10. August 2018

Über Mobbing muss man reden

Der beste Nährboden für Mobbing ist Verschwiegenheit, sagt Schulleiterin Birgit Senn. Ein Gespräch über die Wichtigkeit von Selbstwert, die unvermeidliche Rollenverteilung im Klassenzimmer und erfolgreiche Strategien, mit Schultyrannen fertig zu werden.

Die Zürcher Schulleiterin Birgit Senn
Die Zürcher Schulleiterin Birgit Senn ist Expertin für Gewaltprävention.

Birgit Senn, was ist für Kinder wichtiger in der Schule: sozial integriert sein oder etwas lernen?

Das Zweite geht nicht ohne das Erste. Wenn ein Kind sozial keinen Platz hat, kann es auch nichts lernen. Es ist pausenlos damit beschäftigt, zu schauen, wie es seinen Platz finden könnte. Lernen läuft immer über Beziehungen: Wenn sich das Kind nicht wohlfühlt, kann es schulisch nicht erfolgreich sein.

Die Integration ist also eine zentrale Voraussetzung für den Schulerfolg?

Ja, sie ist viel wichtiger als die Didaktik der Lehrkraft oder die Intelligenz des Schülers.

Wie kommt ein Kind denn zu seinem Platz in einer Klasse? Entscheidet sich das bereits am ersten Schultag?

Nein, aber in den ersten paar Wochen. Deshalb finde ich es wichtig, dass kein Kind verspätet in die erste Klasse einsteigt, sondern alle von Anfang an diesen Entwicklungsprozess mitmachen. Als Lehrperson kann man den aber auch ein wenig steuern.

Wie?

Indem man von Anfang an gut beobachtet, wie sich die Kinder formieren. Mit der Verteilung von Sitzplätzen oder Gruppenarbeiten lassen sich gewisse Beziehungen fördern – also Kinder zusammenbringen, die sonst vielleicht nichts miteinander zu tun hätten. Und grundsätzlich sollte man von Anfang an klare Grenzen setzen, innerhalb von diesen aber viel Freiheit lassen.

Mobbing  heisst für Birgit Senn
Mobbing heisst für Birgit Senn: Ein Kind wird länger von denselben «Gspänli» gezielt drangsaliert.

Können die Kinder selbst Einfluss nehmen auf ihre Position in der Gruppe?

Ein bisschen, aber letztlich ist das ein gruppendynamischer Prozess. Und wir müssen auch aufpassen, dass wir es nicht übertreiben: Aussenseiter hat es schon immer gegeben. Es ist nicht per se alarmierend, wenn ein Kind lieber für sich ist. Man muss aber beobachten, ob das selbstgewählt ist oder ob es in diese Rolle gedrängt wird.

Kann ein Kind am ersten Schultag irgendwas tun, um sicherzustellen, dass es kein Opfer von Mobbing wird?

Zuerst können die Eltern mit der Erziehung einiges dazu beitragen. Ein Kind mit einem guten Selbstwert, das einen selbstbewussten, natürlichen Umgang mit anderen pflegt, wird selten zum Mobbingopfer.

Wie schwer ist es, aus der Opferrolle rauszukommen, wenn man einmal drinsteckt?

Ganz wichtig ist es, darüber zu reden: mit den Eltern oder den Lehrpersonen. Der beste Nährboden für Mobbing ist Verschwiegenheit. Ist das Problem erst einmal auf dem Tisch, ist es auch schon fast gelöst. Aber in vielen Fällen wird Mobbing lange erduldet, bis man sich getraut, etwas zu sagen. Vielen ist es einfach peinlich, sie schämen sich: Warum passiert das ausgerechnet mir? Es ist deshalb extrem wichtig, dass Eltern und Lehrpersonen den Kindern signalisieren, dass sie sich jederzeit an sie wenden können, wenn sie sich nicht wohlfühlen.

Wenn das Mobbing einmal öffentlich ist, lässt es sich immer lösen?

Fast immer. Viele Kinder befürchten ja, es werde nur noch schlimmer, wenn sie etwas sagen. Aber ich kenne bis heute keinen einzigen Fall, in dem das so gewesen ist.

Wir müssen aber auch aufpassen, dass wir es nicht übertreiben: Aussenseiter hat es schon immer gegeben.

