02. September 2013

Traumberuf Mutter

Eine neue Generation von Frauen sagt: Es ist selbstbestimmt und emanzipiert, wenn ich mich für ein Leben als Mutter und Hausfrau entscheide. Sie sind alles andere als die althergebrachten Heimchen am Herd. Zu Besuch bei drei Frauen, die ihre Kraft ganz der Familie widmen.

Ursina Zurlinden mit Nina und Leja.
Ursina Zurlinden mit Nina und Leja (vorne).

Ursina Zurlinden (37) sitzt am Gartentisch vor ihrem Häuschen in Winterthur. Ein Baum spendet Schatten, auf dem Rasen steht ein Spielzeughaus. Es hat Blumen, Gemüsebeete, einen Kräutergarten. Seit neun Jahren wohnt Ursina mit ihrem Mann Martin (34) hier. Sie haben drei Kinder: Jaro (7), Nina (5) und Leja (3). Der Tag ist sonnig, ihre Jüngste planscht in einem Blechzuber. Es ist ein kleines Paradies.

Vor sieben Jahren hat sich Ursina dafür entschieden, ihren Beruf als Dekorationsgestalterin aufzugeben und daheim bei den Kindern zu bleiben. Ihr Job liess sich nicht gut mit einer Familie vereinbaren: «Ich arbeitete als Ausstatterin und Requisiteurin für Film und Theater, da war jeweils während einigen Wochen 200-Prozent-Einsatz gefragt.» Fürs Familieneinkommen sorgt seither ihr Mann.

Die gleichberechtigte Partnerschaft bleibt zentral

«Ich ging völlig naiv in das Ganze rein», sagt sie und lacht. Naiv – weil sie die Arbeit zu Hause massiv unterschätzte: «Die ersten fünf Jahre haben mich die Kinder total absorbiert.» Obwohl sie während dieser Zeit kaum Luft für anderes ausserhalb von Familie und Kindern hatte, würde sie es wieder genauso machen. «Ich will mich mit meinen Kindern auseinandersetzen, ihnen nahe sein und sie erleben: Die Kinder sind nur einmal klein», sagt Ursina Zurlinden.

Sie leben auf den ersten Blick ein traditionelles Familienmodell, wie es die Generationen zuvor getan haben: Altmodisch ist die Familie trotzdem nicht. Ursina Zurlinden gehört zur Generation Frauen, für die es normal ist, ein selbständiges Leben zu führen, seine Träume zu verwirklichen und bei der Heirat den eigenen Namen zu behalten. Eine gleichberechtigte Partnerschaft zu leben ist zentral, für ihren Mann gilt das ebenso. Ihm liegt die Familie so sehr am Herzen wie ihr, und auch er will daran teilhaben.

«An zwei Vormittagen schaut er zu den Kindern, geht einkaufen und kocht Mittagessen», erklärt Ursina Zurlinden. Das geht aber nur, weil ihr Mann nebst seinem Pensum als Musiklehrer auch oft abends und an Wochenenden arbeitet – als Musiker spielt er regelmässig mit seiner Balkan-Combo Prekmurski Kavbojci und geht mit Bands wie Anna Rossinelli oder I Quattro auf Tour.

Ganz so entspannt und einfach, wie das Leben der jungen Frau als Hausfrau und Mama an diesem Sommertag wirkt, ist es aber nicht immer. Vor zwei Jahren merkte sie: «Mir fehlte die Aussenwelt. Ich hatte zu wenig Kontakt mit Leuten, war nicht mehr am Puls der Zeit.» Ihr Leben war ganz anders geworden als damals, als sie als Ausstatterin, Gestalterin und Requisiteurin täglich mit Leuten zu tun hatte, viel unterwegs war, zahllose Brockis nach Möbeln und Accessoires durchstöberte und bei Spektakeln wie Karls Kühne Gassenschau fürs Dekor verantwortlich war.

Ich will mich mit meinen Kindern auseinandersetzen, ihnen nahe sein und sie erleben.

Ursina Zurlinden

Immer wieder merkte sie auch, wie unattraktiv das Muttersein gesellschaftlich ist. Wenn sie beispielsweise an einem Fest neue Leute kennenlernte, war nach dem «Was machst du?» die Unterhaltung meist schnell beendet. «Es fehlte der Gesprächsstoff. Auch wenn die Leute freundlich waren, ich spürte, es ist uninteressant, was ich mache.»

