13. Juli 2017

Thomas Ulrich auf der Direttissima

Fadengerade quer durchs Land: Nach Expeditionen in den Extremregionen der Welt nimmt der Abenteurer die Schweiz ausserhalb seiner Berner Oberländer Heimat unter die Füsse: 34 Jahre nach der ersten Direttissima quert er das Land an der breitesten Stelle – und auf schmalstem Grat. Zum Porträt die VIdeos

der Rhonegletscher
Das Eis ist Thomas Ulrichs Element, doch der Rhonegletscher ist auch für ihn Neuland. (Bild: Olivier Joliat)
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Während das Tal in der Sommerhitze schmort, weht hoch auf dem Rhonegletscher stets ein kühles Lüftchen. Eine herrliche Atmosphäre. Doch Abenteurer Thomas Ulrich ist heute nicht zum Entspannen auf dem Eis. Er führt im Gelände den letzten Test mit dem Tracker-Ortungsgerät durch: Seit dem 3. Juli quert er die Schweiz vom Vallée de Joux bis zum Stilfserjoch. Das sind 330 Kilometer Strecke mit 45'000 Höhen­metern – querfeldein.

Den Weg bestimmt der 1160. Breitenkilometer auf der Schweizer Karte. Maximal 500 Meter nördlich und südlich dieser Linie darf Ulrich sich bewegen. Dank des Trackers in seinem Gepäck kann ihn die Schweiz von zu Hause aus, in der animierten Version sogar fast live vor Ort, verfolgen.

Thomas Ulrich
Thomas Ulrich prüft seine Position. (Bild O. Joliat)

Der Korridor führt auch über den Rhonegletscher. Die eine Lücke am Grat oberhalb des linken Gletscherrands erkennt Ulrich wieder: Dort stand er schon, allerdings war er von der Grimselseite hochgeklettert. Alles, was rechts des Eises im Bündnerland auf ihn wartet, ist Neuland: «Ausserhalb des Berner Oberlands kenne ich kaum eine der Gegenden, die ich nun queren werde.»

Von einem russischen Helikopter gerettet

Schon als junger Bergsteiger suchte Thomas Ulrich sein Glück lieber in der Ferne, als die Gipfel der Alpen abzuhaken. Sogar der Rhonegletscher im Walliser Obergoms ist dem Weltentdecker aus Interlaken kaum bekannt. Dabei ist das Eis sein Element – aber auch sein Elend. Immer wieder in seiner 30-jährigen Expeditionskarriere zog es ihn an die Pole. Kaum einer kennt die Arktis so gut wie er. Mit Ski und einem 200 Kilogramm schweren Schlitten suchte Ulrich im höchsten Norden mehrfach nach Routen – und nach dem persönlichen Limit.

Über 200 Tage verbrachte er bisher auf arktischem Eis. Der grosse Traum einer transarktischen Soloquerung von Sibirien nach Kanada zerbrach jedoch 2006 auf einer Eisscholle. Ein Sturm hatte sein Nachtlager von der grossen Platte getrennt. Ein russischer Helikopter rettete ihn von der Scholle, die im weiten Meer trieb.

Boden unter den Füssen?
Die Querung bedingt auch einmal, den Boden unter den Füssen zu verlieren. (Bild Bruno Petroni)

Im vergangenen Jahr wollte Thomas Ulrich seinen Lebenstraum doch noch realisieren, während einer Testexpedition brach er das Unterfangen aber ab. «Das Scheitern 2006 war ein einschneidendes Erlebnis. Doch erst drüben im Eis merkte ich: Ich bin es müde, ums Überleben zu kämpfen. Die ewige Rekordsuche ist nicht alles im Leben», sagt der dreifache Vater. «Wenn ich heute sehe, welche Risiken junge Extremsportler eingehen, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, tun sie mir fast schon leid. Dieser lebensgefährlichen Leistungsspirale entziehe ich mich gern.»

