15. März 2019

Täglich eine neue Ladung Hass

Wer in der Öffentlichkeit steht, wird fast schon routinemässig mit Wut und Häme überschüttet. Medienschaffende und Politiker berichten, wie sie damit umgehen.

Lesezeit 12 Minuten
  • master

Medienschaffende und Politikerinnen lesen Hassbotschaften vor, die sie erhalten haben.

Seit Arthur Honegger (39) das Nachrichtenmagazin «10vor10» im Schweizer Fernsehen moderiert, wird er auf seinem Twitter-Account regelmässig beschimpft. Nach einer Sendung Ende Januar über die politische Krise in Venezuela hiess es: «Obwohl 100 000e in Massendemos den neuen legitimen Präsidenten u Mehrheitsführer #Guaido feiern, spricht Salonsozialist @honegger säuerlich von 10 000en. Wie lange lässt man H noch gewähren?» oder «H ist das widerliche sozialistische Pendant von Lanz! (Lanz Talk ZDF)». Solche Tweets sind noch harmlos, gelegentlich gibt es auch Morddrohungen. Oder eine Fotomontage, auf der man seinen Kopf in einer Pissoirschüssel sieht.

«Welcome to my world», sagt Honegger, der zuvor acht Jahre lang als USA-Korrespondent für SRF tätig war und dabei nur selten Anfeindungen erlebt hat. Doch seit er «10vor10» moderiert, ist Hass der allgegenwärtige Begleiter seiner Arbeit. Besonders viele Beschimpfungen kommen nach Beiträgen über den Klimawandel oder den russischen Präsidenten. «Die Hauptvorwürfe lauten meist, wir würden Informationen unterdrücken oder seien eine Propagandamaschine der Nato oder von George Soros.»

Wir dürfen bei all dem nicht vergessen, dass der Hass von einer penetranten Minderheit kommt. Die Mehrheit der Menschen äussert sich differenziert und vernünftig.

Arthur Honegger, Moderator «10vor10»
Arthur Honegger

Zu Beginn seiner Tätigkeit gab es auch Kommentare zu seinem Äusseren, heute sind meist redaktionelle Inhalte Anlass der Wut, auch wenn der Angriff auf die Person zielt. «Damit muss man leben lernen, wir können deswegen ja nicht aufhören, über diese Themen zu berichten.» Drohungen gegen seine Familie gehen dem 39-Jährigen jedoch näher als solche gegen ihn selbst. Und er achtet darauf, dass die Öffentlichkeit nicht erfährt, wo er wohnt.

Aber besonders ernst nehme er das alles nicht. «Relevanter finde ich, dass sich in unserer Gesellschaft offensichtlich eine Subkultur gebildet hat, die für Verschwörungstheorien aller Art sehr zugänglich ist.» Und die von einigen Politikern gezielt gefüttert werde, um ihre Basis bei Laune zu halten. «Das sind Alarmsignale, die wir ernst nehmen müssen.» Und all das nehme ganz klar zu. «Der Ton wird immer rauher, die Leute sind immer schneller auf 180.»

Auf Anzeigen hat Honegger bisher verzichtet, hingegen hat er Beschimpfer bei Twitter gemeldet, mit Konsequenzen für deren Accounts. Freundliche und konstruktive Kritik beantwortet und berücksichtigt er hingegen. Manchmal gibt es sogar Komplimente. «Wir dürfen vor lauter Hasskommentaren nicht vergessen, dass sie von einer penetranten Minderheit kommen. Die meisten Menschen reagieren nicht so; sie sind vernünftig, differenziert und anständig. Für sie machen wir unser Programm.»

Regula Stämpfli

Dass die Leute so heftig auf meine Beiträge reagieren, bestätigt mir auch, dass ich eine gute Arbeit gemacht habe.

Regula Stämpfli

Regula Stämpfli («50plus») wird seit Jahrzehnten angefeindet. «Es gibt Männer, die mich seit 20 Jahren verfolgen und stets neue Wege suchen, um mich in die Pfanne zu hauen», sagt die Politologin und Sachbuchautorin. «Mein Wikipedia-Eintrag wurde zum Beispiel von einem Troll verfasst, und ich ringe derzeit mit den Betreibern um entsprechende Anpassungen.»

