05. Juli 2019

Wo heute noch 14 Frauen an Webstühlen sitzen

Die Stiftung Manufactura Tessanda im Val Müstair ist eine der letzten Schweizer Handwebereien. 14 Frauen fertigen hier moderne Stoffe nach alter Handwerkskunst. Vor nicht allzu langer Zeit war der Traditionsbetrieb ein Sorgenkind. Aber dann kam hoher Besuch – und die Wende.

22 Holzwebstühle stehen in der Weberei Tessanda.
22 Holzwebstühle stehen in der Weberei Tessanda. Sie sind zum Teil über 100 Jahre alt.
Lesezeit 6 Minuten

Die Füsse in den Geräteturnschuhen gleiten elegant über Vreni. So heisst der Webstuhl, an dem Asya Buchli (17) auf Holztritten das Muster komponiert. Alle Webstühle tragen hier einen Namen: Mammut, Perla, Grischun, alte Dame. Sie brauchen einen, damit die 14 Weberinnen ihre Arbeit koordinieren können. «Arbeitest du heute an Vreni?», könnte Ausbilderin Alexandra Salvett (45) Lehrtochter Asya am Morgen gefragt haben. Sie selbst webt gerade im Nebenzimmer an Tredeschin, benannt nach einem Engadiner Märchen. Sich Vreni oder Tredeschin in Stuhlgrösse vorzustellen, wäre allerdings verfehlt: Die zum Teil über 100 Jahre alten Arbeitsgeräte sind bis zu 4,5 Meter breit und drei Meter lang – eindrückliche Holzkonstruktionen, einst von Handwerkern aus dem Tal gefertigt.

Es ist ein betriebiger Dienstag kurz vor der Touristensaison bei Tessanda, einer der letzten Schweizer Handwebereien, in Santa Maria GR. Aus allen Ecken des zweistöckigen Hauses knallt es, denn so weich die späteren Stoffe sind, so hart sind die Geräusche bei der Herstellung. Sch-sch-ha! Sch-sch-ha! Alle Weberinnen tragen Ohrstöpsel. Elisabeth Rettenbacher (47) arbeitet gerade im neuen Schauraum neben dem Verkaufsladen; durch ein Fenster können die Passanten vom Plaz d’Ora hineingucken. Als eine ältere Besucherin den Raum betritt, nimmt die Weberin die Stöpsel aus den Ohren. Sie gibt bereitwillig Auskunft über ihre Arbeit, die heute nur noch wenige Menschen beherrschen geschweige denn professionell ausüben.

Sie haben zusammengehalten

Als die Handweberei 1928 in Santa Maria gegründet wurde, hatten die Frauen – meist Mägde, die ein hartes Leben führten – im mausarmen Val Müstair nur wenige Chancen auf ein eigenes Einkommen. Um ihnen eine anerkannte Ausbildung und Arbeitsstellen zu bieten, gründeten der Dorfpfarrer, eine Handarbeits- und eine Weblehrerin die heutige Stiftung Manufactura Tessanda. 1000 Franken betrug der Jahreslohn einer Handweberin. Die Nachfrage nach den Stoffen war gross und wuchs bald über die Grenzen des Tals hinaus. Doch nach erfolgreichen Jahrzehnten verdrängten zunehmend industriell hergestellte Textilien die Handwebkunst – die Umsätze stagnierten, viele Handwebereien mussten schliessen.

166 Kilometer Faden sind manchmal bei einem Webstuhl eingespannt.
166 Kilometer Faden sind manchmal bei einem Webstuhl eingespannt.

«Dass Tessanda überlebt hat, war wohl einfach Glück», sagt die Geschäftsleiterin und Ad-interims-Stiftungsratspräsidentin Maya Repele (60), während sie über die knarrende Treppe in den obersten Stock des Tessanda-Hauses geht. «Doch es waren immer Leute mit viel Engagement an Bord.» Sie ist auch so eine. Seit sie dabei ist, hat sich viel getan. Neues Logo, neue Designs, neue Liebe zum Detail. Vorher wirkte die Marke, vorsichtig ausgedrückt, etwas verstaubt. Es ist zehn Uhr am Morgen, die Weberinnen, die Geschäftsleiterin, die Büro- und die Verkaufsangestellten treffen sich zur Kaffeepause. Für einmal ist es still im Haus, die Gewebe ruhen bunt auf den Stühlen, einzig das Lachen der Frauen erhellt das Gebäude.

