17. November 2017

Traumjob Flight Attendant

Schwierige Passagiere, lange Arbeitstage, tiefer Lohn: Dem schlechten Job-Image zum Trotz wird die Swiss von Flight-Attendant-Bewerbern überrollt. Ist Flugbegleiter wieder zum verbreiteten Wunschziel geworden? Das Migros-Magazin hat ein Casting besucht und bei den Kandidatinnen und Kandidaten nachgefragt.

Casting bei der Swiss: Junge Bewerber stehen an.
Casting bei der Swiss: Junge Bewerber stehen an.
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Ein Samstagmorgen in Zürich Kloten. Es herrscht kühles Nieselwetter. Für zehn Mitarbeiter der Swiss steht ein langer Tag an. Nicht, weil sie mit einer Flugzeugladung Menschen dem grauen Einerlei in Richtung Süden entfliegen werden. Es ist Castingtag, und sie sind als Recruiter im Einsatz und müssen im Verlauf des Tages im Schnelldurchgang Dutzende von Bewerbern beurteilen.

Bereits um acht Uhr herrscht im Empfangsraum im zweiten Stock am Hauptsitz der Swiss in Kloten ZH Gedränge. Gut 50 Menschen zwängen sich an die runden Stehtische und in die Sofaecken, um Formulare auszufüllen: Frauen in Hosen- oder Rockanzügen, Männer in Jeans und Sakkos. Da und dort ist ein weisses Hemd zu sehen, ein Foulard, roter Lippenstift, Pumps. Manche dieser jungen Menschen sehen bereits aus wie Flugbegleiter. Dabei sind sie alle hier, um sich erst mal bei der Swiss zu bewerben. Sie mussten sich nicht anmelden, nur den Pass und einen Lebenslauf mitbringen.

Etwa im Monatsrhythmus führt die Schweizer Fluggesellschaft solche Castings durch: meist in Kloten, aber auch in St. Gallen, Chur, Lugano, Konstanz und sogar in Rust (D). Letztes Jahr waren es gar zwei Anlässe pro Monat, denn die Airline suchte dringend neue Flugbegleiter, «Cabin Crew Member» im Fachjargon. Die Gründe: Flottenausbau, Absenzen wegen Umschulung, Abgänge ins Freelance-Corps, plus die normale Fluktuation. Ausserdem werde Personal aufgestockt «im Zusammenhang mit Qualitätsoffensiven», wie es die Fluggesellschaft formuliert.

Das Konzept Casting funktioniert

880 neue Flugbegleiter konnten 2016 eingestellt werden, über 400 weitere bereits dieses Jahr, 2018 sollen es nochmals 400 sein. Einen schönen Teil des Nachschubs liefern die Castings: 80 bis 100 Kandidaten folgten zu Beginn jeweils den Aufrufen, inzwischen kommen bis zu 160. «Die Anziehungskraft des Berufs ist merklich am Steigen», sagt RetoSchmid (51). Er ist Chef der rund 4500 Mitarbeiter starken Cabin Crew und damit der halben Swiss. Nach dem Grounding der Swissair 2001 sei die Verunsicherung gross gewesen. «Junge Leute fragten sich zu Recht, ob dieser Beruf Zukunft habe.» Schmid hat ausgerechnet: «Inzwischen haben wir so viele Bewerber, dass wir nur etwa jeden Fünften einstellen können.»

An diesem Samstag haben sich 140 Frauen und Männer für das Casting eingefunden. Um neun Uhr fluten sie sämtliche Gänge. Die erste Schlange führt zum Empfangsdesk: Hier geben die Kandidaten ihr ausgefülltes Formular ab, dem die Recruiter zunächst zwei Informationen entnehmen: Kann der Kandidat schwimmen, und hat er einen Schweizer oder EU-Pass? Denn Schwimmen ist bei einer Notwasserung überlebenswichtig. Und Arbeitsbewilligungen für Drittstaatsangehörige zu bekommen, ist kompliziert. Einige Männer und Frauen werden daher bereits vom Empfangsdesk direkt wieder nach Hause geschickt.