Mittlerweile hat sie die Aussenwelt und ihre Kreativität wieder in ihren Alltag geholt. Sie richtete im Estrich ein Atelier ein, begann Gebrauchsgegenstände wie Spülmittel und Abwaschbürsten dekorativ zu verschönern und gründete ihr Kreativlabel «lindegrüen». Seit über einem Jahr verkauft sie ihre blumigen, gepunkteten und verspielten Alltagsgegenstände in der ganzen Schweiz auf Koffermärkten. Wenn Ursina weg ist, schaut der Vater zu den Kindern. Ihr Familienmodell funktioniert nur, weil Ursina Zurlinden und ihr Mann im Sommer jeweils analysieren, was gut war, was sich verändern sollte und was ihre Wünsche und Träume sind. Vor eineinhalb Jahren hat sich die Winterthurerin einen langersehnten Traum erfüllt: einen alten VW-Bus. Er gehört nun auch zur Familie: Mit diesem machen sie Ausflüge in der Schweiz oder fahren in die Ferien – wie diesen Sommer.

Drei Kinder beschäftigen, rund um die Uhr

Gemeinhin gilt heute eine Frau und Mutter als emanzipiert, wenn sie berufstätig ist und versucht, Job, Karriere, Kinder und Beziehung unter einen Hut zu bringen. Zu einem selbstbestimmten Leben gehört aber auch, dass Frauen selbst bestimmen können, welches Lebensmodell zu ihnen passt. Warum sich also zwischen Job und Familie aufreiben und sich den Zwängen der Berufswelt ausliefern, wenn sich eine Frau lieber um die Kinder kümmern will und gerne Hausfrau ist?

Anita Stürmer macht sich fertig für den Spaziergang mit ihrer Tochter.
Anita Stürmer aus Oberbottigen BE geht mit ihrer Rolle als Vollzeitmutter entspannt um.

Auch Anita Stürmer (38) ist eine dieser Frauen: «Der Beruf war nie meine Leidenschaft», sagt sie. Als sie mit ihrem ersten Buben schwanger war, freute sie sich sehr: «Was für ein Paradies, wenn ich zu Hause bleiben kann!» Ihre Arbeit als Physiotherapeutin reduzierte sie mehr und mehr, heute kümmert sie sich Vollzeit um Familie und Haushalt.

Sie sitzt unter der Pergola vor ihrem Einfamilienhaus in Oberbottigen BE. Ihre Buben Kai (5) und Lionel (7) spielen im Sandkasten, Nachbarskinder rutschen die Rutschbahn hinab. Töchterchen Ella (2) sitzt auf ihrem Schoss und schleckt Glace. Alle paar Minuten muss Anita irgend etwas schauen, beantworten, trösten, erklären. Kinder beschäftigen rund um die Uhr. Immer. Jeden Tag. Und doch sagt Anita: «Das hier ist mein Traumberuf.» Ein emotional anstrengender, aber es ist ebenso viel Freude dabei. «Es ist schön zu sehen, wie sich Kinder entwickeln und ihren Weg machen.» Die Erziehung will sie nicht der Kita überlassen: «Ich will die Kinder prägen und in ihrem Leben begleiten.»

Sie weiss auch, dass es ein Privileg ist, dass sie zu Hause bleiben kann. Fürs Einkommen sorgt ihr Mann Matthias (33), er verdient als Betriebsökonom genug. Die finanzielle Abhängigkeit stört sie nicht, denn die Abhängigkeit ist gegenseitig. «Wir sind ein Team: Er arbeitet ausser Haus, ich daheim.»

Es fällt dir kein Zacken aus der Krone, weil du ein paar Jahre daheim bleibst.

Anita Stürmer

Manchmal fehlt ihr die Anerkennung. «Bei dieser Arbeit siehst du sie nur, wenn sie nicht getan ist», sagt Anita lachend. Manchmal ermüdet sie die repetitive Hausarbeit. Sie weiss, dass Frauen wie sie vor allem eins nicht tun dürfen: sich über die Kinder definieren. «Das ist gefährlich.» Was ist, wenn ein Kind sich nicht so entwickelt, wie man es erwartet? Auch Anita Stürmer braucht etwas für sich alleine: Sie engagiert sich im Hilfswerk Women’s Hope International, das sich für benachteiligte Frauen in der Welt einsetzt und ist in einer Arbeitsgruppe gegen Menschenhandel in ihrer Kirche Vineyard Bern aktiv. Wenn montags die Haushaltshilfe da ist, freut sie sich, endlich etwas freinehmen zu können, geht zum Coiffeur oder zieht sich in das Dachzimmer zurück und malt. Ihre Rolle in der berufstätigen Gesellschaft sieht sie entspannt: «Seien wir doch ehrlich, es fällt dir kein Zacken aus der Krone, wenn du ein paar Jahre daheim bleibst.»

