30. Juli 2018

Überlebenstraining in heimischer Wildnis

«Heugümper» am Lagerfeuer: Der Survivalspezialist Gion Saluz zeigt in Kursen, wie man sich ohne Wohlstandsschnickschnack im Wald durchschlägt. 24 Stunden zwischen Unkrauteintopf und Hungern.

Gruppe sitzt ums Feuer
Überleben kann romantisch sein: Die Gruppe sitzt ums Feuer, das Smartphone bleibt in der Tasche.

Überleben in der Wildnis ist im wahrsten Sinn des Wortes kein Zuckerschlecken. Das müssen die Teilnehmer des Survivalkurses gleich am ersten der drei Tage erfahren. Kurz nach dem Eintreffen im Camp mitten in einem Wald bei Grüningen ZH macht ein Gerücht die Runde: Abendessen soll es heute keins geben. Das klingt eigentlich logisch für ein Überlebenstraining, überrascht die Teilnehmer aber doch. Zum Glück lenkt die Frage nach der Unterkunft vom ersten Bauchknurren ab. Selbstverständlich muss die Bleibe von den Teilnehmern selbst gebaut werden.

Unterschlupf gegen Unterkühlung

Acht Abenteurer haben sich für das Survivaltraining bei Gion Saluz angemeldet: vier Männer, eine Frau, zwei Buben und ein Mädchen. Der 39-jährige Saluz nennt sich Survivalexperte. Er bereiste die Welt, besuchte Naturvölker in Südamerika, sah und lernte. «Ich habe viel von den Naturvölkern erfahren: was sie essen, wie sie einen Unterschlupf bauen und vieles mehr», sagt er. Einem tropischen Dschungel gleicht der Wald in der Nähe von Zürich zwar nicht. Trotzdem muss auch hier zuerst einmal eine Hütte oder ein primitiver Unterstand aus dem Material gebaut werden, das im Wald zu finden ist.

Die Bauanleitung für einen wasserdichten Schlafplatz ist simpel: Man bildet wie bei einem Zelt aus drei Ästen das Gerüst. Dann legt man weitere Äste und Laub nach, bis kein Licht mehr durchscheint. Schutz vor Regen und Wind sei das Wichtigste: «Wenn wir nass werden, kühlen wir je nach Aussentemperatur schnell ab. Das kann tödlich sein.»

die Teilnehmer des Überlebenskurses bauen ihr Schlafquartier
In einem Waldstück in der Nähe von Zürich bauen die Teilnehmer des Überlebenskurses ihr Schlafquartier.

Als der Abend im Camp langsam ­ anbricht, versammelt Saluz die Teilnehmer bei der Feuerstelle. Feuermachen steht auf dem Programm. Schnell wird klar: Ohne Feuerzeug kein leichtes Unterfangen. Zwar zeigt der Trainer, wie man mithilfe ­eines Bogens ein Holzstück so in ein Brett bohrt, dass durch die Reibungshitze Funken entstehen. Doch für den Laien ist dies gar nicht so ­einfach. Deshalb rät Saluz, immer ein Feuerzeug dabeizuhaben. Streichhölzer seien hingegen ungeeignet, da sie nass werden könnten. Besser bringt man einen Feuerstahl mit: Mit einem Messer reibt man Funken ab, die bis zu 3000 Grad erreichen.

Schwierig wird das Feuermachen, wenn es stark regnet. Um dann schnell ein grosses Feuer entfachen zu können, eignet sich ein auf den ersten Blick eher ungewöhnliches Anzündmaterial: ein Tampon. Zerzaust man diesen mit den Fingern, fangen die feinen Baumwollfasern schnell Feuer. Hat gerade niemand einen Tampon in der Tasche, kann auch die Rinde einer Birke (weisser Stamm) verwendet werden. Sie enthält nämlich leicht entflammbare Öle. Auch die verdorrten unteren Äste kleiner Tannen fangen schnell Feuer. Ist das Wetter ganz mies, empfiehlt es sich, ein grösseres Holzstück zu spalten und davon bloss das trockene Innere zu benutzen.

Handyverbot am Lagerfeuer

Als das Feuer endlich brennt, ist es im Survivalcamp bereits dunkel. Die Teilnehmer sitzen mit leerem Magen um das Feuer und schauen den Flammen beim Züngeln zu. Auf die eindringliche Bitte von Gion Saluz herrscht während des Camps eine digitale Auszeit. Das ist an diesem Abend besonders herausfordernd, da die Schweizer Fussballer an der Weltmeisterschaft gerade gegen Serbien spielen. Der Magen knurrt, immerhin gibt es Tee und Kaffee zu trinken. Irgendwann sagt jemand leise: «Die Schweiz hat gewonnen.»

Survivalexperte Gion Saluz
Survivalexperte Gion Saluz hat sich sein Überlebens-Wissen auf den Reisen zu Naturvölkern angeeignet.

Was motiviert einen, das bequeme Bett gegen den Waldboden zu tauschen? Ralph Keller (46) aus Wald ZH ist mit seinen beiden Kindern Sina Lia (10) und Andri (8) und seinem Göttibueb Elia Sturzenegger (11) hier. «Ich selber war in der Pfadi und habe es geliebt, im Wald zu sein. Deshalb wollte ich meine Kinder und meinen Göttibueb diese Erfahrung auch machen lassen», sagt Keller. Nicole Kuhn (28) aus Wohlen AG hat den Kurs ihrem Freund geschenkt. «Er schaut oft Survivalsendungen im Fernsehen. Mich interessiert besonders das Thema Pflanzen. Leider haben wir verlernt, welche in der Natur anzutreffenden Pflanzen wir essen können und welche giftig sind.»

