11. Oktober 2018

Trendsetter auf dem Arbeitsmarkt

Den Strand zum Büro machen. Gleich viel verdienen wie die Chefin. Mitbestimmen können. Die Trends auf dem Arbeitsmarkt locken mit Eigenverantwortung und flachen Hierarchien. Das gibt zu tun. 

Carlo Badini
Carlo Badini, CEO von Cleverclip, hat ein Büro in Bern und Mitarbeitende in aller Welt.

Wo verbringen Sie Ihren Arbeitstag? Auf einem etwas aus der Mode geratenen Bürostuhl? Auf dem Pult liegen Locher und Bostitch griffbereit, der Telefonbeantworter blinkt? Dann gehören Sie zur grossen Mehrheit der Schweizer Bevölkerung. Über 2,8 Millionen Menschen waren im Jahr 2017 im Dienstleistungssektor tätig, der Grossteil von ihnen im Büro.

Obwohl sich die Tätigkeiten stark unterscheiden, sieht der Büroalltag bei den meisten erschreckend ähnlich aus. Berichte über Unternehmen, die ganz anders funktionieren, stammen vor allem aus den USA, selten aus Deutschland.

Google fördert weltweit das Arbeiten an eigenen, privaten Projekten, hat Pingpongtische und eine Rutschbahn. Amazon zahlt Mitarbeitenden, die die Firma verlassen, 5000 Dollar Abfindung – so bleiben nur die motiviertesten. Und beim Surfbretthersteller Tower Paddle Boards wird statt acht nur noch fünf Stunden gearbeitet – bei gleichbleibendem Lohn.

Etwas wagen dürfen, scheitern dürfen

Die Trends auf dem Arbeitsmarkt werden von den grossen Firmen gemacht. Trotzdem gibt es auch in der Schweiz einige Vorreiter, die nach einer anderen Idee funktionieren, und dies zum Teil bereits seit über 30 Jahren.

Ein Beispiel ist die Architektur-Zeitschrift «Hochparterre». Die junge Verlagsfrau verdient dort mit Grundlohn und Gewinnbeteiligung etwa 100 000 Franken im Jahr. Genauso viel wie ihr Chef. Denn bei «Hochparterre» wird nach dem Leitbild der Französischen Revolution gearbeitet: Liberté, Égalité, Solidarité.

Liberté, weil alle gefordert sind, ihre Kreativität nutzen und mitdenken sollen. «Man soll etwas wagen, darf aber auch scheitern, ohne dass es grossen Tadel gibt», sagt Gründer und Chefredaktor Köbi Gantenbein (62). Égalité, weil die Hierarchien flach sind und alle gleich viel verdienen. Die Firma pflegt eine starke Diskurskultur. «Man muss reden miteinander!» Und Solidarité, weil gleich viele Frauen wie Männer bei «Hochparterre» arbeiten. Und weil man zueinander schaut, in guten wie in schlechten Zeiten. Gantenbein sagt es so: «Wir ‹Hochparterris› sind eine Familie. Am Anfang waren wir vier Menschen, jetzt 22. Mit ihren Familien kommen wir auf 80 Menschen, die wir alle solidarisch tragen.»

Wenn es jemandem schlecht gehe, sei er halt einmal eine Woche weg. Und auch die Kinder haben Platz: «Selbstverständlich gehen sie auch in die Krippe. Aber es braucht mehr, auch vom Arbeitgeber, damit es funktioniert.» Logisch, dass es bei «Hochparterre» einen kleinen Vaterschaftsurlaub gibt.
Und: Alle drei Jahre hat jede und jeder «Hochparterri» das Recht auf zwei Monate bezahlten Bildungsurlaub. Die einen machen eine lange Reise, die anderen malen. Gantenbein wanderte durch Spanien.

Bei «Hochparterre» werde viel gearbeitet. Trotzdem legt man Wert auf die Gesundheit, indem die Vierzigstundenwoche und die Ferien eingehalten und Überstunden minimiert werden. «Unsere Versicherung hat uns kürzlich einen Bonus ausbezahlt, weil bei uns niemand krank ist.»
Warum funktioniert dieses Modell bei «Hochparterre», aber in vielen anderen Firmen nicht? «Man muss es einfach machen», sagt der Chefredaktor. Und man müsse sich als Besitzer einer Firma bewusst dafür entscheiden, so wie er und Benedikt Loderer es seinerzeit taten.

«Das heisst auch, dass man als Chef auf Privilegien und Sonderrechte verzichtet.» Er sei, sagt Gantenbein, in einem sozialdemokratischen Haushalt aufgewachsen und habe nie verstanden, warum ein Chef mehr verdienen solle als ein Angestellter und ein Direktor mehr als eine Gärtnerin.

Doch alle in der Firma müssen die Égalité wollen und mittragen. Das geht nicht von alleine: «Es braucht jahrelange ideologische Arbeit», sagt Gantenbein, «es gibt kein Paradies auf Erden. Man muss es sich einrichten, wenn auch nur im Kleinen, umtost von der Welt.»

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Taxi! Lisa Stutz ist manchmal selber eines (Bild: pixabay)

Eine Fahrt im Taxi Stutz

Informationen zum Author

Der Polizist und seine Zwillinge

Die Polizei, dein Freund und Geburtshelfer

Manchmal fühlt sich Lisa Stutz in der Stadt gefangen. Zum Beispiel im Verkehrsstau (Bild: Unsplash).

Gefangen in der City

Informationen zum Author

Susanne Brunner auf dem Markt

Susanne Brunner ist die neue Stimme aus Nahost