06. September 2017

Überraschende Begegnungen in Leipzig

Leipzig zählt zu den am schnellsten wachsenden Grossstädten Deutschlands. Wir haben über 140 Tipps abseits bekannter Wege.

Leipzig Rathaus
Das Rathaus sorgt für ein schönes Stadtbild von Leipzig.
Lesezeit 5 Minuten

Seit Sommer 2015 fliegt Swiss nonstop ab Zürich nach Leipzig (der Flughafen wirkt modern und grosszügig, mit der S-Bahn ist man in 14 Minuten im Stadtzentrum). Mit dem Online-Promocode «Leipzig» der SBB reist man 25 Franken günstiger aus der Schweiz in die sächsische Kulturstadt.

Trotzdem steht die grösste Stadt im Freistaat Sachsen noch immer im Schatten der Landeshauptstadt Dresden. Das dürfte vor allem daran liegen, dass das ostdeutsche «Leibz'sch» zumindest in der Schweiz zu wenig bekannt ist. Und das überrascht, denn mit einer Zunahme der Bevölkerungszahl von fast 16 000 im Jahr 2015 sowie über 11 000 im Jahr 2016 zählt Leipzig zu den boomendsten Grossstädten Deutschlands und ist mit aktuell rund 582 000 Einwohnern die zehntgrösste Stadt der Bundesrepublik. Nur: Um 1920 lebten über 700 000 Menschen in der Stadt, nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer 650 000. In den 1990er-Jahren sind bei einer Arbeitslosenquote von rund 20 Prozent fast 100 000 Einwohner weggezogen.

Bachdenkmal: Auf den Komponisten ist Leipzig besonders stolz, hat er doch jahrelang in der Stadt gearbeitet.

Klar, Grösse allein ist noch lange kein Argument für eine Städtereise. Aber ich habe da dank der Reisebegleiterin Brigitte Haage einen Strauss von Argumenten entdeckt: So beträgt die Nord-Süd-Ausdehnung nur einen Kilometer. Kaum eine andere Stadt hat ein so kompaktes Zentrum, und in diesem Zentrum steht die Thomaskirche. Das spätgotische Gotteshaus geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Tipp: freitags um 18 Uhr oder samstags um 15 Uhr Motette (meist mit einer Kantate von Bach) besuchen. Eine Gedenktafel an einer Säule im Kirchenschiff erinnert an den Beginn der Reformation, die Luther 1539 mit einer Predigt einführte. Martin Luthers wichtigster Besuch in der Handelsstadt ereignete sich jedoch 1519: Er duellierte sich rhetorisch mit dem Theologen Johannes Eck. Das Streitgespräch wurde zu einem Wendepunkt für Luther. 2019 wird dieses Ereignis in Leipzig gebührend begangen. Die Thomaskirche ist ausserdem untrennbar mit Johannes Sebastian Bach verbunden, der 27 Jahre lang als Thomaskantor wirkte und dessen Grab sich im Chorraum befindet.

Leipzig weist eine weltweit einmalige Dichte original erhaltener Wirkungsstätten berühmter Komponisten auf wie Bach, Mendelssohn Bartholdy, Schumann, Mahler, Wagner oder Grieg. Vielen dieser Künstler begegnet man auf über 20 Notenspur-Stationen in der Innenstadt. Einfach auf das silbrige Symbol am Boden achten. Und die Musikstadt kommt vom 7. bis zum 10. September in den Hauptbahnhof Zürich und lädt mit einem Kunstwerk aus Licht und Musik auf emotionale Weise ein, die musikalische Vielfalt zu entdecken - am Donnerstag von 19.30 bis 21.30 Uhr, von Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr (Besuchertage) sowie von 18 bis 21.30 Uhr mit der Ton- und Lichtshow «25 Her(t)z» .

Im Zentrum von Leipzig steht die spätgotische Thomaskirche.

Unter dem Titel «Martin Luther und Leipzig» offeriert Leipzig Tourismus zwei Übernachtungen ab 185 Euro pro Person im Doppelzimmer. Im Preis inbegriffen ist unter anderem auch die «Leipzig Card», eine Dreitageskarte für freie Fahrt mit den ÖV sowie Ermässigungen und öffentlichen Stadtrundgang, die alleine schon € 23,50 kostet.

Was Leipzig einzigartig macht, sind auch die rund 30 Gebäude mit Passagen und Durchgangshöfen, die das Bild der Leipziger Innenstadt seit rund 500 Jahren prägen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Ort zu den führenden Industriestädten Deutschlands. Zu den bekanntesten Passagen zählt die 140 Meter lange und elegante Mädler-Passage mit dem traditionsreichen Auerbachs Keller, in dem schon Goethe weilte. Aber Vorsicht: Die Läden der Flaniermeilen sind sonntags grösstenteils geschlossen.

Flanieren und einkaufen zwischen Höfen und Passagen: Das macht den Reiz der Leipziger Altstadt aus.

Den besten Quarkkuchen von Leipzig gibt es übrigens im Bachstüb'l, ganz in der Nähe der Thomaskirche und des ersten Bachdenkmals der Welt. Beim zweiten Besuch zeigte sich der Kellner launig. Deshalb die Alternative: das gemütliche Café Kandler, wo man eine Leipziger Lerche bestellen sollte. Dabei handelt es sich nicht um einen Vogel, sondern um eine Mürbeteigspezialität.

Im Bachstüb'l unbedingt Quarkkuchen bestellen.