Vom Abenteuer hat Ulrich aber noch lange nicht genug. Im nächsten Jahr will er mit drei Freunden erst einen Berg an der Ostküste von Grönland besteigen und dann mit Ski und Kitesegel 1000 Kilometer weit das Land überqueren: «Ich suche weiterhin das intensive Leben.»
Auf der Suche nach neuen Zielen ist er auf eine Notiz gestossen, die schon lange an der Pinnwand mit Projektideen hing: die Direttissima.

Die direkteste aller Routen

Bereits vor 34 Jahren machten sich vier verwegene Bergsteiger auf, um die Schweiz auf Kilometer 1160 (damals noch 160) zu queren. «Die Herausforderung wie der Zeitraum dieses Abenteuers waren damals besonders revolutionär, weil alle im Bergsport sich eher darauf konzentrierten, die Schwierigkeitslimits zu steigern», sagt er Respekt zollend.

Der Begriff Direttissima stand bis dahin nur für den direktesten aller möglichen Gipfelaufstiege entlang der Falllinie. Die Idee ist jedoch genauso kühn, wenn man die Linie horizontal zieht. «Verblüffend, wie wild, einsam und überraschungsreich selbst eine vermeintlich bis ins Letzte erschlossene und organisierte Schweiz wird, wenn man sie abseits der Wege durchquert.

Wo ein Fluss, ein Felsband, ein Schutthang noch zu elementaren Hindernissen werden, wo der Zwang der Direttissima eine Gebirgshütte ausschliesst und ein Felsenbiwak erzwingt, da ist noch Pionierland wie zu alten Zeiten», steht im Vorwort zum Buch, das nach der Erstbegehung 1983 erschien. Die 23-tägige West-Ost-Traversierung der Gruppe um Initiant Markus Liechti faszinierte die Schweiz. «Ich selbst fokussierte damals zu sehr auf das Klettern, als dass ich viel davon mitbekommen hätte. Meine Eltern aber klebten ständig am Lautsprecher.» Radio DRS berichtete in täglichen Direktschaltungen über die Strapazen und den Stand des Projekts.

Dem Wandel auf der Spur

Auf dem Rhonegletscher überreichte ein findiger Firmenvertreter den Bergsteigern isotonische Getränke und Energieriegel. Für die ambitionierten Amateure war das eine Entdeckung – der erfahrene Expeditionsprofi ­Thomas Ulrich schmunzelt darüber: «Gegen ein Frühstück auf dem Grimsel hätte ich nichts, ansonsten habe ich genug Erfahrung mit energiespendender Ernährung passend zum jeweiligen Projekt und verzichte eigentlich gern auf Publikumsaufmarsch.»

Nicht immer bewegt sich der Abenteurer im ewigen Firn ... (Bild Bruno Petroni)

Und mit breitem Grinsen ergänzt er: «Vor allem dann, wenn ich die Autobahnen überqueren muss.» An den zwei Stellen, wo dies der Fall ist, gibt es zwar Brücken innerhalb des erlaubten Korridors. «Abkürzungen blieben heute aber kaum unbemerkt.» Nicht nur wegen des Trackers, den er ständig bei sich trägt: «Heute filmt man ja jeden Blödsinn und stellt ihn online, um sich zu profilieren.» Darum verkommen die Berge immer mehr zur Freiluftarena für einen Actionzirkus. «Das einfache, ursprüngliche Naturerlebnis mit Biwak ist nicht mehr gefragt. Abends will jeder duschen, in die Bar gehen und im kuscheligen Bett schlafen.»

Nicht nur die Technik und die Gesellschaft haben sich in den vergangenen 34 Jahren verändert. Ulrich will bei seiner Direttissima erfahren, ob die Schweiz noch immer so wilde und unberührte Gegenden bietet, wie sie die Pioniere beschrieben haben.

