06. Dezember 2017

Und plötzlich war er weg

Ghosting: Der geliebte Mensch ist von heute auf morgen verschwunden. Er ruft nicht mehr an oder zurück, schreibt nicht mehr. Plötzlicher Beziehungsabbruch ist keine Seltenheit – und wird noch genährt von flüchtigen Kommunikationsformen. Das Protokoll einer traumatischen Erfahrung.

Claudia allein auf einer Bank im Wald
Als hätte er sich in Luft aufgelöst: «Ich liebe dich», sagte Claudias Freund – dann verschwand er aus ihrem Leben.

Es war ein Donnerstag vor neun Jahren, im Herbst. Es war ein schöner Tag, ein ganz normaler Morgen. Er kam zu mir ans Bett, gab mir einen Kuss und sagte: «Ich liebe dich.» Dann ging er zur Arbeit. Um zehn Uhr schrieb ich ihm eine SMS, ich wünschte ihm einen guten Tag. Er schrieb nicht zurück, aber ich dachte mir nichts dabei. Ich sagte mir: Vielleicht hatte er Stress bei der Arbeit. Dieser Satz, dieses «Ich liebe dich», war das Letzte, was ich von ihm hörte.

Claudias Geschichte ist eine von vielen, die man zu hören bekommt, wenn man Menschen fragt, ob sie schon mal völlig unvermittelt sitzengelassen wurden. Claudia heisst in Wirklichkeit anders – sie möchte ihren echten Namen nicht preisgeben, aus Scham. Denn ihre Geschichte steht exemplarisch für etwas, das in der Gesellschaft noch immer tabuisiert ist. Plötzlicher Kontaktabbruch in einer Beziehung nennt sich das, was ihr widerfahren ist. Oder Ghosting – ein neu­modischer Begriff, der versucht, das gute alte «Ich geh mal schnell Zigaretten holen» neu zu definieren.


GHOSTING bei PROMINENTEN: aus der Hollywood-Gerüchteküche


Das Wort Ghosting geistert durch unser Zeitalter, seit Charlize Theron vor gut zwei Jahren durch die Klatschspalten der Medien hetzte und damit der plötzliche Abbruch ihrer Beziehung zu Schauspieler Sean Penn. In den Berichten stand, sie habe ihn von einem Moment auf den anderen eiskalt abserviert, nie wieder was von sich hören lassen, ihn eben «geghostet»: Sie wurde so etwas wie ein Geist für ihn, nicht mehr sichtbar, nicht mehr greifbar, zumindest für ihn selbst nicht. Für den Rest der Weltöffentlichkeit ist sie ja noch da wie immer. Ihre Geschichte wurde über Monate durch die Presse geschleppt, Hunderte von Menschen füllten die Kommentarspalten mit ihren eigenen Beziehungsabbruchsstorys.

Ich weiss noch alles, als wäre es gestern gewesen. Wie es sich anfühlte, als da diese Nachricht stand, von seiner Schwester, die schrieb: «Lass ihn in Ruhe.» Ich fiel aus allen Wolken. Ich schrieb ihm und fragte, was los sei, die wildesten Gedanken gingen mir durch den Kopf, Bilder von ihm und einer anderen Frau. Er antwortete nicht mehr, ich rief an – nichts. Die Einzige, die noch antwortete, war seine Schwester. Sie schrieb mir, sie wisse auch nicht, was los sei, aber ich solle in die Wohnung zurückgehen und meine Sachen packen. Und das tat ich. Noch am selben Tag holte ich alles dort ab und zog aus, ich habe diese Wohnung danach nie wieder gesehen. Und ihn auch nicht. Neun Jahre lang.

Ein ewiges Warten auf die Aussprache

Warum brechen Menschen einfach eine Beziehung ab? Und ist es schlimmer, anders geworden, in einer Welt, in der Social Media, Instantbefriedigung und flüchtige Kommunikation auf allen Kanälen unseren Alltag bestimmen? Ist das alles neue Normalität, oder geraten wir ab und zu einfach an einen Neurotiker ohne soziale Kompetenz?

Im Nachhinein denke ich, hätte ich das nicht machen sollen, ich hätte bleiben und mich stellen sollen, mich vielleicht einfach festsetzen in dieser Wohnung, auf ihn warten und ihn zur Rede stellen, aber ich stand wohl so unter Schock, dass ich einfach getan habe, was er wollte. Es war so krass, ich habe die Welt nicht mehr verstanden, ich habe einfach Folge geleistet, ich habe funktioniert. Auch weil ich dachte, es sei alles nur temporär, wir würden noch miteinander sprechen, alles klären, das sei einfach irgendein Problem aus dem Affekt heraus. Ich dachte, es gäbe sicher noch eine Aussprache, eine Erklärung. Aber auf diese Aussprache warte ich heute noch.

Das Grundvertrauen geht verloren

Mit Ghosting umgehen können die wenigsten, sowohl die Verlassenen als auch die Verlassenden. Diese plötzlichen Abbrüche nagen teils Jahre an den Betroffenen. «Der plötzliche Abbruch einer Beziehung ohne anständige Verabschiedung und Nennung von Gründen ist für den Verlassenen unschön und häufig kränkend», sagt Psychologe Guy Bodenmann, Professor am Lehrstuhl für Klinische Psychologie an der Universität Zürich. Es finde dadurch kein organischer Abschluss der Beziehung statt. «Man kennt die Gründe nicht, weiss nicht, was falsch lief und was man hätte anders machen können. Man erhält keine zweite Chance, und das Ganze verläuft sehr einseitig, ohne dass man dazu Stellung nehmen kann.» Das sei schwierig und könne sich negativ auf spätere Partnerschaften auswirken, da ein Grundvertrauen in andere verloren ginge.