Immerhin: In den vergangenen Jahren ist die Hasswelle etwas abgeebbt. «Ich habe in letzter Zeit auch keinen Skandal mehr verursacht», sagt Stämpfli und lacht vergnügt. Doch zu ihrer Kolumne im «Blick am Abend», die sie bis zur Einstellung des Gratisblatts im vergangenen Jahr schrieb, gab es jedes Mal bösartige anonyme Kommentare. «Im Stil von: Halt doch endlich die Klappe! Geh in die Klapse! Links­extrem!» Oft wird auch aufs Äussere gezielt oder eine Vergewaltigung angedroht. «Wie es gegenüber Frauen üblich ist. Es ist teilweise richtig grauslig.» Sie leitet immer alles an ihre Assistenten weiter, die es archivieren, Drohungen gehen direkt zu ihrer Anwältin.

Das meiste perlt heute ohnehin an ihr ab. Mit der Zeit hat Stämpfli sich eine dicke Haut zugelegt. «Als Intellektuelle, die in der Öffentlichkeit steht, bin ich es gewohnt, angegriffen zu werden.» Damit müsse man leben, wenn man sich mit den Mächtigen anlege. Auch der schwarze Humor, den sie vom britischen Teil ihrer Familie geerbt habe, helfe. «Was mich immer noch trifft, sind Attacken aus gleichgesinnten Kreisen, von Kollegen quasi.» Ein Artikel aus der WoZ im Jahr 2017 etwa – die Klage dagegen hat sie gewonnen. Wie auch alle anderen vier, die sie im Lauf der Jahre initiiert hat.

Dennoch hat all die Wut ihre Arbeit verändert. «Der Fokus liegt heute stärker auf nicht-öffentlichen Tätigkeiten.» Und ein Stück weit versteht sie ihre Angreifer sogar. «Denken muss wehtun. Dass die Leute so heftig auf meine Beiträge reagieren, bestätigt mir auch, dass ich eine gute Arbeit gemacht habe. Wenn ich schreibe, was der Mainstream lesen will, ist etwas schiefgelaufen.»

Andreas Glarner

Trotz dicker Haut: Man darf nicht so abgebrüht werden, dass einem Angriffe nicht mehr wehtun

Andreas Glarner

Andreas Glarner hat schon rund 20 Klagen wegen Beschimpfungen ausgelöst. «Nicht bei jeder Bagatelle, aber wenn man mich als Nazi, braunen Hetzer, Pädophilen oder üblen Profiteur bezeichnet, dann klage ich dagegen», sagt der 56-jährige SVP-Nationalrat und Unternehmer aus Oberwil-Lieli AG. Auch Morddrohungen gibt es, und ab und zu sogar eine Patrone in der Post. Zudem bekommt er gerade alle möglichen Zeitschriften geschickt, die unter seinem Namen abonniert wurden. «Die wieder loszuwerden, ist gar nicht so leicht.»

Viele Beschimpfungen sind anonym, aber längst nicht alle. «An sich ja noch sympathisch, wenn jemand zu seinen Aussagen steht, aber wenn er mit einer Waffe droht und damit noch auf Facebook posiert, melde ich das – auch dem Militär, denn so einem muss man die Waffe abnehmen.» Der Hass perlt inzwischen weitgehend an ihm ab, aber wenn die Familie reingezogen werde, dann beschäftige ihn das. Die «gröberen Sachen» gibt er an die Polizei weiter, die entscheidet, was sie weiterverfolgt. Und in der Öffentlichkeit ist der Politiker vorsichtiger geworden. «Ich laufe in Bern nicht mehr unbefangen herum.»

Richtig heftige Beschimpfungen gab es 2015, als Glarners Gemeinde Oberwil-Lieli sich entschied, lieber Strafe zu zahlen als Asylbewerber aufzunehmen. Aber auch nach Auftritten in der «Arena» im Schweizer Fernsehen kommt der Hass zuverlässig. «Trotz dicker Haut: Man darf nicht so abgebrüht werden, dass einem Angriffe nicht mehr wehtun», sagt Glarner. «Denn Kritik kann manchmal berechtigt sein – gerade bei einem wie mir, der auch mal über die Stränge schlägt. Das muss man noch wahrnehmen können.»

