29. Januar 2018

Teure Löcher

Bänz Friedli macht nicht mehr jede Mode mit. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Lesezeit 1 Minute
Wieder in Mode: Löcher in den Jeans

«Wann ist man zu alt für zerrissene Jeans?», wurde unlängst in einer dieser Beratungsspalten gefragt. Ich frage mich jeweils etwas anderes, wenn mir im Tram jemand sein blankes Knie unter die Nase hält: Was hat sich wohl die mies bezahlte Arbeiterin in Indien, Bangladesch, China gedacht, die die neue, fertig genähte Hose zerstören musste? Mit Drahtbürste, Stein und Messer. In einer unklimatisierten Fabrikhalle, wo es nach giftigen Chemikalien und Vogelkot riecht. Was für ein Bild hat diese Person – oft sind es Kinder, die schuften, statt zur Schule gehen zu können – von unserer westlichen Luxuswelt? Träumt sie gar selber davon, eine solch zerfetzte Hose zu tragen?

Und dann frage ich mich zuweilen noch, was der jugendliche Träger, die jugendliche Trägerin solch künstlich schmuddeliger Jeans mir sagen will. «Ich sch…sse auf euren Wohlstand»? Wohl kaum, denn die Hose war teuer. Will er oder sie mit der Fleischschau meinem Auge schmeicheln? Soll es gar verführerisch wirken, sexy? Die Antwort ist vermutlich banal. Man trägt die kaputten Jeans, weil alle anderen es auch tun.

Und wann ist man nun zu alt für so etwas? Im habe im Verlauf der Jahre eine einfache Formel gefunden: Wer eine Mode schon mal mitgemacht hat, sollte davon absehen, wenn diese wieder aufkommt. Gut, ganz von selbst bin ich nicht daraufgekommen. Es brauchte den Moment am Schulbesuchstag, vor einigen Jahren, da meine Tochter mich in der grossen Pause beiseitenahm und mir ein «Weisch wi piinlech!» zuzischte. Kapuzenpulli, schlabberige Cargohose im Hip-Hopper-Stil – sie hatte recht, ich war zu alt dafür. Ich sollte nicht wie ihre Kameraden daherkommen.

Und das mit den absichtlich zerrissenen Jeans? Habe ich erlebt. Schon zweimal. Anfänglich, in den Seventies, hofften wir, dass unsere Jeans durch häufiges Waschen bald verwaschen aussähen und möglichst kaputtgingen, zuweilen halfen wir mit Javelwasser nach. In den 1980er-Jahren dann räkelten sich Popstars wie Madonna und George Michael erstmals in mutwillig zerstörten Jeans, und die Armutspose dieser Jungmillionäre war schon damals eher absurd. Doch der «used look» sollte rebellisch wirken, und er löste eine Modewelle aus.

Von der Kollege Ken erfassst wurde. Wie stolz er war, sich von seinem ersten Stiftenlohn so richtig zerschränzte Bluejeans zu leisten! Dann übernachtete er bei seiner Grossmutter. Beim Frühstück – er noch im Pyjama – bemerkte das Grosi ganz nebenbei: «Ich hab dir dann deine Hosen geflickt! Die waren ja furchtbar löchrig! Sah schlimm aus.»

Die Hörkolumne herunterladen (MP3)

Bänz Friedli live: 3. 2. Aesch ZH, 7. 2. Heerbrugg SG, 16. 2. Falera GR

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