09. Mai 2019

Über 90 und mittendrin

Lebensqualität im hohen Alter? Wie das geht, zeigt Marianne Pletscher mit ihren Porträts im neuen Buch «90 plus». Ein inspirierender Vorgeschmack auf Geschichten der Lebensfreude – und aufs Älterwerden.

Wir werden immer älter, sagen die Statistiken. Aber lohnt es sich überhaupt, 90, 100 oder noch älter zu werden? Die Dokumentarfilmerin Marianne Pletscher (72) hat sich in Filmen und Büchern mit dem Thema Demenz auseinandergesetzt und sagt: «Ich wollte endlich etwas Positives über das Alter schreiben.» Entstanden ist das Buch «90 plus», in dem sie gemeinsam mit dem Fotografen Marc Bachmann sieben Frauen, einen Mann und ein Ehepaar porträtiert.

Sie sind zwischen 91 und 101 Jahre alt, stammen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Gegenden der Schweiz, geniessen eine hohe Lebensqualität und haben grosse Lebenslust; sie wohnen noch in der eigenen Wohnung oder gönnen sich ein Alterszentrum, in dem sie nichts mehr tun müssen. Viele sind aber auch sehr aktiv, vernetzt oder politisch interessiert. Sie schreiben, wandern, demonstrieren sogar. Marianne Pletscher: «Das Buch soll Mut machen, alt zu werden. Für mich sind alle Porträtierten mit ihrer positiven Lebenshaltung zu Vorbildern geworden.»

Ernst Gerber (95)

Ernst Gerber


Noch heute verbringt Ernst Gerber jeden Tag eine Stunde draussen. Er geht wandern, nicht einfach spazieren. Seit seinem 90. Lebensjahr benutzt er Wanderstöcke, das ist besser fürs Gleichgewicht. Einzig Treppensteigen und steile Hänge bereiten ihm Mühe, da gerät er ins Schnaufen. Nicht so wie früher: Zweimal bestieg er das Matterhorn. Er war lange aktiv im Schweizer Alpenclub. Mit 90 schaffte er es immerhin noch auf den Stierenberg, den höchsten Berg im Kanton Aargau.

Die Natur war Ernst Gerber immer wichtig. Eine schöne Aussicht bietet auch sein Haus in Beinwil am See AG. 1972 hat er es mit seiner Familie bezogen. Lange lebten sie zu fünft dort. Irgendwann waren alle Töchter ausgezogen, Frau Trudy starb vor vier Jahren. Ernst Gerber lebt jetzt allein, aber nicht einsam. Die Töchter und die Nachbarn laden ihn oft zum Essen ein. Der 95-Jährige hat ein Handy. Wenn er mit der Bahn – er besitzt ein GA – ins Berner Oberland, ins Tessin oder an den Bodensee reist, lässt er seine Töchter wissen, dass er weg sei. Wenn er nicht rechtzeitig zurückkäme, würden das aber auch die Nachbarn merken; er fühlt sich verwöhnt und behütet.

Ernst Gerber arbeitete während 40 Jahren in der Villiger-Zigarrenfabrik. Er war zuständig für die Maschinen, die die Stumpen produzierten. Er rauchte selbst, bekam er die Produkte der Firma doch gratis. Damit aufgehört hat er erst mit 80, als das mit dem schweren Schnaufen allmählich begann. Ernst Gerber wünscht sich, nicht ernsthaft krank zu werden und weiterhin wandern zu können. Das erste Urenkelchen ist unterwegs – das will er noch kennenlernen.

Vreni Weiss (101)

Vreni Weiss

Ihr Kurzzeitgedächtnis spielt ihr manchmal Streiche. Doch darüber scherzt Vreni Weiss: Sie wisse dafür umso besser, was vor 100 Jahren passiert sei. Die 101-Jährige lebt noch in ihrer eigenen Wohnung. Allerdings wird sie dreimal pro Woche von einer Freundin des Sohnes und täglich von der Spitex unterstützt. Sie ist froh, dass sie noch zu Hause sein kann, denn in ein Heim könnte sie nicht alle Souvenirs und Fotos mitnehmen, die bei ihr an den Wänden hängen.

Seit Kurzem trägt sie einen Notfallknopf am Handgelenk. Und ein Besen liegt immer bereit – mit dem würde sie im Ernstfall an die Decke oder auf den Boden klopfen, damit die Nachbarn alarmiert sind. Die kennt sie zum Teil schon seit über 50 Jahren. Alle, die sie besuchen, lieben sie für ihre Fröhlichkeit, Zufriedenheit und die Fähigkeit, alte Geschichten zu erzählen.