Alle anderen stehen für die zweite Station an. Unter ihnen Vivianne Fischer (siehe auch Box Seite 17). Die 22-Jährige spricht vier Sprachen, hat einen FMS-Abschluss in Kommunikation und einen Traumberuf: Flight Attendant. «Ich möchte die Welt sehen und mit Menschen zu tun haben», sagt sie, bevor sie hinter einem Paravent verschwindet. Den Visual Check dort besteht sie problemlos: Sie hat keine Tattoos im Gesicht, am Hals oder an den Unterarmen und erreicht die Mindestgrösse von 1,58 Metern offensichtlich. Fischer wedelt mit ihrem Formular, lacht fröhlich und reiht sich in die nächste Schlange ein. Jetzt geht es zum Kurzinterview.

Hier wechseln die Recruiter von einem Satz zum anderen ins Englische und wieder zurück. Denn gute Englischkenntnisse sind Voraussetzung. Genauso wie körperliche Fitness, Teamfähigkeit, nervliche Belastbarkeit und Flexibilität.

Flugbegleiter als Einstiegsjob

«Für die meisten jungen Menschen ist Flugbegleiter kein schlechter Einstieg ins Berufsleben», sagt Konrad Baumann (64). Er ist bei der Aargauer Laufbahnberatungsstelle «ask!» zuständig für Aviatikberufe und rät selten jemandem davon ab, sich als Flight Attendant zu bewerben. «So ein Einsatz ist wie eine lange Schnupperlehre», erklärt er. Zudem sei eine 20-prozentige Chance auf den Job hoch, verglichen mit zwei Prozent in vielen kaufmännischen Berufen.

Das Interesse für den Job werde von den Fluggesellschaften bewusst gesteuert, erklärt Baumann. «Wenn die Swiss Cabin Crew Members sucht, schreibt sie uns einen Brief.» Ist genügend Personal da, werden die Berufsberatungen gebeten, ihre Kunden entsprechend zu informieren. Die Begeisterung fürs Fliegen sei ungebrochen, seit der Schock über das Grounding überwunden sei, sagt Baumann. «Da ist Fernweh im Spiel sowie der Wunsch nach etwas Jetsetleben.» Dass die Realität etwas anders aussehe, sei für die meistenInteressenten kein Problem.

Am Casting in Kloten ist man an diesem Samstagmorgen noch weit vom Realitäts-Check entfernt. Um 10 Uhr wird der geplante Informationsteil kurzfristig um etwa 20 Minuten verschoben. Denn noch immer verstopfen Bewerber die Gänge und warten auf den Check am nächsten Posten. Kurz vor halb elf sind 85 der 140 angereisten Kandidaten in einem lichtdurchfluteten Saal versammelt und werden über die Swiss im Allgemeinen und das Casting im Besonderen informiert.

Die anderen 55 Bewerber sind gescheitert: an der Körpergrösse, der Staatsangehörigkeit, den Sprachkenntnissen oder den unklaren Vorstellungen, die sie mit dem Beruf des Flugbegleiters in Verbindung bringen. Wer glaubt, gutes Aussehen und ein Dauerlächeln genügten für diesen Job, wird hier eines Besseren belehrt: «Die Flugbegleiter tragen viel Verantwortung», erklärt Cabin-Crew-Chef Reto Schmid, «sie sind für das Wohlbefinden und die ­Sicherheit der Fluggäste zuständig – manchmal bei medizinischen Problemen oder Angstzuständen.» In seltenen Fällen sogar für Kinder, die im Flieger geboren werden, oder für Menschen, die dort sterben. Bei einer Evakuierung sei das Vorgehen der Flugbegleiter entscheidend für einen guten Ausgang.

