Leser-Beitrag
28. Oktober 2017

Träume

Arznei für Jung und Alt

Lesezeit 2 Minuten

Liliane winkt den vorbeilaufenden Jugendlichen zu. Die knorpeligen Hände schmerzen. Arthrose und Gicht plagen, die ansonsten rüstige Rentnerin, schon Jahre. Die Jungen und Mädchen grüssen freundlich. Erstaunlicherweise versuchen sie seit Tagen, immer wieder ein Gespräch anzukurbeln. Liliane diskutiert gerne, steht deshalb öfters auf dem engen, luftigen Balkon. Der offene Vorbau ähnelt einer Gärtnerei. Saisongerechte Kräuter, Blumen und allerlei Grünzeug. Der buschige, immergrüne Bambus in der Ecke sprengt zwischenzeitlich den Topf, die hellen, wurmähnlichen Wurzeln hängen frei. Dichtes, schmales hellgrünes Blattwerk ragt gen Himmel. Blaue, rote und gelbe Geranien blühen saftig in den kühlen Herbsttemperaturen. Auf einem niederen Tischchen verströmen Petersilie, Schnittlauch, Basilikum betörende, südländische Gerüche in der Laube. Unter den Netzen des Vogelfutters zwängt sich eine Pflanze mit fünfzackigen Blättern in die Höhe.

Der süssliche Duft regte zu Streitigkeiten mit den Nachbarn an. Doch Liliane verteidigte das wohlriechende Grünzeug. Die harzigen Blätter, zerrieben auf den schmerzenden Gliedern, bringen Linderung.

Nach einem Gespräch mit der Tochter des Hauswirtes, vom Parterre, sie klopfte letzte Nacht an die Haustüre, übergab einige ausgedruckte Papiere, unverständlich gehaspelte Worte, gezwinkert, und kichernd die Treppe hinuntergehuscht, konnte die Rentnerin nach der Lektüre fast kein Auge mehr schliessen. Nach kurzen, verschwitzten Träumen, in welchen sie in Polizeigewahrsam genommen worden war, begab sie sich immer wieder auf den Balkon um liebevoll die Blätter der heimlich, ungewollt geblühten Heilerin zu streicheln. Im Morgengrauen durchkämmte sie Schubladen vom kürzlich verstorbenen Gatten. Das Mikroskop fand sie dann aber im übervollen Bücherregal, wo sie sich dann auch noch ein Pflanzenlexikon hervorkramte. Nach etlichen Tassen heissen Kaffees, Studium von Lektüre, begab sie sich mit den ersten Sonnenstrahlen auf die Terrasse und begutachtete die Trichome.

Am Samstagmorgen, Liliane sitzt verdankenverloren im tiefen Lehnstuhl, am offenen Fenster, atmet den Duft der weiten und nahen Welt ein, läutet es an der Haustür. Die lachende Jungschar drängt sich in die altmodisch eingerichtete Wohnung. Ein smarter Junge überreicht Liliane einen selbstgepflückten Blumenstrauss.

«Wir haben Kuchen und Brötchen. Wo ist die Kaffeemaschine?»

Der Morgen, harmonisch, lustig, freundlich. Die Jugendlichen scheinen sich wie Zuhause zu fühlen. Die Einsamkeit der letzten Monate, wie weggeworfen. Im Mittelpunkt steht aber die sonderbar riechende Pflanze. Die Heranwachsenden erläutern Liliane noch letzte Unklarheiten, Sie ahnt, dass ihre Besucher nicht alle zum Gärtner geboren sind, doch sie geniesst die Konstellation. Ein Geben und Nehmen.

Mit erhobener, stolzer Brust steht Liliane an diesem Abend auf ihrer Terrasse. Fenster von Nachbarn, welche sonst wenigstens ein Gute Nacht wünschten, bleiben geschlossen. Doch heute bereitet das keine Sorgen. Der Tag verlief lustig und kurzweilig. Befürchtungen stellen sich beim Gedanken ein, was wird, wenn die Cannabispflanze ausgeblüht und weg ist.

Die untergehende glutrote Herbstsonne färbt den weiten Himmel und die tiefhängenden Wolken ein. Liliane geniesst den Augenblick, schaukelnd im Liegestuhl, den Buttertee, gekocht mit einigen schon getrockneten Blätter ihres Pflänzchens, und träumt vor sich in den Abend.

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