Was braucht es, damit die Situation sich wieder beruhigt?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. Wenn wir an unserer Schule den Verdacht haben, dass jemand gemobbt werden könnte, folgt zuerst ein Beobachtungsauftrag an die Schulsozialarbeit. Es gibt ja zwei Arten von Mobbing: das plumpe, das man sofort sieht, und das raffinierte, das sehr viel schwieriger zu erkennen ist. Bei Letzterem werden Leute durch den eigentlichen Mobber instrumentalisiert, er selbst tritt gar nie richtig in Erscheinung. Das plumpe lässt sich leicht angehen, das raffinierte ist kniffliger. Es ist auch nicht immer alles gleich Mobbing.

Wo würden Sie die Grenze ziehen?

Dass Kinder sich streiten und gegenseitig ein bisschen plagen, ist natürlich. Das gab es schon immer. Es gehört zum Prozess des Erwachsenwerdens, dass man gewisse Dinge auszuhalten lernt. Um Mobbing handelt es sich, wenn ein Kind oder eine bestimmte Gruppe über längere Zeit gezielt durch die gleichen Leute drangsaliert wird. Mein ärgster Fall war ein Junge, der von der ganzen Klasse gemobbt wurde.

Erzählen Sie.

Der Junge war vor ein paar Monaten neu in die Klasse gekommen und verhielt sich nicht ideal. Er konnte tatsächlich ziemlich nerven. Das Mobbing lief dann so ab, dass man im Klassenlager draussen an einem grossen Tisch sass, um zu essen. Der Junge kam hinzu, worauf alle aufstanden und gingen. Wir probierten danach alles Mögliche, aber erst der schlimmste Elternabend meines Lebens brachte die Lösung, moderiert von einer Person der Gewaltberatungsstelle. Verblüffend war, wie genau die Eltern die Klasse widerspiegelten, es fand an dem Abend eine Art Parallelmobbing statt. Die Mutter des Opfers wurde beschimpft, sie könne ihr Kind nicht erziehen und das sei doch alles völlig übertrieben, bis sie in Tränen ausbrach. Es gab einen echten Vulkanausbruch. Aber danach war es dann auch gut. Das Problem wurde auf der Elternebene quasi gelöst, und alle gaben das, was sie selbst erlebt hatten, ihren Kindern weiter. Es wurde danach eine meiner besten Klassen.

Birgit Senn
Laut Birgit Senn mobben Schultyrannen, weil es ihnen ein Gefühl der Überlegenheit und der Macht gibt.

Ein Patentrezept, das für alle Mobbingsituationen gilt, gibt es aber nicht?

Teilweise schon: Man muss das Mobbing und die damit verbundenen Probleme öffentlich machen und dann den Ursachen im Detail auf den Grund gehen. Auch wenn das vielleicht aufwendig ist und man mit allen Beteiligten in Ruhe reden muss. Ausserdem sollte man als Schule von Anfang an klarmachen, dass so etwas nicht geduldet wird. Wenn es dennoch passiert, sollte man sich als Lehrperson Hilfe holen, bei der Schulsozialarbeit oder der Gewaltpräventionsstelle. Das allein zu lösen, übersteigt meist die eigenen Ressourcen. Und bei komplexen Fällen sollte man immer die Eltern miteinbeziehen, sie sind oft Schlüsselfiguren.

Weshalb?

Weil man so umfassend auf die Kinder einwirken kann, nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause. Es steckt ja enorme Energie im Mobbing. In einer Klasse, in der Mobbing stattfindet, geht es 90 Prozent der Kinder nicht gut. Auch der Täter fühlt sich mässig lässig. Und die Mitläufer laufen nur mit, weil sie Angst haben, sonst selbst unter die Räder zu kommen. Wenn sich all diese negative Energie positiv auf etwas Schulisches umlenken lässt, können alle enorm profitieren. Da finden dann richtige Verwandlungen statt.

Was, wenn die Eltern ein Stück weit das Problem sind und sich nicht einbeziehen lassen?

Nach meiner Erfahrung lassen sie sich immer einbeziehen – bei einigen muss man vielleicht einfach etwas ausdauernder sein. (lacht) Ich bin auch schon zu Eltern nach Hause gegangen. Am Ende findet sich immer ein Weg.