Das Sterben der Touristenattraktion

Besonders auf dem Rhonegletscher sind die menschlichen Eingriffe nicht zu übersehen. Wo heute ein milchiger See malerisch in der Sonne glänzt, lag 1983 eine gewaltige Gletscherzunge des vermeintlich ewigen Eises. Die Randspuren erkennt man noch an den Hängen der Bergflanken. Der Gletscher ragte sogar weit über das Plateau auf 2300 Metern hinaus. Vom Rand aus konnte man das Kurhaus erblicken, das Ende des 19. Jahrhunderts am Gletscherrand gebaut wurde.

Mit dem Eis sind auch die Touristen verschwunden. Nahe am Gletscherrand liegt in einer Haarnadelkurve der Furkapassstrasse das Hotel Belvédère. Seine Fenster sind mit Brettern zugenagelt. Die offizielle Attraktion ist die beim Parkplatz ausgeschilderte, von Menschen mühsam ins Eis gehauene Gletschergrotte. Sie passt zum surrealen Endzeitsetting. Seit Jahren muss man das Eis über der Grotte grossflächig mit weissen Planen bedecken, um das Sterben der Touristenattraktion hinauszuzögern. Die unbedeckten Flächen daneben schmelzen an sonnigen Tagen um zwölf Zentimeter und mehr. Bis 2100 wird der Rhonegletscher wohl verschwunden sein.

Vorbei am Vlies
Vorbei am Vlies: Die Planen schützen Teile des Rhonegletschers vor dem Abschmelzen. (Bild Stefan Schlumpf)

Mit den Auswirkungen des Klimawandels war Ulrich schon bei anderen Expeditionen konfrontiert. Doch statt mit dem Finger auf Schuldige zu deuten, reflektiert er selbstkritisch: «Mit dem CO2-Fussabdruck meiner Reisen wäre es peinlich, nun als Umweltaktivist zu missionieren. Selbst wenn ich versuche, meine Projekte so sauber wie möglich zu realisieren: Nachhaltig sind sie nur für mich persönlich.»

Bei der Direttissima bringt der Gletscherschwund sogar Vorteile mit sich. Die alpinistische Schlüsselpassage vom Eiger zum Schreckhorn ist dadurch vermutlich erst möglich – die Erstbegeher mussten den Korridor verlassen.

Eine Frage der Ästhetik

In Sachen Routentreue will Ulrich die Leistung der Pioniere toppen. Doch es geht ihm bei dieser Expedition vor allem um Genuss und Erlebnis. «Den Korridor einzuhalten, ist für mich eine Frage der Ästhetik. Ansonsten will ich mich nicht messen. Ob ich 20 oder 30 Tage brauche, ist mir egal. Wo es besonders schön ist oder das Wetter zu garstig, verweile ich gern etwas.» Für die alpinen Abschnitte gesellen sich Bergfreunde dazu, und seine Lebensgefährtin sorgt unterwegs für Essensnachschub und trockene Kleider. Ulrich: «Liegt ein Hotel im Korridor, verzichte auch ich auf das Biwak.»

Ein gemütlicher Ferientrip wird es trotzdem nicht. Die vielen Hänge mit undurchdringlichem Gebüsch sind Thomas Ulrichs grösster Graus. Darum hat er das gängige Equipment um eine Säge und dicke Lederhandschuhe ergänzt. Nicht nur der Dornen wegen: «Mein grösster Horror ist es, im Gestrüpp oder im Geröll Schlangen aufzuschrecken», sagt der Mann, der schon hungrige Eisbären in die Flucht geschlagen hat. 

DIRETISSIMA – IMMER GERADEAUS QUER DURCHS LAND

Thomas Ulrich quert die Schweiz entlang des 1160. Breitenkilometers vom Vallée de Joux bis ins Val Müstair. Hier die Route in drei Videos aus der Vogelperspektive:

Teil 1: DURCH DIE ROMANDIE (© swisstopo)

TEIL 2: DIE BERNER VORALPEN (© swisstopo)

Teil 3: DIE HOCHALPEN (© swisstopo)

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