen Folgen. Nicht nur der Betrogene leidet körperlich. Auch der Fremdgänger selbst geht ein hohes Risiko ein.

Fremdgänger setzen die Gesundheit aufs Spiel
Die meisten Fremdgänger haben keine Ahnung, dass sie mit einem Seitensprung ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen. (Bild: Plainpicture)

Spaniens König Juan Carlos ist ein Freund der Frauen. Nach einem Unfall bei der Elefantenjagd in Botswana wurde öffentlich, dass er seine Frau Sofia notorisch betrügt — angeblich mit um die 1000 Gespielinnen. Niemand war überrascht, als der Hof die für den 14. Mai geplanten Feierlichkeiten zur Goldenen Hochzeit des Königspaars abgesagt hatte. Das Mitleid gilt nun der Königin. Sie schweigt eisern. Aber sie wirkt verhärmt. Eine glückliche Frau sieht anders aus.

Fremdgehen bringt kein Glück, das weiss theoretisch fast jeder, und so fordern in Umfragen 90 Prozent der Teilnehmer Treue. Was aber die wenigsten wissen: Ein Seitensprung kann sogar richtig krank machen. Eine Studie des Instituts für Psychologie an der Universität Göttingen (D) kommt zu erschreckenden Ergebnissen: Fast zwei Drittel der Betrogenen, Frauen wie Männer, klagten über Schlafstörungen, Albträume und Konzentrationsschwierigkeiten. Viele verfielen in Depressionen, litten unter Bauchschmerzen, Schweissausbrüchen und Herzrasen: typische Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie sie nach existenziell bedrohlichen Ereignissen auftreten, etwa nach einem schweren Unfall. Noch sechs Monate nach Aufdeckung der Affäre waren 40 Prozent der Befragten nicht über den Berg. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich bei der Eskapade um einen einmaligen Ausrutscher oder eine dauerhafte Liaison gehandelt hatte.

Jede zweite Ehe ist von Untreue betroffen

Am meisten erstaunt jedoch, dass auch Fremdgänger ihre Gesundheit riskieren: Der Stress der Heimlichkeit setzt das Gehirn unter Daueralarm. Eine italienische Studie an Männern, die eine Doppelbeziehung unterhielten, kam zu dem Ergebnis, dass diese häufiger unter Migräne litten und eine erhöhte Neigung zu Arterienerweiterungen zeigten. Diese sogenannten Aneurysmen sind, wenn sie platzen, lebensbedrohlich. «Fremdgehen ist immer Hochrisikoverhalten. Die Folgen sind extrem unberechenbar», sagt der Psychologe und Paartherapeut Klaus Heer. Denn die wenigsten Menschen seien «gewiefte Lügner. Sie sind beim Auswärtsgrasen ungeschickt, kopflos und ausgerüstet mit einem sensiblen Gewissen».

Die Warnungen werden offenbar in den Wind geschlagen. Die Schweizer Beziehungsexpertin Julia Onken befragte für ihr Buch «Die Kirschen in Nachbars Garten» 1000 Testpersonen zum Thema Untreue. Mehr als die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer gaben zu, oft beziehungsweise sehr oft davon zu träumen, auch mit anderen Personen sexuell zu verkehren. Dem Wunsch folgt verblüffend oft die Tat. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass jeder dritte Mann und jede fünfte Frau schon mindestens einmal fremdgegangen ist. Andere Studien besagen, dass fast jede zweite Ehe mindestens einmal von Untreue betroffen ist. Julia Onkens Umfrageergebnis ist noch pessimistischer: Mehr als die Hälfte, 64 Prozent aller Befragten, lebten nicht monogam. Vor allem die Frauen holen auf: Laut neueren Studien landen sie sogar häufiger in fremden Betten als Männer.

Man gönnt sich den Fehltritt wie ein opulentes Dessert

Nie war Fremdgehen so leicht wie heute. Vor allem das Internet eröffnet Fremdgängern ungeahnte Möglichkeiten. Sogenannte Seitensprungportale wie Ashley Madison wachsen rasant. Der Slogan «Leisten Sie sich eine Affäre» suggeriert, ein erotischer Fehltritt sei etwas, das man sich gönnt wie ein opulentes Dessert. Anonym, leicht zugänglich, preiswert: das Basispaket mit 20 Kontakten, erhältlich für 99 Franken. Ashley Madison hat über 14 Millionen Mitglieder in 22 Ländern. «Unser Umsatz ist um 50 Prozent gestiegen. Die Schweiz einer unserer weltweit stärksten Märkte», sagt Christoph Kraemer, der zuständige Direktor für die Schweiz.

Derzeit fahnden 160'298 Schweizer zwischen 18 und 72 Jahren nach Gleichgesinnten, zu 88 Prozent verheiratete Männer aus allen Bevölkerungsschichten. «Je schlechter die Wirtschaftslage, desto grösser der Zulauf», behauptet Kraemer. «Eine Scheidung können sich viele nicht mehr leisten.» Auch der Wunsch, etwas «Verbotenes» zu probieren, sei ein Faktor.

Kein Fremdgänger möchte seinem Partner etwas Böses antun, betont Klaus Heer: «Sie können schlicht der Versuchung des prallen Lebens nicht widerstehen». Doch was nützt das, wenn die Gesundheit bedroht ist? «Irgendwann muss man sich überlegen, ob man seine Beziehung nicht überdenken und mit dem Partner reden soll», sagt selbst Christoph Kraemer. Doch der Prozess der Traumaheilung ist langwierig und funktioniert nur mit klarem Kopf. «Wutanfälle, Besäufnisse oder depressive Rückzüge bringen gar nichts», betont Paartherapeut Klaus Heer. Der einzige Ausweg sei, sich Hilfe zu holen, von vertrauten Freunden, den Eltern oder Geschwistern, eventuell von einem Psychiater oder Psychotherapeuten.

Womöglich kommt das Paar dann zum Schluss, dass der kurze Kick eines Seitensprungs die langen Leiden nicht wert ist.

Autor: Christiane Binder

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