Lassen sich die Probleme immer lösen? Oder kommt es vor, dass der Gemobbte an eine andere Schule gehen muss?

Oft geht es ohne Schulwechsel. Aber wenn einer nötig ist, wird es nur dann besser, wenn das Kind gelernt hat, am Verhalten zu arbeiten, das mit zum Mobbing geführt hat. Das Risiko ist sonst gross, dass es an der neuen Schule so weitergeht wie bisher.

Wen trifft es besonders häufig?

Meistens sind es Kinder, die keine so glückliche Art haben, Kontakte zu anderen aufzubauen. Sie wollen es zwar, machen es aber auf eine ungeschickte Art und nerven die anderen damit. In solchen Situationen ist es nicht so schwierig zu helfen. Man übt einfach bessere Strategien mit ihnen ein, am besten in kleinen Spielszenen. Da können Kinder auch überlegen, welche Antworten sie auf blöde Sprüche geben könnten.

Zum Beispiel?

Es muss schnell und schlagfertig sein, zum Beispiel: «Ja, danke, mir gehts auch gut», und den Anwurf einfach ignorieren. Einigen Kindern macht es richtig Spass, so was zu trainieren. Und danach können sie sich auch meist erfolgreich wehren. Nur schon weil sie wissen, was sie tun können, wirken sie plötzlich selbstbewusst.

Und der Schikanierer spürt das?

Oh ja, sofort. Da ist gleich eine ganz andere Ausstrahlung.

Strafen sind hilflos und blöd. Man muss auf beiden Seiten an einer Verhaltensänderung arbeiten.

Was treibt die Schultyrannen an? Warum quälen sie andere Kinder?

Es gibt ihnen ein Gefühl der Überlegenheit und der Macht. Sie bewirken etwas. Und solange sie selbst in der mächtigen Position sind, werden sie ja nicht gemobbt. Manche Schikanierer leben in schwierigen Familienverhältnissen und lassen Frust und Ärger dann an Schwächeren in der Schule aus. Trotzdem habe ich nicht den Eindruck, dass sie sich gut fühlen bei dem, was sie tun.

Helfen Strafen?

Nein, Strafen sind hilflos und blöd. Man muss auf beiden Seiten an einer Verhaltensänderung arbeiten. Nur das bringt etwas.

Konnten Sie bisher noch jeden Mobbingfall zu einem guten Ende führen?

Eigentlich ja, auch wenn es manchmal länger dauerte. Bei einem Mädchen, das extrem stark unter Mobbing gelitten hat, brauchte es drei Anläufe in neuen Schulen, aber heute ist sie in der dritten Oberstufe und dort gut integriert. Ich hatte sie sogar für eine gewisse Zeit im Einzelunterricht, weil sie sich schlicht weigerte, zur Schule zu gehen. Vor lauter Angst verliess sie ihr Zuhause praktisch nicht mehr. Ich holte sie dort mit dem Töff ab und unterrichtete sie separat. Später kamen noch zwei weitere dazu, die ganz andere Probleme hatten. Was allen dreien extrem gut tat, da sie mit unterschiedlichen Schwierigkeiten kämpften und so einiges voneinander lernen konnten. Auch realisierten sie, dass ihre Probleme vielleicht gar nicht so gross waren wie die der anderen. Aber eben, die Reintegration ging dennoch zunächst zweimal schief. Sie war einfach noch zu ängstlich.

Sie beschäftigen sich schon seit 16 Jahren mit dem Thema. Wie hat sich die Situation durch die sozialen Medien verändert?

Sie hat sich klar verschärft. Die neuen Medien sind wirklich gefährlich für unsere Kinder. Es wird ihnen täglich beigebracht, was man damit alles anrichten kann: problematische Filmchen und Fotos ins Netz stellen, die Privatsphäre verletzen, Leute diffamieren und blossstellen – das alles kann man heute mit zwei Klicks. Als Pädagogen müssen wir dringend darauf fokussieren, den Kindern einen guten Umgang mit diesen Geräten und Systemen beizubringen. Mittlerweile hat ja jeder in der Mittelstufe ein Handy.

