06. Oktober 2014

Traumberuf Lokführerin

Das Migros-Magazin begleitete drei Menschen, die den Traumberuf vieler kleiner Buben ergriffen haben – im Fall der SBB-Lokführerin ists eine Frau: Martina Scholl-Egli, eine der jüngsten, über ihren Beruf und ihren Arbeitsalltag.

Martina Scholl-Egli, Lokführerin bie den SBB.
Eine von 85 Frauen unter 2515 Männern: Martina Scholl-Egli, Lokführerin bie den SBB.

Bahnhof Luzern, Perron 3, 15.15 Uhr: Der Interregio-Zug nach Basel steht bereit. Routiniert beginnt die junge Lokführerin den Zug für die Fahrt nach Basel vorzubereiten: Fliesst der Strom beim Hochfahren des Bügels? Funktioniert das Bremssystem? Brennen alle drei Lichter des Steuerwagens?

Aus ihrem Dienstrucksack nimmt Martina Scholl-Egli ein iPad, wie es heute alle Lokführer mit sich führen. Es enthält unter anderem technische Unterlagen und Fahrpläne für die anstehende Fahrt. Der Zugbegleiter kommt nach vorn und meldet: 28 – 350. «Der Zug hat 28 Achsen und ein Gewicht von 350 Tonnen. Zuzüglich die Lok, die 84 Tonnen wiegt», übersetzt die Lokführerin. Und tippt die Angaben gleich in das Bordsystem des Zuges ein. Dazu noch weitere Eingaben, wie beispielsweise die Zuglänge und die zulässige Höchstgeschwindigkeit für diese Strecke.

Martina Scholl-Egli im Führerstand der Lokomotive.

Der Minutenzeiger springt auf 15.30 Uhr, und das Abfahrtsignal wechselt auf Grün. Nachdem der Zugbegleiter die Abfahrtsbereitschaft bestätigt und die Türen geschlossen hat, wirft Martina Scholl-Egli einen Kontrollblick in die Seitenspiegel links und rechts und formuliert halblaut ihren obligatorischen «Startcheck»: «Signal offen», «ZUB-Anzeige gut», «Abfahrzeit gut», «Türen sind zu», «nächster Halt Sursee». Und nochmals «Signal offen». Dann schiebt sie einen der insgesamt vier grossen schwarzen Schieber nach vorne. Langsam beginnt die 8000 PS starke Re-460-Lok, ihre 350 Tonnen schwere Last anzustossen.

«Ohne Streckenkenntnisse darf kein Lokführer fahren»

Die 25-Jährige führt heute vier verschiedene Personenzüge über zwei Strecken: Luzern–Basel, Basel–Zürich-Flughafen und zurück und schliesslich Basel– Luzern. Auf ihrem iPad, das sie vorne aufgespannt hat, sind stets alle Streckeninformationen einschliesslich Baustellen, Zeitplan und Geschwindigkeitsvorgaben auf Augenhöhe. Konzentriert sitzt die Lokführerin auf ihrem komfortablen Sitz und achtet auf die Schienenstränge und Signale, die ihr bei Tempo 160 entgegenfliegen. Martina Scholl-Egli fährt die Strecken nicht zum ersten Mal. «Ohne Streckenkenntnisse darf kein Lokführer fahren.» Und selbst auf sehr vertrauten Strecken darf ein Lokführer während der Fahrt nicht trinken, geschweige denn essen, Radio hören oder gar telefonieren – kein Job für Romantiker und Träumer. Obschon auch Lokführer bisweilen ins Schwärmen kommen. «Zum Beispiel bei einem schönen Sonnenauf- oder -untergang», sagt Martina Scholl-Egli. «Oder beim prickelnden Gefühl, gut geschützt mitten in ein Gewitter zu fahren.» Um 23.06 Uhr kommt ihr Zug wieder auf Perron 3 im Bahnhof Luzern zum Stillstand. Sieben Stunden und 36 Minuten, nachdem sie losgerollt ist.

Laut Dienstplan müsste die Lokführerin jetzt noch bis um 00.50 Uhr Züge rangieren und bereitstellen, damit am nächsten Tag alles abfahrbereit ist. Doch wegen Bauarbeiten fallen die Aufgaben in dieser Nacht weg. «Feierabend», freut sich Martina Scholl-Egli. Machen ihr die langen Arbeitszeiten nichts aus? «Nein, aber mit einem zu frühen Feierabend kann ich auch gut umgehen.» Sie lacht.

Bilder: Paolo Dutto

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