11. Juni 2019

Träume, scharlachrot

Bänz Friedli (54) singt mit. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Am Konzert von Patent Ochsner.
Im Bann der Musik: Das Publikum am Konzert von Patent Ochsner.

Wie eine dieser Auswandererfamilien aus «Uf u dervo» sehen sie aus, halt einfach noch nicht ausgewandert: Papa ein gedrungener, kräftiger Kerl, Typus Kranzschwinger, mit Karohemd und Baseball-Cap, dem er selber bestimmt «Tschäppu» sagt. Er würde auf einem John Deere gute Figur machen. Und ich stelle mir vor, dass die Kinder ihn «Vättu» rufen, «Päppu» oder womöglich «Daddy». Zwei Buben sinds, vielleicht fünf- und achtjährig, beide im selben karierten Hemd und mit einem «Tschäppu» im «Päppu»-Stil. Zwei kleine Papas. Mama sieht jünger aus, als sie vermutlich ist. Jeans, schwarzes Top, asymmetrische Frisur – die Coiffeuse hatte bestimmt gesagt: «Jetzt machen wir mal was Freches!»

An einem Konzert von Patent Ochsner wars, vorige Woche. Die Mutter singt jedes Wort mit, der Vater wiegt mit geschlossenen Augen seinen Kopf im Takt der Musik und denkt vielleicht an ihr erstes «Müntschi» zurück, damals, auf dem Gurten, während Patent Ochsner spielten, und wie er ihr danach in einem Brief schrieb: «I boue mir mini Tröim uuf rund um di …» Ja, sie schwelgen, die Eltern, nicht erst bei «Veeeeeenus vo Bümpliz». Was sie nicht sehen, aber ich, im Parkett stehend, sehe ich es von unten herauf: Vorn an der Brüstung der Empore, vor Mama und Papa postiert mit bester Sicht auf die Bühne, langweilen sich die beiden Buben. Nehmen wir mal an, sie heissen Lewis und Luan.

Die Zeile «I liebe se meh als mi …» singt nun auch «Päppu» inbrünstig mit und schielt verträumt zu seiner Liebsten. Die Söhne: noch immer ungerührt. Ich weiss aber genau, dass die Eltern es gut gemeint haben. So geht es, wenn man Kindern Sachen zeigen will, die einem gefallen. Einst schleppte ich meinen zwölfjährigen Göttibuben ans Gurtenfestival, in der Hoffnung, meine Begeisterung für Jovanotti würde auf ihn überschwappen. Doch der italienische Rapper sagte ihm nichts. Dafür wurde er zum grössten Fan der Toten Hosen, die am selben Abend auftraten. Mit dem eigenen Sohn wollten wir es Jahre später besser machen. Nicht Musik, die uns Eltern etwas bedeutet, sollte er zu hören bekommen. Stattdessen gingen wir mit ihm eigens an ein Kinderkonzert: Marius und die Jagdkapelle. Unser Hans schlief beim zweiten Lied ein.

Zum Schluss gehen Patent Ochsner in die Vollen: «Bäupmoos, Bäupmoooos!» «Päppu» legt den Arm um Mama. Und Luan, dessen Nasenspitze die Oberkante der Brüstung berührt? Ist er etwa gar stehend eingeschlafen? Nein, er muss noch wach sein, er gähnt. Aber wetten, der Kleine wird am Montag im Kindergarten stolz erzählen, wie «meeega meeega cool» es am Konzert gewesen sei?

Die Hörkolumne (MP3)

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