Geschult werden neue Angestellte zunächst theoretisch. Bereits in der ersten Woche gehts aber auf einen Schnupperflug. Es folgen rund fünf Wochen im Trainingszentrum in Kloten, eine mehrwöchige Phase von Europaflügen und schliesslich die Einführung auf Langstreckenflüge. Alles in allem geht die Ausbildung bis zur Qualifikation für Business-Class-Langstreckenflüge neun bis elf Monate. FA2 nennt sich das Level.

Ewiges Thema sind die Löhne

Der Lohn der Neueinsteiger nimmt sich in Anbetracht der beschriebenen Verantwortung eher bescheiden aus: Alle Zulagen einberechnet, beträgt er maximal 4000 Franken. Ein Maître de Cabine, der in Europa fliegt, kann es auf 6000 Franken bringen, interkontinental fliegend auf 8000.

Die Gehälter sind ein ständiger Stein des Anstosses für die Kapers, die Gewerkschaft des Kabinenpersonals. Präsident Denny Manimanakis sagt: «Die Entlöhung entspricht definitiv nicht den Leistungen.» Er war an den letzten Lohnerhöhungen entscheidend beteiligt und kündigt weitere Verhandlungen an. Denn auch die Anforderungen an die Cabin Crew steigen stetig: Vor zehn bis 15 Jahren waren noch fünf Flugbegleiter für 180 Passagiere zuständig, jetzt müssen sie das zu viert stemmen. Aufenthalte nach Langstreckenflügen sind von mehreren Tagen auf eine Nacht geschrumpft. Innerhalb Europas macht ein Flugbegleiter bis zu vier sogenannte Legs am Tag, etwa zwei Flüge nach Frankfurt und zurück. 12-Stunden-Einsätze sind keine Seltenheit, regelmässige freie Wochentage hingegen schon.

Kommt hinzu: Seit ein Ticket nicht mehr ungefähr einen Monatslohn kostet, kann sich jedermann das Fliegen leisten. Statt grenzenloser Freiheit herrscht Dichtestress. Es wird gepöbelt, gestritten, gestresst und geklaut, wie ein langjähriger Flight Attendant der Lufthansa berichtet (siehe Interview).

Die Ansprüche an den Service sind nicht mit den Ticketpreisen gesunken, im Gegenteil: «Die Werbung preist das Fliegen als Erlebnis an», sagt Manimanakis. Allerdings könne die Crew dieses Versprechen aufgrund der knappen Ressourcen nicht einlösen. So mancher Fluggastnimmt die Flight Attendants alsServicepersonal wahr, das unter erschwertenUmständen arbeitenmuss. Das kann auch der Kapers-Präsident nachvollziehen.

Warum dennoch so viele junge Menschen diese Arbeit machen wollen, weiss Stefan Eiselin (50), Chefredaktor des Luftfahrtportals Aero-Telegraph: «Die Internationalität, das abwechslungsreiche Leben, das Gefühl, die Welt zu sehen – das reizt die Leute», sagt er. Für viele sei es ein cooler Zwischenjob. «Und er macht sich im Lebenslauf gut. Es zeigt, dass sich jemand für nichts zu schade ist.»

30 von 140 Bewerbern kommen weiter

Auch die Bewerber am Casting in Kloten beeindruckt die Aussicht auf den glanzlosen Stressberuf wenig. Es fallen Sätze wie «Schwierige Passagiere sind eine tolle Herausforderung», «Es macht mir Spass, Menschen glücklich zu machen» oder «Ich will einfach in der Aviatik arbeiten». Am Nachmittag werden sie in Gruppenarbeiten nochmals gesiebt – ebenso beim schrift­lichen Englischtest.

Um 17.30 Uhr ist das Assessment zu Ende: Von 140 Kandidaten sind 30 übrig geblieben. Sie werden in den kommenden Tagen eingeladen, ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen sowie einen Strafregisterauszug einzureichen und einen medizinischen Test zu absolvieren. Wenn hier keine Unregelmässigkeiten auftauchen, bekommt der Bewerber einen Vertrag und in wenigen Monaten eine eigene Uniform. Vivianne Fischer ist eine von ihnen. Sie ist in ihrem Traumjob gelandet und wird bald abheben und die Welt sehen.

