16. Juni 2014

Tafelkunst

Andrea Landolt ist Chalkboard Artist: Sie bemalt hauptberuflich Restauranttafeln. Die Inspiration zu diesem Job fand sie in Nordamerika.

Andrea Landolt beim Malen
«Meine Handschrift ist saugruusig»: Im Atelier in Nänikon ZH packt Andrea Landolt ihre Sonntagsschrift aus.

Muss Andrea Landolt (39) auf einem amtlichen Papier ihren Beruf notieren, gerät sie in Erklärungsnot. Mittlerweile schreibt sie ganz einfach «Tafelbeschrifterin». Das Beschriften von Tafeln für Restaurants, Bars und Badis ist ihr Beruf. Eine Ausbildung dazu gibt es nicht. Im angelsächsischen Raum nennt man diesen Beruf «Chalkboard Artist», hierzulande kennt man dafür keine Berufsbezeichnung.

Ihre Leidenschaft für Tafeln entdeckte die gelernte Dekorationsgestalterin während eines fünfjährigen Aufenthalts in Nordamerika. In Seattle jobbte sie als T-Shirtverkäuferin in einer alten Markthalle, in der jedes Restaurant selbstbeschriftete Tafeln aufstellte. Zurück in der Schweiz störte sie sich an den «Tafelleichen», die überall herumstanden. «Diese lieblos gestalteten Schilder sind doch geschäftsschädigend!», findet Andrea Landolt. Überall nur Laserdruck und digitale Flachbildschirme, eine Gegenbewegung musste her. «Die Leute mögen doch das Persönliche!» Doch die Selbständigkeit kam vorerst nicht infrage. Sie arbeitete als Bildredaktorin für diverse Printmedien und war «eine typische Angestellte».

Der Anfang war harzig, nun stehen ihre Tafeln in Bars und Badis

Als sie Mutter wurde und nur Teilzeitarbeit für sie infrage kam, gründete sie eine Ich-AG. Seit drei Jahren widmet sich Andrea Landolt nun etwa drei Tage pro Woche dem Tafeln-Malen. Der Anfang war harzig, viele kannten diese Dienstleistung nicht. Heute gehören Bioläden, Bars, Badis, Restaurants und Hotels zu ihren Kunden. Wenn ein Restaurant das Angebot ändert, fährt Andrea Landolt persönlich vor und malt die Menükarte um. Neu schult sie auch Mitarbeiter einer Kommunikationsfirma im Tafelbeschriften.

Ein Marketinginstrument in eigener Sache ist ihre Website Tafelwart.ch. Die Inspiration zum Firmennamen Tafelwart lieferte ihr ein Abschnitt aus dem 1976 erschienenen Buch «Schilten» von Hermann Burger. Er handelt vom täglichen Wahnsinn eines Dorflehrers: «Der Tafelwart eilt zum Lavabo und füllt das Becken mit frischem Wasser, unterzieht die unbeschriebene Wandtafel aus purem Selbstzweck einer Horizontal-, einer Vertikal- und einer Diagonalwaschung, wie ich es instruiert habe, vielleicht, um mir eine kleine Krankenfreude zu machen.» Eine spezielle Beziehung zur Wandtafel hatte Andrea Landolt schon früher: «Als Schülerin nervte es mich immer, wenn der Lehrer die Tafel schmierig putzte.»

Eines von Andrea Landolts Werken

Andrea Landolt ist durch und durch ein visueller Mensch. «Wenn ich in ein Restaurant gehe, achte ich zuerst auf die Einrichtung. Gute Beleuchtung ist für mich fast wichtiger als das Essen.» Zu Hause in Nänikon ZH ist aber nicht alles durchgestylt. «Seit ich Kinder habe, ist die Einrichtung eher ein friedliches Chaos», sagt sie und muss schmunzeln.

Tafelbeschriften braucht viel Zeit und vor allem Konzentration. «Sonst wechselt man mittendrin plötzlich die Schrift.» Ihre Tafeln bezieht die 39-Jährige vom Schreiner. Sie sind nicht wie vielfach angenommen aus Schiefer, sondern aus schwarzem «High Pressure Laminate», zu Deutsch HochdruckSchichtstoff-Platten. Dieses ­Material ist wetterfest und verbleicht nicht in der Sonne. Dazu verkauft Andrea Landolt auch Tafelständer aus altem Meiensässholz oder Edelstahl. Sie legt Wert auf Schweizer Qualitätsware, dafür kostet eine Tafel schnell mal um die 400 Franken.

Hochzeitstafeln: Kunstwerke für den schönsten Tag im Leben

Bei Andrea Landolt kann man auch Hochzeitstafeln bestellen. «Save the date» steht da zum Beispiel oder «Daniela und Remo» über zwei ineinander verschlungenen Ringen. «An Hochzeiten gibt es nicht immer tolle Sujets zum Fotografieren, da ist eine schöne Hochzeitstafel willkommen», sagt sie. Auch als persönliches Erinnerungsstück an den schönsten Tag im Leben ist die Tafel beliebt.

Ob sie die einzige Tafelbeschrifterin in der Schweiz ist, weiss sie nicht. Sie kennt auf jeden Fall niemand anderen, der sich nur auf diese Tätigkeit spezialisiert hat. So orientiert sich Andrea Landolt vor allem an Künstlern in den USA und in Grossbritannien und besucht dort auch regelmässig Kurse.

Seit ihr Mami hauptberuflich «Tafeln anmalt», zeigen ihr die Söhne Andri (9) und Tias (7) ihre Schulhefte nicht mehr so gern. Dabei könnten sich die Söhne trösten: Auch auf Andrea Landolts Ateliertisch liegen stapelweise Schmierzettel. Und Schmierzettel ist das richtige Wort, denn von einer Sonntagsschrift kann keine Rede sein. «Meine Handschrift ist saugruusig», gibt Andrea Landolt zu. Spontanes Bemalen liege ihr nicht: Erste Entwürfe entstehen auf Papier, danach probiert sie Schriften und Dimension aus. Die Schönschrift wird erst auf der Tafel mit speziellen Stiften unter Beweis gestellt. «Die Muskeln müssen sich an die Bewegung gewöhnen», erklärt die Expertin. Und sollte mal etwas nicht gelingen, kann Andrea Landolt das Geschriebene immer noch mit einem Schwamm wegputzen. Aber bitte ja nicht schmieren!

Fotograf: Basil Stücheli

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