Für Djordje Novakovic (17) dient der Survivalkurs nur als Vorbereitung für ein grösseres Abenteuer. Für seine Maturaarbeit wird der Gymnasiast eine Woche lang allein in der Wildnis verbringen und das Gelernte gleich anwenden können. «Seit ich zehn Jahre alt bin, interessiere ich mich für Outdoor und Survival», sagt er. «Nun möchte ich schauen, ob ich das kann.»

Unkrauteintopf mit Heuschrecken

Am nächsten Morgen haben die Teilnehmer eine ruhige Nacht hinter sich. Geschlafen haben die meisten gut, geweckt wurden sie vom Zwitschern der Vögel und den Pick­geräuschen eines Spechts.
Um 8 Uhr sitzen die meisten zum Kaffee um das Feuer. Das Hungergefühl hat sich gelegt. Dabei könnten sie sich bald auf etwas Nahrung freuen. Wildpflanzen und Wasseraufbereitung steht als Nächstes auf dem Programm. Ein Mensch kann gemäss Saluz rund drei Wochen ohne Nahrung, jedoch nur etwa drei Tage ohne Wasser überleben. Deshalb steht Wasser nach Unterkunft und Feuer an dritter Stelle beim Überleben, die Nahrung erst an vierter.

Welche Tiere kann man essen
Welche Tiere kann man essen, welche verderben den Magen oder sind gar hochgiftig? Die Bilder klären auf.

Wer einen schnellen Drink am Morgen möchte, der kann laut Saluz mit einem Kleidungsstück über den Tau auf der Wiese fahren und den feuchten Stoff gleich in den Mund auspressen. Hat man einen Fluss gefunden, sollte daraus nicht direkt getrunken werden, da allerlei Mikroben zu schwerem Durchfall führen können. Deshalb sollte Wasser immer abgekocht werden. Wer eine Pet-Flasche dabeihat, kann die gefüllte Flasche direkt ins Feuer stellen.

Sie wird nicht schmelzen, sofern das Feuer keine Stelle der Flasche berührt, an der es kein Wasser hat. Alternativ kann man zum Erhitzen aus einer Regenjacke ein Gefäss formen und heisse Steine hineinlegen. Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte das Wasser mindestens zehn Minuten kochen.

Wegen gefährlicher Mikroorganismen sollte nie aus dem Bach getrunken werden
Auch wenn das Wasser sauber aussieht: Wegen gefährlicher Mikroorganismen sollte nie aus dem Bach getrunken werden.

Um 11 Uhr hat Saluz Erbarmen mit den Teilnehmern. Er stellt einen Korb voller Äpfel hin. Selten hat ein Apfel so süss und gut geschmeckt. Am Nachmittag heisst es dann aber, selbst Nahrung zu suchen und zu sammeln. Ungefähr 1500 Wildpflanzen sind hierzulande essbar. Beim Streifzug durch den Wald und die Wiesen zeigt sich: Es ist erstaunlich, wie wenig wir davon wissen. Schmackhaft ist die Wurzel der Ährigen Teufelskralle, gut gegen Mückenstiche der Breitwegerich, Beinwell lindert den Schmerz etwas bei Knochenbrüchen. Meiden sollte man jedoch den Wolfs-Eisenhut. Er ist die giftigste Pflanze Europas.

Mit einem Korb voller Blätter des Giersch – Gärtner zählen das Wildgemüse zum Unkraut – und einem besonderen Leckerbissen geht es zurück zum Camp: Die Kinder haben zwei grosse Heuschrecken gefangen. Nun gibt es Eintopf mit Giersch und Reis. Für ihre Beilage töten die Kinder die Tiere, spiessen sie dann auf einen Stecken, bevor sie sie über dem Feuer rösten. Wortlos und glücklich geniessen die Kursteilnehmer ihren Survivaleintopf. Auch die Kinder zeigen gegenüber der Heuschrecke keine «Beisshemmung» – wie Poulet schmecke sie, aber eben nur fast.

«Heugümper» liefert wertvolle Proteine
Wer überleben will, darf beim Essen nicht wählerisch sein: Ein «Heugümper» liefert wertvolle Proteine.

Wege zurück in die Zivilisation

Damit die Survivalteilnehmer wieder mal etwas mehr Essen zwischen die Zähne bekommen, geht es am Ende des Kurses darum, entweder selbst in die Zivilisation zurückzufinden oder gerettet zu werden. Für Variante eins folgt man am besten so lange einem Gewässer in Fliessrichtung, bis man auf eine Siedlung oder eine Strasse stösst. Wer sich aber für die zweite Variante entscheidet, macht mit viel Rauch auf sich aufmerksam. Dafür sammeln die Kursteilnehmer möglichst frisches Grünzeug, etwa Farn, sowie frisches Tannenchries und legen es auf das Feuer. Dichter weisser Rauch steigt auf. «Den wird man von weit her sehen», versichert ihnen Saluz.

Müde und hungrig schauen die Kursteilnehmer den Schwaden zu. Bald werden sie in die bequeme Zivilisation zurückkehren und ihre Zuckerspeicher auffüllen können. Ein Lädeli und der Griff ins Portemonnaie werden ihnen dafür bereits genügen.

Kursteilnehmer Marc Dietrich
Kursteilnehmer Marc Dietrich hat mit wenig Funken und trockenen Tannenästen ein Feuer entfacht.

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