Vivianne Fischer (22), Baden AG

Am Castingtag: Mit sieben war sie auf ihrer ersten Flugreise, seither ist Berufsfliegen ihr Traum. Vivianne Fischer hat gerade die Fachmittelschule in Kommunikation abgeschlossen. Jetzt will sie die Welt sehen. Die Aussicht auf schwierige Passagiere kann sie nicht schrecken: «Jeder Beruf hat Schattenseiten. Und ich bin ‹en herte Siech›», sagt sie. Fischer spricht neben Deutsch Englisch, Französisch und Mandarin. Sie ist eine Frohnatur und geht locker durch das Casting. Das attraktive Gesamtpaket der jungen Frau kommt bei der Swiss an, Fischer kriegt ein Jobangebot.

Update: Die Uniform war schnell angepasst, die Basisausbildung zur Flugbegleiterin ist abgeschlossen – inklusive Schmink- und Stylingschulung. Vivianne Fischer hat auch bereits mehrere Langstreckenflüge begleitet. «Ich bin überrascht, wie freundlich und hilfsbereit die Crew-Mitglieder miteinander umgehen», sagt sie. Nun freut sie sich auf die Weiterbildung.

Felipe Ramos (26), Brasilien

Felipe Ramos (26), Brasilien

Am Casting-Tag: Der gebürtige Brasilianer mit italienischer Mutter hat sich extra fürs Swiss-Casting einen EU-Pass besorgt und fünf Tage freigenommen. Er hat bereits bei einer brasilianischen Fluggesellschaft als Flight Attendant gearbeitet und ist kürzlich privat mit der Swiss geflogen. Seither weiss er: «Für diese Airline will ich arbeiten.» Ramos hat Betriebswirtschaft studiert und einen sechsmonatigen Stage bei Mercedes-Benz in Deutschland absolviert. Von da und aus Büchern stammen seine guten Deutschkenntnisse. Ausserdem spricht er Englisch und Portugiesisch. Probleme zu lösen liebe er, sagt Ramos, er finde es schön, den Fluggästen ein gutes Gefühl zu geben. Bei der Swiss hinterlässt der Strahlemann einen guten Eindruck, sie bietet Felipe Ramos einen Job an.

Update: Bereits hat Ramos fünf Wochen Training und die ersten Flüge absolviert. «Herausfordernd und bereichernd», fand er es. Der Brasilianer lebt jetzt glücklich in einem Schweizer Dorf und sagt, sein Leben habe sich um 180 Grad geändert. «Die Swiss ist wie eine Mutter für mich.»

Barbara Kern (49), Oberwil-Lieli AG

Barbara Kern (49), Oberwil-Lieli AG

Am Casting-Tag: Diese Frau ist im Moment offen für alles, flexibel und unabhängig. «Vogelfrei», sagt Barbara Kern und lacht. Bis vor Kurzem hatte sie eine eigene Kommunikationsagentur. Das bedeutete viel Arbeit und viel Verantwortung. Sie sei bereit, total Neues auszuprobieren – warum nicht Flight Attendant? Immerhin ist ­Reisen ihr liebstes Hobby. Fröhlich und unaufgeregt beobachtet Kern an diesem Samstag das hektische Treiben um sich herum. Sie ist froh, nicht mehr so viel von der Jobwahl abhängig machen zu müssen wie viele jüngere Menschen. Entsprechend gelassen nimmt sies, als sie nach der Gruppenarbeit erfährt, dass sie nicht mehr im Rennen ist. «Dann kommt halt Plan B zum Tragen», sagt Barbara Kern. Will heissen: Sie fährt mit ihrer Ausbildung zur Yogalehrerin fort und gründet eine Firma. Sie verlässt den Hauptsitz der Swiss auch mit einem Hauch Erleichterung. Das mit der Flugbegleiterin, ahnt sie, wäre wohl nicht ganz einfach geworden.