Vreni Weiss wohnt in Zürich-Altstetten und bezeichnet ihren Wohnort als «Dorf»: So empfindet sie das Stadtquartier mit Post, Bank und Lebensmittelläden. Eigentlich ist sie noch gut zu Fuss unterwegs, aber mit Rollator fühlt sie sich sicherer. Sie nennt ihn Rennauto. Dass sie noch gehen kann, betrachtet sie als grosses Geschenk. Und auch, dass Reisen – wenn auch nicht mehr allein – noch möglich sind. Gerne begleitet sie Sohn Willi und dessen Frau Angela auf ein Anwesen in Südfrankreich und schaut dort von der Terrasse aufs Meer. Das Reisen hat ihr schon immer viel bedeutet: Sie war in Australien, Japan oder beim anderen Sohn in Südafrika. All das bleibt unvergessen.

Agnes Guler (95)

Agnes Guler

Sie wirkt jung und lebendig, hat kaum Gedächtnisprobleme. Man würde der 95-Jährigen auch 60 oder 70 geben. Für Agnes Guler ist Politik das halbe Leben. 1969 war sie mittendrin beim «Marsch auf Bern», als vor dem Bundeshaus das Stimmrecht für Frauen gefordert wurde. In den 80er-Jahren war sie Zürcher SP-Kantonsrätin. Obwohl sie nie eine Berufslehre absolvieren konnte – es war kein Geld da –, fühlte sie sich als Parlamentarierin nie unterlegen. Ihr grösster Erfolg im Kantonsrat? Dass sie gemeinsam mit zwei anderen Frauen das kantonale Gleichstellungsbüro durchgebracht hat.

Ihr Mann starb früh. Ein schwerer Schicksalsschlag, sie bezeichnet ihre Ehe als modern und glücklich. Mit der Witwenrente wurde sie quasi Berufspolitikerin, und das bis ins hohe Alter. Mit fast 90 organisierte sie noch die Versammlungen der SP-Seniorinnen. Sie findet, die Partei sollte die ältere Generation besser integrieren. Auch heute politisiert sie noch gerne. Jeden Sonntagmittag kocht Agnes Guler für die Familie in ihrer Dreizimmergenossenschaftswohnung – meist sitzen neun bis zwölf Kinder, Enkel, Urenkel am grossen Tisch. Was die jüngere Generation denkt, ist ihr wichtig.

Sie putzt auch noch selber, hält sich mit Aquafit fit und arbeitet im grossen Garten. Im vergangenen Jahr nahm sie noch an einer grossen Bergwanderung teil. Und am diesjährigen 1. Mai an der mehrstündigen Demo, begleitet von Töchtern, Enkel, Urenkel – zum 66. Mal in ihrem Leben.

Hedy Rieser (95)

Hedy Rieser

Sie fühlt sich nicht alt. Nur als der älteste Sohn pensioniert wurde, habe sie es kurz gemerkt, sagt die 95-jährige Hedy Rieser. Und wenn sie die Enkelkinder anschaut. Dann denke sie, dass sie eigentlich ein altes Grosi sei, auch wenn es sich gar nicht so anfühle. Altsein ist für sie rundum positiv. Sie nimmt nichts mehr besonders ernst und tragisch, nichts belastet sie mehr so wie früher. Sie kann, aber muss nicht.

So war das auch mit dem Alterszentrum. Mit 93 Jahren fand sie, es sei Zeit dafür. Also teilte sie ihren Söhnen mit, dass ein Umzug bevorstehe. Gefragt hat sie niemanden – zeitlebens fällte sie ihre Entscheidungen allein. Schon ihren Vater habe sie nie wirklich um Erlaubnis gefragt, sie sei eben eine Macherin. Sie erinnert sich gern an ihre glückliche Jugend. An den Krieg hat sie nicht viele Erinnerungen, ausser, dass es damals fast keine Schokolade gab. Nach der Lehre als Kinderpflegerin zog sie nach Locarno. Ihren Vater informierte sie auch da erst, als die Sache bereits beschlossen war. Sie wurde Hausfrau und Mutter, zog drei Söhne auf. Über 30 Jahre lang trat sie zusammen mit drei Freundinnen in einer Musikgruppe auf. Zuerst spielte sie Gitarre, später, als es die Finger nicht mehr zuliessen, Rhythmusinstrumente. Die «Gruppe Stallbänkli» musizierte in Alters- und Pflegeheimen. Die Auftritte trugen dazu bei, dass sie nie Angst vor dem Heim hatte. Als sie ins Zentrum Wolfswinkel in Zürich kam, sagte sie, jetzt mache sie nichts mehr – und schwupps!, 14 Tage später sass sie im Bewohnerrat. Sie hilft gerne anderen Bewohnerinnen und empfängt ständig Besuch. Man dürfe jetzt nur noch geniessen, sagt sie. Das sei das Schöne am Altsein.

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