Vor nicht allzu langer Zeit gab es nicht viel zu spassen. Bevor Maya Repele kam, war bei Tessanda eine Stiftungsratsleitung am Drücker, die mehr Frust als Lust stiftete. Es sei eine schwierige Zeit gewesen, sagen die Weberinnen; viele von ihnen blicken dabei betrübt auf die Tischplatte. Die Weberinnen seien gegeneinander aufgehetzt, kontrolliert, für noch so kleine Fehler gerügt worden. Lange glaubte ihnen niemand. Tessanda wurde zum Sorgenkind des Tals. Die Situation spitzte sich derart zu, dass der gesamte Stiftungsrat im Frühling 2017 per sofort zurücktrat. Wäre das nicht passiert, wären die Weberinnen freiwillig gegangen. Und sie, die dieses alte Handwerk im Schlaf beherrschen, wären weitaus schwerer zu ersetzen gewesen. «Ich hätte meinen Traumberuf aufgeben müssen, das wäre schlimm gewesen für mich», sagt eine von ihnen. «Jetzt ist ja alles gut», tröstet die ­Kollegin. «Wir haben zusammengehalten», fügt eine andere stolz hinzu. Alle ­nicken – und lachen wieder.

Kreationen für die urbane Kundschaft

Die Pause ist vorbei, die Weberinnen verteilen sich erneut in die elf Räume. Lehrtochter Asya richtet jetzt gemeinsam mit ihrer Ausbilderin einen Webstuhl für ein neues Gewebe ein – je nach Muster, Grösse und Rohgarn kann dieser Prozess zwei bis vier Tage dauern: Tausende von Fäden müssen präzise eingezogen werden, jeder einzelne von Hand verknüpft. Sind die beiden fertig damit, wird das Farbmuster für ein Hamamtuch gewebt. Die Tücher sind neu im Sortiment, deshalb müssen die Weberinnen genau wissen, wie die Farben sich im Zusammenspiel verhalten. Orange, Dunkelblau, Hellblau, Grün. Weil Handgefertigtes und Nachhaltiges vor allem im städtischen Raum wieder voll im Trend ist, sind 60 Prozent des Sortiments erneuert und dem urbanen Stil angepasst worden. Und an jedem Produkt hängt ein Schildchen mit dem Foto der Weberin und einem individuellen, selber ausgewählten Spruch. Lehrtochter Asyas Botschaft lautet: «Kreativität und Genauigkeit – beides ist wichtig.»

Das Gewebe entsteht, indem die Weberin das sogenannte Schiffchen mit der Spule darin durch die Fäden schiesst.
Das Gewebe entsteht, indem die Weberin das sogenannte Schiffchen mit der Spule darin durch die Fäden schiesst.

Asya ist eine von landesweit drei Auszubildenden, die im laufenden Schuljahr die Lehre zur Gewebegestalterin absolvieren. Dank der Lehrstelle bei Tessanda kann die Berufsschule im Tal bleiben – sie ist mit fünf Schülern die kleinste der Schweiz. Asya lernt im ersten Jahr und stammt aus Klosters GR; wochentags wohnt sie bei einer Schlummermutter im Tal. Für den Beruf der Gewebegestalterin hat sie sich entschieden, weil ihr das Schnuppern so gut gefallen hat. Noch beherrscht sie nicht alle anspruchsvollen Muster, aber das Weben macht ihr Spass. Wo sie nach der Lehre arbeiten will, weiss Asya noch nicht. «Vielleicht in einer geschützten Werkstätte mit Behinderten.»