Update: Inzwischen hat Barbara Kern die Firma gegründet: Pura Vida, Wellbeing & Adventure Retreats. Damit bietet sie bereits die ersten Yoga-Ferien an.

Isolde Faber (24), Weggis LU

Isolde Faber (24), Weggis LU

Am Casting-Tag: Auf Facebook hat Isolde Faber gesehen, dass sich 400 Menschen für das Swiss-Casting an diesem Samstag interessieren. Das hat sie im Vorfeld schwer beeindruckt. Doch am Castingtag selber fühlt sie sich ganz entspannt. Die Schweiz-Holländerin hat eine Hotelfachschule abgeschlossen und auf Jamaica an einer Reception gearbeitet. Sie liebt es zu reisen und fremde Kulturen kennenzulernen. Über die Swiss hat sie sich gut informiert und ist überzeugt: Der Job als Flugbegleiterin würde ihr Spass machen. Neugierig und mit einem steten Lächeln absolviert sie die Casting-Stationen. Dass die Airline keine berauschenden Löhne zahlt, stört Isolde Faber nicht: «Das ist Nebensache.» Faber übersteht die Phase Gruppenarbeit nicht. Ihr Deutsch, sagt sie selbstkritisch, sei noch nicht sehr gut. Falls sie sich nochmals bewerben möchte, wird sie vorher daran arbeiten.

Update: Für kurze Zeit hat Isolde Faber als «Food & Beverage»-Fachfrau in einem Hotel in Weggis gearbeitet. Danach ist sie für unbestimmte Zeit in die USA abgereist, für Ferien und für die Jobsuche.

Cyril Nacht (20), Winterthur ZH

Cyril Nacht (20), Winterthur ZH

Am Casting-Tag: Eigentlich will Cyril Nacht ja Pilot werden. Der Job als Flight Attendant wäre ein Einstieg in die Aviatik, die ihn so sehr fasziniert. Als er von den Swiss-Castings hörte, dachte er: Ich geh einfach mal hin. Machte sich im Internet über die Details schlau und übte Bewerbungsgespräche. Nacht hat im Sommer 2016 die Matura mit Sprachprofil gemacht. Das zweisprachige Kurzinterview läuft gut. Doch am Nachmittag ist für Nacht vorläufig Endstation, er wird mit einem «Leider Nein» nach Hause geschickt. «In der Gruppenarbeit war es unmöglich, sich ohne penetrantes Dreinreden einzubringen», sagt Nacht. «Da ich das nicht mag, konnte ich hier wohl zu wenig von mir zeigen.» Er wird es nie erfahren, denn die Swiss gibt kein detailliertes Feedback. Nacht ist etwas enttäuscht, aber ein Weltuntergang sei es nicht.

Update: Kurz nach dem Casting hat Cyril Nacht eine Praktikumsstelle beim Bundesamt für Zivilluftfahrt erhalten. Dann bestand er die Aufnahmeprüfung für die Piloteneignungsabklärung und absolvierte einen zweiwöchigen Flugkurs. Er ist also auf Flug-Kurs.

Flight-Attendant-Bewerber bei der Swiss
Ansturm: Schon am frühen Samstagmorgen fluten die Bewerber die Gänge der Swiss.

Viele können nicht mehr

Kai Neumüller (45)* ist seit 21 Jahren Flight Attendant, zurzeit bei der Lufthansa. In dieser Zeit hat er immer mehr Schattenseiten des Berufs kennengelernt. Er erzählt, was den einstigen Traumjob manchmal zum Albtraum macht.

Sie sind 1996 Flugbegleiter geworden. Würden Sie heute gleich entscheiden?

Nein. Aber in meiner jetzigen Situation ist es das beste, wenn ich im Beruf bleibe. Denn auf dem Arbeitsamt hat man mir gesagt, ich sei unvermittelbar. Es ist ja auch ein schöner Beruf, wenn man Teilzeit arbeiten kann. ­Allerdings hätte ich gerne jeweils im Winter drei Monate frei – stattdessen muss ich das ganze Jahr 72 Prozent arbeiten.