Leipzig hat auch eine dunkle Geschichte: 1937 von den Nazis offiziell als Reichsmessestadt umbenannt, lebte dort die viertgrösste jüdische Gemeinde Deutschlands. 14 000 Juden wurden vertrieben oder ermordet. Im April 1945 gab es kein jüdisches Gemeindeleben mehr. Heute erinnert ein Holocaust-Memorial mit Stühlen an die Schoah. Es zeigt, wie beispielhaft Deutschland mit seiner Geschichte umgeht. Im Herbst 1989 wurde Leipzig nochmals Schauplatz in der Geschichte: Die Montagsdemonstrationen gaben einen entscheidenden Impuls für die Wende in der DDR.

Das Holocaust-Memorial von Leipzig.

Gleich bei diesem Memorial, rund fünf Fussminuten von der Thomaskirche entfernt, befindet sich übrigens das neue Hotel Innside by Meliá. Es bietet zentrale Lage und hohen Komfort zu tiefen Preisen (ab gut 100 Euro pro Nacht und Zimmer). Das Frühstücksbuffet ist herausragend.

Es wird Zeit, das Stadtzentrum zu verlassen und dem Wandel in der Stadt nachzugehen. Wir fahren mit der S-Bahn zum Bahnhof Plagwitz und spazieren zur Baumwollspinnerei, die bis 1990 in Betrieb gewesen ist und wo in den 1990er-Jahren die ersten Künstler eingezogen sind. Heute arbeiten dort eben nicht mehr 4000 Arbeiter für die Spinnerei, sondern rund 140 Künstler. Zur Auswahl stehen 14 Galerien, Läden, Designbüros und ab 2018 ein Naturkundemuseum. Die weitläufigen Backsteinmauern der Leipziger Baumwollspinnerei an der Spinnereistrasse 7 ist notabene der Tipp 142 im Buch « Verborgenes Leipzig - Tipps abseits bekannter Wege».

Zu den besten Zeiten arbeiteten in der Leipziger Baumwollspinnerei über 4000 Arbeiter. Nun sind in die Gebäude Kreative und Läden eingezogen.

Den Tipp Nummer 141 stellt das Restaurant Chinabrenner, das sich ganz in der Nähe der Baumwollspinnerei befindet. Gründer des Lokals ist der nur als Herr Wrobel bekannte Mann, der nach seiner Reise in die chinesische Provinz Szechuan mit einem kleinen mobilen Chinabrenner angefangen hat. Jetzt ist er in einer ehemaligen Metallgiesserei der Kirow-Werke mit seinem Restaurant sesshaft geworden. Die Gerichte sind schmackhaft, wenn auch westlichen Gaumen angepasst.

Das Restaurant Chinabrenner ist gut frequentiert.

Ansonsten ist gut (Abend-)essen in Leipzig eine Herausforderung. Gourmets müssen ein wenig untendurch. Ganz okay ist das Essen im zentral gelegenen Restaurant Weinstock mit saisonaler Küche. Und wer Japanisch mag, reist zur Klostergasse 7-9 in der Altstadt und bestellt bei Umaii verschiedene Ramen (Suppen), Gyoza (gefüllte Teigtaschen) oder Salate. Für einen Absacker geht man zur Gottschedstrasse, der Kneipenmeile mit noch immer vielen DDR-Bauten.

Idylle vor den Toren von Leipzig: der Karl-Heine-Kanal

Ebenfalls attraktiv ist das Umland von Leipzig: Mit dem Velo fährt man durch den Stadtpark zum Karl-Heine-Kanal. Der 3,3 Kilometer lange künstliche Kanal lädt ein zum Rudern. Oder man geht an Bord des unverwüstlichen Ausflugskreuzers «MS Weltfrieden». Auf einer 80-minütigen Bootstour passiert dieses Schiff 16 Brücken.

Von der Nonnenbrücke bis zur Luisenbrücke führt parallel ein Rad- und Fussweg. Es lohnt sich, diesen weiterzufahren, bis zum Cospudener See. Unterwegs passiert man Landschaften und Wälder, die ein wenig an den Amazonas erinnern. Der südlich von Leipzig gelegene See wiederum ähnelt einer südschwedischen Landschaft. Das Gewässer entstand aus einem gefluteten Tagebaurestloch.

Der von Menschenhand geschaffene Cospudener See erinnert an eine südschwedische Landschaft.

Auf dem Rückweg, noch immer unweit des Sees, lohnt es sich, bei «Brot & Kees» einzukehren. Im Café überrascht ein feines Kuchenbuffet. Gleich nebenan werden Würste grilliert. Im Naturkost-Lädchen gibt es lokale Produkte. Und ganz in der Nähe, wenige Schritte vom Cospudener See, stehen Ferienwohnungen ab 79 Euro die Nacht zur Verfügung.

Gemütliche Rast bei «Brot & Kees».

Wie anders Leipzig sein kann, zeigt sich schliesslich beim alljährlich stattfindenden «Wave-Gotik-Treffen», das seit 26 Jahren jeweils über Pfingsten über die Bühne geht (2018 vom 18. bis 21. Mai). Bei diesem Anlass finden sich über 20 000 Besucher aus aller Welt ein, kleiden sich gotisch und hören sich mittelalterliche Orgelmusik an. Leipzig hat eben immer wieder überraschende Begegnungen parat.

Jeweils über das Pfingstwochenende zelebrieren über 20 000 Besucher in Leipzigs Innenstadt gotische Auftritte.

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