Die Betroffenen erzählen häufig von Ohnmachtsgefühlen. Sie berichten, dass aus ihrer Sicht alles in Ordnung war, dass die Beziehung gerade kurz vor dem Abbruch glücklich schien. Sie kreisen in Gedanken um die möglichen Gründe, finden keine Ruhe, fühlen sich ausgeliefert, schämen sich.

Ich fühlte mich sehr hilflos. Ich habe auf allen Wegen versucht, ihn zu erreichen. Ich habe bestimmt hundert Mal angerufen, ich habe ihm auf Facebook geschrieben, ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt. Nach drei Tagen hatte er eine neue Handynummer, es klang nur noch dieser Satz in meinen Ohren: «Diese Rufnummer ist nicht mehr in Betrieb.» Er blockierte mich auf Facebook, er kappte alles. Ich kam mir vor wie eine Täterin. Als hätte ich etwas ganz Schlimmes getan, wofür er mich nun bestrafte. Ich suchte nach einem Grund bei mir. Ich dachte, das sei nun vielleicht die Retourkutsche für meine erste Trennung von ihm. Ich dachte immer, irgendeinen Grund müsse es geben. Aber ich kann es mir bis heute nicht erklären.

Die deutsche Journalistin Tina Soliman hat zwei Bücher zum Thema geschrieben und dazu über 2000 Menschen befragt. Sie sagt, es komme meist dann zur Funkstille, wenn das Gespür für das richtige Mass zwischen Nähe und Distanz nicht mehr vorhanden sei. Wenn Beziehungen manipulativ, zu kalt oder zu symbiotisch würden. Nicht selten hätten beide Partner Bindungsängste, keine stabile Grundbindung.

Schweigen als Mittel

Der Verlassende selbst sei aber weder ein Täter noch ein glücklicher Mensch, betont Soliman. «Die Funkstille ist ein Bewältigungsversuch. Er signalisiert damit, dass er nicht so weitermachen will und kann – das heisst aber nicht, dass er die Beziehung grundlegend nicht möchte.» Die Funkstille ist eine Abwehr, weil man sich nicht zu anderen Handlungen in der Lage sieht. Schweigen ist in vielen Beziehungen ein beliebtes Konfliktlösungsmittel, das sich oft wie ein roter Faden durch Generationen zieht, im Grunde jahrzehntelang ein Familienthema ist. Wer nicht gelernt hat, seine Bedürfnisse und Grenzen zu kommunizieren und dafür respektiert zu werden, der hat es damit auch in Paarbeziehungen schwerer.

Jemanden so zu behandeln, ist furchtbar. Ich finde das respektlos. Bei einem tödlichen Unfall kann man auch nicht Abschied nehmen. Aber das ist nicht das Gleiche, hier ist es umgekehrt: Nicht er ist tot, sondern ich bin tot für ihn. Er hat mich beerdigt, ohne mein Einverständnis.

Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten erleichtern den Abbruch um ein Vielfaches. Wir leben in einer Zeit, «in der man sich alle Optionen offenhalten möchte», sagt Soliman. Beziehungen würden herbeigesehnt, aber gleichzeitig auch gefürchtet.

Ich habe in der Zwischenzeit erfahren, dass er geheiratet hat. Ich werde wohl mit 50 noch hin und wieder schauen, wie es ihm geht. Ich werde mich fragen: Hat er Kinder? Welche Musik hört er? Ich würde heute nicht mehr mit ihm zusammensein wollen, ich habe eine neue Beziehung, bin glücklich. Aber ich wünschte, er würde anerkennen, dass ich existiere. Das, was mir am meisten wehtut, ist, dass er diese sechs Jahre, die wir zusammen verbracht haben, in den Müll geworfen hat.

Auch wenn es schwerfalle, solle man dem Gegangenen Raum lassen und ihm keine Vorwürfe machen, rät Tina Soliman. Das Geschehene brauche Zeit, geleugnet, betrauert, verarbeitet zu werden. Es brauche die Rückbesinnung auf sich selbst, die eigenen Ziele und Werte. So hat man die Möglichkeit, aus der Erfahrung zu lernen und gestärkt aus ihr hervorzugehen.

Heute gestalte ich meine Beziehungen anders. Ich bin pragmatischer geworden, spreche Probleme eher an. Er hat mich gelehrt, dass man eine Beziehung nicht als selbstverständlich hinnehmen darf. Heute weiss ich: Man muss die Dinge ansprechen, den anderen fragen: Siehst du es auch so wie ich?


Buchtipps: Tina Soliman: «Funkstille. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen», Klett-Cotta, 2011, bei exlibris.ch; Tina Solimann: «Der Sturm vor der Stille. Warum Menschen den Kontakt abbrechen», Klett-Cotta, 2014, bei exlibris.ch; Selbsthilfegruppen: selbsthilfeschweiz.ch

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