Warum würden Sie den Beruf nicht mehr wählen?

In erster Linie wegen des Gehalts. Mein Einstiegslohn betrug damals bei der Lufthansa 925 Euro. Inzwischen ist er etwas höher. Auch die Spesen wurden nur minim angepasst. Für einen 24-Stunden-Aufenthalt gibt es heute 48 Euro. In einer Stadt wie etwa New York genügt das einfach nicht.

Wie kommen Sie über die Runden?

Als ich noch bei einer ausländischen Airline arbeitete, verdiente ich drei- bis fünfmal so viel wie heute. Ich konnte etwas Kapital anlegen, dadurch kommt etwas zusätzliches Geld rein. Das Gehalt ist bei der Lufthansa Kündigungsgrund Nummer eins. Inzwischen ist auch die Arbeit an Bord oft eine Zumutung. Viele Flugbegleiter melden sich häufig krank. Sie können nicht mehr.

Was macht die Arbeit so unangenehm?

Viele Passagiere buchen einen möglichst billigen Flug. Mit der gleichen Mentalität wollen sie auch auf dem Flug so viel wie möglich rausholen. Ihre Sätze beginnen oft mit «Bringense mal ...». Sie rufen die Flug­begleiter mit «Hey» und duzen sie. Wenn es ihnen zu lange dauert, kommen sie in die Galley, also die Flugzeugküche, und bedienen sich gleich selber. Kürzlich sind einer Kollegin Pralinés entwendet worden, die sie privat geschenkt bekommen hat. Ein Gast hat mal eine ganze Flasche Wein aus der Galley mitgenommen. Einmal habe ich tatsächlich auch einem Fluggast mit einer Klage gedroht. Er hat beleidigende, rassistische Bemerkungen gemacht.

Man hört immer wieder von Fällen von Air Rage – Wut, die die Passagiere in der Luft überfällt. Kennen Sie das auch?

Ja. Kürzlich hat sich auf einem Flug von Dubai nach Frankfurt eine Passagierin beschwert, weil die Dame vor ihr den Sitz nicht senkrecht stellte. Ich sagte: «Gute Frau, Sie haben noch mindestens 15 Zentimeter Platz zwischen den Knien und dem Vordersitz.» Sie wurde wütend, beschimpfte die Purserette und gab dem vorderen Sitz einen Stoss. Die Dame davor knallte mit dem Kopf an den Monitor. Zum Glück blieb sie ruhig, sagte aber «das wars, ich fliege nie wieder mit Lufthansa». Übrigens versteh ichs manchmal durchaus, wenn Passagiere genervt sind – besonders in der Businessclass.

Worüber ärgern sich diese?

Der Business Class Signature Service der Lufthansa sieht ein Fünfgängemenü vor. Dafür deckt man direkt das Klapptischchen vor dem Passagier. Und das eilt, denn jeder Flugbegleiter bedient bis zu 14 Passagiere statt wie früher sechs. Die Gäste werden dauernd gestört, Porzellan und Gläser klappern, Besteck fällt den Gästen auf den Schoss. Und auf Nachtflügen rauben wir den Passagieren mit diesem Service den Schlaf. Dabei wollen sie einfach ihre Ruhe haben.

Was ist das Schöne an Ihrem Job?

Es gibt immer wieder nette Passagiere. Einige bedanken sich sogar am Ende des Flugs. Man lernt Menschen und Kulturen aus aller Welt kennen. Die Aufenthalte an den Destinationen sind zwar heute kurz, aber als alter Hase weiss ich, wie ich sie optimal nutzen kann. Ich schlafe dann wenig, treffe Freunde und gehe da shoppen, wo ich mich auskenne. Diese schönen Stunden verdiene ich mir mit den Flügen.

*Name der Redaktion bekannt

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