03. Oktober 2018

Und plötzlich ist das Kind weg

Eben war es noch da. Von einer Sekunde auf die andere ist das Kind von der Menschenmasse verschluckt. Quälend lange Minuten später finden die Eltern das Kind wieder. Doch wie reagieren – umarmen oder schimpfen?

Elternteil mit Kind an der Hand
Horrorszenario: Einmal kurz die Hand losgelassen, und schon ist das Kind verschwunden. (Bild: Sasiistock/iStockphoto)

Bleib nah bei mir»,  sagt der Vater zum Kind im überfüllten Bahnhof. Nur für Sekunden kramt er im Rucksack, und als er wieder hochschaut, ist das Kind ausser Sichtweite. In welche Richtung soll er zuerst eilen, wo die Suche beginnen? Das Herz klopft wild, der Atem geht schneller. Minuten, in denen der Vater durch den Bahnhof rennt und panisch nach dem Kind sucht, erscheinen wie Stunden. Und dann steht es da. Und streichelt einen Hund. Freude und Ärger überströmen den Vater. Er schliesst das Kind in die Arme – und möchte gleichzeitig am liebsten mit ihm schimpfen.

«Wir sind, wie wir sind», sagt Sabine Brunner, Psychologin am Marie Meierhofer Institut für das Kind in Zürich, «wer ausser sich ist, ist nun mal ausser sich. Kinder merken das sowieso. Und das ist auch gut. Wir sind alle nur Menschen.» Die Fachfrau findet: Im ersten Moment dürfen Eltern ruhig zeigen, wie sehr sie in Panik waren. Zentral sei, was danach folge: «Danach müssen Eltern die Erklärung für ihr emotionales Verhalten liefern», sagt Brunner. Etwa dem Kind erklären: «Weisst du, ich hatte wirklich grosse Angst und war sehr wütend. Jetzt aber bin ich glücklich, dass du wieder da bist.»

Kinder leben im Moment

Die beschriebene Szene könnte sich wahlweise auch in der Badi abspielen, wo das Glaceangebot lockt, oder vor dem Riesenrad an der Chilbi. «Vor allem kleine Kinder sind sehr im Hier und Jetzt verhaftet und lassen sich von allem ablenken, was sie interessiert», erklärt Sabine Brunner. Dann vergessen sie eine Abmachung innert Sekunden. Vermeiden lassen sich panische Suchaktionen nur begrenzt. «Die Autonomie des Kindes sollte nicht unnötig beschnitten werden», sagt Brunner. Welche Abmachungen man trifft, hängt deshalb vom Alter des Kindes und dem Anlass ab.

Und egal, was vereinbart war, Eltern sollten vermeiden, den Ärger am Kind auszulassen und ihm die Schuld zuzuschieben. Lieber fragen: Wieso bist du einfach weggelaufen? «Das gilt generell für die Erziehung», so Brunner. «Es ergibt nie Sinn, das Kind allein für etwas verantwortlich zu machen.» 

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