Und Cybermobbing ist vermutlich besonders schwierig zu bekämpfen, weil man es in der Schulöffentlichkeit nicht sieht.

Richtig, es ist nicht kontrollierbar. Umso wichtiger ist es, dass die Kinder sich selbst melden, wenn sie zur Zielscheibe werden. Ich habe einer 5. Klasse auch schon ein Handyverbot erteilt – ohne dass sich deren Eltern beschwert hätten. Die waren wohl alle froh darüber. (lacht)

Ist es unvermeidlich, dass sich in einer Klasse eine fixe Rollenverteilung entwickelt? Das Opfer, der Streber, die coolen Kids, die Sportmuffel, die immer als Letzte in eine Mannschaft gewählt werden ...

Irgendwie schon, wir sind halt verschieden, da passiert das fast automatisch. Einer ist nun mal der Beste, einer eher verträumt und einer nicht so gut im Sport. Und die Rollen bleiben ja nicht immer sakrosankt, es kann auch Verschiebungen geben. Wenn der Schlimmste aus der Klasse geht und man als Lehrperson schon denkt, hurra, jetzt wirds einfacher, rückt schon bald jemand anderes in die Rolle. Ein Mobbingopfer hingegen muss es nicht zwingend geben. Ausserdem finden sich auch immer einige, die keine besondere Rolle haben und so ein bisschen driften.

Ist das von Vorteil oder eher schwierig?

Ich glaube, es ist gar nicht so schlecht, man ist dann ein Allrounder und kann es mit allen ein bisschen.

Sind die Kinder heute entspannter, was Geschlechtsrollen betrifft? Werden zarte, feminine Jungs und toughe Mädchen eher akzeptiert als früher?

Mir scheinen Geschlechtsrollen noch immer ziemlich wichtig, aber insgesamt haben die Kinder heute schon mehr Möglichkeiten, sich nicht regelkonform zu verhalten. Man lässt mehr zu, findet mehr in Ordnung.

Gemobbte Kinder leiden ja furchtbar. Wie schwierig ist es, in solchen Fällen persönlich Distanz zu wahren?

Nicht sehr, weil dieser Abstand so extrem wichtig ist, wenn man etwas erreichen will. Wenn ich als Lehrperson mitleide, hilft das niemandem. Stattdessen muss ich stark und ruhig bleiben, die Aussenperspektive einnehmen, nur so kann ich eine Stütze sein und etwas bewirken. Vor Kurzem war ich mit einer Klasse auf einer Wanderung, da wurde ein Allergiker von einer Wespe gestochen und hatte seine Medikamente nicht dabei. Zum Glück waren wir noch nicht so weit weg vom Dorf, also konnten wir zurück. Aber der Junge geriet in Panik und war überzeugt, dass er gleich sterben werde. Ich riet ihm, damit noch etwas zu warten, weil ja noch der Abschlussabend mit der Klasse anstehe und es doch ungünstig wäre, wenn er nicht dabei sein könnte. Am Ende ging alles gut, sein Bein war tatsächlich ziemlich angeschwollen, aber die Tabletten brachten das wieder in Ordnung.

Welche Rolle hatten Sie denn eigentlich früher in Ihrer Schulzeit?

Ich wäre gern die Anführerin gewesen, aber das ist mir nicht immer gelungen. (lacht) So war ich dann meist die Gegenspielerin der Anführerin, um deren Sturz ich mich immer redlich, aber oft vergeblich bemühte. Ab und zu war ich auch der Klassenclown – und landete immer mal vor der Tür.

Wurden Sie selbst als Schülerin gemobbt?

Einmal hat eine dieser Anführerinnen die anderen Mädchen gegen mich aufgewiegelt, wohl aus Angst, dass ich sie stürzen könnte. Die haben mich dann in der Pause immer attackiert. Also ging ich nach Hause und erklärte meiner Mutter und meiner Grossmutter, dass ich von nun an nicht mehr zur Schule gehe. Da griff sich die Grossmutter ihren Schirm, kam mit mir auf den Pausenplatz und drohte den anderen, wenn sie das noch einmal täten, würde sie sie mit dem Schirm verhauen. Ab dann war Ruhe. Sie sehen, früher lief das sehr viel direkter und pragmatischer. (lacht)

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