Die Kinder in die Krippe zu schicken, kam nicht in Frage

Ganz ähnlich denkt Jenny Balmelli (37). Sie wohnt mit ihrer Familie in einer kinderfreundlichen Siedlung in Arlesheim BL. Vor dem Haus hat es Grün, Hecken, viel Platz zum Spielen, keine Autos. Bis auf einen Tag pro Woche schaut sie zu den beiden Buben Elvin (5) und Lian (3), ihr Mann Michael (43) arbeitet.

Jenny Balmelli mit ihren zwei Söhnen.
Jenny Balmelli, Arlesheim BL, mit den Buben Lian (links) und Elvin.

Jenny ist Sozial- und Heilpädagogin. «Ich arbeitete gerne», sagt sie. Nachdem sie acht Jahre auf ihrem Beruf gearbeitet hatte, wollte sie etwas Neues: «Ich brauchte eine neue Herausforderung. Etwas mit mehr Verantwortung.» Aber was? Eine Weiterbildung, eine neue Stelle? Ihr Mann hatte immer Kinder gewollt, sie nicht unbedingt. Doch in diesem Moment wurde es plötzlich klar: Die neue Herausforderung sollten gemeinsame Kinder sein.

Mir wurde klar: Die neue Herausforderung, die ich suchte, sollten unsere Kinder sein.

Jenny Balmelli

Sie blieb daheim, ihr Mann arbeitete. «Er hatte ein Super-Jobangebot in einem Kinderheim erhalten, und weniger als 90 Prozent lagen nicht drin.» Ebenfalls weiterzuarbeiten und die Kinder in die Krippe zu schicken, kam für Jenny nie in Frage. «Ich entschied mich für Kinder, das bedeutete, dass ich für sie da sein und sie erziehen will », sagt sie. Sie hat keine Lust, als berufstätige Mutter nach einem strengen Arbeitstag nach Hause zu kommen und keine Energie mehr zu haben, sich auf die Kinder einzulassen. Den Zeitdruck einer Krippe mag sie ebenso wenig: «Früh wecken, schnell Zmorge essen, in die Krippe bringen, am Abend abholen, Essen machen, füttern — nein, das geht nicht», sagt sie. «Der ganze Stress kommt noch früh genug. Man muss den Kindern Zeit geben, sich zu sein.» Sie bindet die Kinder in den Alltag ein – sie putzen, kochen und gärtnern alle zusammen. «Sie lernen fürs Leben. Du kannst den Kindern so viel mitgeben», schwärmt sie. Die Reaktionen auf ihr Dasein als Mutter kommen in allen Schattierungen. Am häufigsten hört sie Dinge wie ein herablassendes «Mir würde das langweilig!», ein neidisches: «Hast du ein gemütliches Leben!» oder ein mitleidiges: «Gehts dir wirklich gut daheim?» In solchen Momenten gilt für sie: einfach nicht hinhören.

Jenny Balmelli kommt aber auch regelmässig aus dem Haus: Manchmal geht sie ein Wochenende zu einer Freundin, um neue Energie zu tanken, freitags arbeitet sie in einem Projekt für arbeitslose Jugendliche, ihr Mann schaut dann zu den Buben. An diesen Tagen merkt sie, wie sehr die alten Rollenbilder noch verankert sind. «Da kommen richtig nervige Fragen wie: Kann er das, einen Tag zu den Kindern schauen?» Sie lacht, wenn sie das erzählt.

Sie findet es schade, dass das Muttersein so wenig wertgeschätzt wird. «Dort ist die Emanzipation stecken geblieben», sagt sie. «Wir können als Frauen heute frei wählen, und haben vergessen, dass es eine Stärke ist, zu den Kindern zu schauen. Es ist eine wichtige Aufgabe, mehr als ein Job.»

Bilder: Christian Flierl

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