Individueller Rhythmus

Unten webt Elisabeth Rettenbacher wieder im Schauraum. Die Grenzgängerin wohnt im Südtirol und pendelt täglich ins Münstertal. Zurzeit arbeitet sie an einem Geschirrtuch. «Einer unserer Klassiker», erklärt sie. Bei Tessanda hat sie bereits die Lehre absolviert. Seit 2015 ist sie wieder im Betrieb. Früher wie heute ist er ein wichtiger Arbeitsort für Frauen aus der Region – wie alle anderen Frauen hier ist Rettenbacher auf den Lohn angewiesen, den die Handweberei ihr einbringt.

Es ist eine körperlich anstrengende Arbeit. Die immergleichen Bewegungen können zu Sehnenscheidenentzündungen, Rückenproblemen oder Verspannungen führen. Darum hat Elisabeth Rettenbacher sich ein Sitzkissen besorgt; ihr Physiotherapeut hat ihr dazu geraten. Das Schöne am Weben aber – da sind sich alle einig – ist der Rhythmus, wenn die Füsse sich an ein Trittmuster gewöhnt haben und wie von allein wissen, welche Tasten sie wann zu treten haben. Dabei hat jede Weberin ihren eigenen Rhythmus. «Durch das blosse Hören weiss ich genau, wer gerade am Weben ist», erklärt Webchefin Alexandra Salvett. Wer einen schönen Takt hat, wird dafür bewundert. Es gibt aber auch solche, die einen eher aggressiven, nervösen Rhythmus haben.

Jede Weberin hat ihren eigenen Rhythmus.
Jede Weberin hat ihren eigenen Rhythmus.

So oder so macht es ab und zu mal rumms!, dann nämlich, wenn das Schiffchen mit der Spule darin übers Ziel hinausschiesst und ungespitzt im Boden landet. Hunderte von kleinen Löchern im Parkett links und rechts eines jeden Webstuhls zeugen davon. Die kleinen Missgeschicke lassen sich aufgrund des Alters der Webstühle nicht verhindern.

Knödel essen mit dem Bundesrat

Im vergangenen Jahr ist die Weberei 90 Jahre alt geworden. Für Geschäftsleiterin Maya Repele, die ursprünglich aus dem Marketing- und Kommunikationsbereich kommt, war klar: Wir müssen etwas tun, was Sympathie und Aufmerksamkeit bringt. Also schrieb sie dem frisch gewählten Bundesrat Ignazio Cassis und fragte, ob er dem Jubiläumsfest im Val Müstair einen Besuch abstatten wolle. Immerhin hatte er versprochen, sich für die Tessiner und die Rätoromanen einzusetzen. «Als er zusagte, fiel ich fast vom Stuhl», sagt sie lachend. Am 7. Juli 2018 landete der Bundesrat mit dem Helikopter in Santa Maria.

Hoher Besuch in der Weberei: Bundesrat Ignazio Cassis, flankiert vom Bündner Regierungsrat Christian Rathgeb (r.) und von Rico Lamprecht, dem Gemeindepräsidenten von Val Müstair (l.) im Juli 2018.
Hoher Besuch in der Weberei: Bundesrat Ignazio Cassis, flankiert vom Bündner Regierungsrat Christian Rathgeb (r.) und von Rico Lamprecht, dem Gemeindepräsidenten von Val Müstair (l.) im Juli 2018.

Mit den Weberinnen und 250 weiteren Gästen ass er Knödel, Salat und frische Himbeeren. Seit jenem Tag ist das Ansehen der Handweberei gestiegen. Sogar der lokale Postautochauffeur freut sich jeden Tag, wenn er am Tessanda-Haus vorbeifährt. Denn davor steht neuerdings eine Tafel mit wöchentlich wechselnden Sprüchen wie: «Viele spinnen, wir weben.»

So funktionierts
Ein kurzes Video von SRF (August 2018)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Donald Trump und Xi Jinping

Kapitalismus in der Krise?

Olaf Hille

Von der DDR in die Schweiz

Roberto Cirillo

In zu enges Korsett gepresst

Kai Strittmatter

Wie China den Westen herausfordert