18. Juni 2018

... und zweitens, als man denkt

Bänz Friedli bemüht diesmal Liedzitate. Hier kannst du die Hörkolumne herunterladen und dich mit dem Autor und anderen Leser(innen) austauschen.

Spülmaschine
«Chasch dr ganz Tag ir Chuchi stah …»

Verkehrte Welt. Am Konzert des jungen Amerikaners, der so unverschämt sexy singt, bin ich der Älteste, vermutlich mit Abstand. Lauter junge Leute um mich herum tanzen und wippen, nippen an ihren Drinks und gehen ganz in der Musik auf. Dienstagabend ists. Wer nun denkt, in einem Konzertlokal voller Jugendlicher würden zig Arme mit Handys in die Höhe gereckt, der irrt. Den ganzen Abend über leuchtet kaum ein Display, keine filmt, keiner fotografiert. Am Mittwoch – purer Zufall – besuche ich schon wieder ein Konzert: das zweier Schwyzerörgeler. Und bin diesmal bei Weitem der Jüngste im Publikum. Die Musik ist völlig anders, aber genauso hinreissend wie tags zuvor. Die angegraute Zuhörerschaft lauscht andächtig. Doch just der älteste Herr, er muss weit über 80 sein und sitzt mit seinem schlohweissen Haarkranz unmittelbar vor mir, hantiert dauernd mit seiner Handy­kamera, knipst und filmt unablässig.

Wir lernen: Junge Menschen sind nicht immer so, wie wir sie uns vorstellen. Und greise schon gar nicht. Oder wie Mani Matter sang: «D Wält isch so perfid, dass sii sech sälte oder nie nach Bilder, wo mir vore gmacht hei, richtet.» Mir fällt ohnehin zu jeder Lebens­lage eine Liedzeile ein. Jedes Mal, wenn Besuch kommt, raune ich irgendwann beim Abräumen zu meiner Liebsten: «Chasch dr ganz Tag ir Chuchi stah …» Darauf sie: «Ire Viertuschtung ischs gfrässe.» Züri West wissen fast immer Rat. Oder gibts eine bessere Metapher für die Genügsamkeit derer, die allmählich erwachsen werden, als: «Solang no Chöle usechöme, we me ds Chärtli inelaht …» Bei jedem Postomat-Bezug denke ich an die Liedstelle, mehr noch: Ich singe sie. Laut. Und ernte das Kopfschütteln der Umstehenden.

Versteht man einander indes, können Songzitate wunderbare Abkürzungen sein. Angesichts eines Jugendlichen, dem es in seiner Haut offenbar nicht wohl ist, sagt meine Frau bloss: «Vorrei passare …» Und ich weiss, sie meint den Rap, in dem Jovanotti erklärt, er hätte die Jugendjahre am liebsten übersprungen, um dem ersten Verrat, dem ersten Absturz, dem ersten Liebeskummer zu entgehen: «Vorrei passare dai dieci ai trenta per non subire questa tortura.» Am 21. Juni kommt Jovanotti in die Schweiz. Er hat mir mal verraten, weshalb seine Konzerte so toll sind: Das habe er alles dem Papst und den Kardinälen mit ihren Prunkgewändern und süffigen Liturgien abgeschaut. Er sei nämlich im Vatikan aufgewachsen, sein Vater habe in der päpstlichen Gendarmerie gedient. Nun will es der Zufall, dass am selben Tag auch der Papst die Schweiz besucht.

Bestimmt werden beide eine super Show abziehen, aber man kann nicht alles haben – ich habe mich für Jovanotti entschieden.

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