Vernünftig formulierte, konstruktive Kritik beantwortet Glarner in der Regel. «Ich habe mich mit Kritikern auch schon auf einen Kaffee getroffen und diskutiert. Das ist aus meiner Sicht immer noch der beste Weg, mit unterschiedlichen Meinungen umzugehen.»

Sascha Ruefer

Heute ist mir eigentlich egal, was da kommt. Ich nehme diese Leute nicht ernst und ignoriere sie einfach.

Sascha Ruefer

Sascha Ruefer (47) kann mittlerweile nicht mehr viel erschüttern. «Es gibt nach unten keine Grenzen beim Niveau der Kommentare, die über die sozialen Medien hereinfluten», sagt der SRF-Sportmoderator und -kommentator. «‹Du hast keine Ahnung› ist im Grunde schon eine Schmeichelei.»

«Am Anfang konnte ich damit nicht umgehen, es hat mich wirklich belastet.» Doch die Flut an Hass, die ihn erreicht, habe inzwischen zu einer gewissen Abstumpfung geführt. «Heute ist mir eigentlich egal, was da kommt. Ich nehme diese Leute nicht ernst und ignoriere sie einfach. Letztlich bauen sie einfach ihren Frust ab, und wir sind die Blitzableiter.» Doch es habe einige Zeit gedauert, bis er so weit gewesen sei. «Der Austausch mit einem Coach hat mir dabei geholfen.»

Während Ruefer sich von den sozialen Medien heute weitgehend fernhält, nimmt er Rückmeldungen via E-Mail durchaus noch wahr. «Mir ist auch klar, dass ich polarisiere, das liegt in der Natur meiner Arbeit. Und wenn sich jemand respektvoll aufregt, weil seine Mannschaft gerade verloren hat, ist das in Ordnung, darauf antworte ich auch.» Das sei jedoch selten. «Meist kommt nur pure Aggression.» Besonders starke Reaktionen gebe es nach Spielen des FC Basel gegen die Berner Young Boys.

Ruefer kommentiert schon seit 1998 Sportsendungen am Fernsehen. «Lange ging es sehr zivilisiert zu, auch noch als Internet und E-Mails gerade aufkamen.» Erst mit der Etablierung der sozialen Medien vor etwa zehn Jahren sei die Wut eskaliert. Verklagt hat er bisher noch nie jemanden. Aber Abklärungen beim SRF-Rechtsdienst hat er schon gemacht. «Und zweimal habe ich die Polizei avisiert, als Bilder von meinem Haus und massive Drohungen auch gegen meine Familie im Internet kursierten.»

Umso bemerkenwerter ist der Kontrast zu den Reaktionen in der Öffentlichkeit, die sich laut Ruefer im Laufe der Jahre kaum verändert haben. «Wenn ich draussen unterwegs bin, erkennen mich die Leute und reagieren – meist positiv. Und wenn mal jemand schimpft, gehe ich darauf ein, und meist ergeben sich auch dann gute, respektvolle Gespräche, wenn man sich nicht einig wird.»

Jennifer Bosshard

Das sind einfach Leute, die ihren Frust und ihre eigenen Komplexe auf mich abwälzen.

Jennifer Bosshard

Jennifer Bosshard erhält abschätzige Kommentare vor allem auf Instagram. «Ich sei total unsympathisch oder hässlich oder schlimm angezogen oder ein naives kleines Kind, das keine Ahnung habe, was abgehe», fasst die 25-jährige Moderatorin der SRF-Sendung «Glanz & Gloria» zusammen. Das meiste komme jedoch von Fake Accounts. «Das finde ich feige. Da nimmt sich also jemand die Mühe, so ein Konto einzurichten, nur um mich gezielt fertigzumachen?»

Sie habe auch schon ein paar Mal zurückgeschrieben, um herauszufinden, was das Problem sei. «Aber entweder kommt dann keine Antwort oder das Konto wird blitzartig gelöscht.» Die Kommentare zielten oft auf die Optik, wobei sie selten mit der Androhung von sexueller Gewalt konfrontiert sei. «Vielleicht weil ich äusserlich und mit meinen Posts kaum polarisiere. Da wird man weniger angegriffen.» Dafür gebe es bei ihr ab und zu anzügliche Kommentare: «‹Ach, könntest du nicht mal Netzstrumpfhosen anziehen oder etwas mehr Bein zeigen?› – das finde ich auch widerlich.»

«Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es tangiere mich überhaupt nicht. Wenn auf meine Person gezielt wird, also ich sei naiv oder ein Dummchen, dann verletzt mich das. Weil ich genau das nicht bin.» Die Kommentare zum Aussehen hingegen liessen sie relativ kalt. Inzwischen lösche sie alles, was unter der Gürtellinie und weit weg von konstruktiver Kritik sei. «Und ich achte heute genauer darauf, was ich über mich und mein Leben preisgebe.»

Angefangen hat das alles erst, seit sie im Mai 2018 als SRF-Moderatorin begonnen hat. Sie findet es zwar lästig, psychisch belastet es sie jedoch nicht. «Es regt mich im Moment auf, aber dann sage ich mir auch, dass es sich gar nicht lohnt. Das sind einfach Leute, die ihren Frust und ihre eigenen Komplexe auf mich abwälzen.»

Jolanda Spiess-Hegglin

Anzeigen bewirken etwas: Wer so aus der Anonymität gezerrt und vorgeladen wird, hört in der Regel auf, zu hetzen.

Jolanda Spiess-Hegglin

Jolanda Spiess-Hegglin (38) ist noch immer fast täglich mit den Folgen der bis heute ungeklärten Ereignisse nach der Zuger Landammannfeier 2014 konfrontiert. Am Tag danach war sie mit Unterleibsschmerzen und Erinnerungslücken aufgewacht, ohne einen Kater zu haben. Ein SVP-Politiker wurde wegen des Verdachts auf Schändung festgenommen, später jedoch wieder freigelassen.Obschon man seine DNA in ihr und eine weitere, unbekannte männliche DNA an ihrer Unterwäsche sichern konnte, wurde die Untersuchung schliesslich eingestellt. Worauf der SVP-Politiker seinerseits Spiess-Hegglin wegen übler Nachrede und Falschbeschuldigung anzeigte. Das erste Verfahren endete mit einem Vergleich, das zweite stellte die Zuger Staatsanwaltschaft letzten Frühling ein und hielt fest, dass Jolanda Spiess-Hegglin niemanden falsch beschuldigt habe.

Der enorme Medienrummel um den Fall trat eine Lawine von Hass gegen die damalige Kantonsrätin der Grünen Partei los. «Die Mord- und Vergewaltigungsdrohungen kamen schon kurz nach dem ersten Artikel im ‹Blick›, also noch bevor die Kampagne gegen mich überhaupt Fahrt aufgenommen hatte.» Spiess-Hegglin hat sich mittlerweile aus der Politik zurückgezogen und 2016 den Verein #NetzCourage gegründet, mit dem sie sich gegen Internethetze engagiert und andere Betroffene unterstützt.

Aber bis heute erhält sie Hassnachrichten zu den Vorfällen um die Landammannfeier. «Wenn behauptet wird, ich lüge, verletzt mich das noch immer.» Die restlichen Kommentare zielen auf ihre aktuelle Arbeit. «Das sind Leute, die mich als Feministin sehen und es einfach nicht ertragen, dass sich eine Frau so deutlich öffentlich äussert. Diese Hassreaktionen erleben auch die meisten anderen Frauen in ähnlicher Position.» Zu lesen bekommt sie Dinge wie «Schlampe» oder «du gehörst an den Herd» sowie immer wieder Androhungen sexueller Gewalt.

Zu Beginn löste die Flut an Hass bei ihr vor allem eins aus: Wut. «Ich musste ein Antiaggressionstraining machen, weil ich nicht sicher sein konnte, ob ich dem Nächsten nicht einfach die Nase breche. Das habe ich heute im Griff.» Inzwischen hat sie auch ein ziemlich dickes Fell entwickelt. «Aber ich lese alles, denn ich will versuchen zu verstehen, woher das kommt, was dahinter steckt.» Sie hat sich auch mit vielen Psychologen über das Phänomen unterhalten – eine gute Grundlage für ihre Arbeit bei #NetzCourage. «Eine solche Opferhilfestelle hat bisher gefehlt.» Sie hofft nun auf finanzielle Unterstützung durch den Bund, denn bisher arbeitet sie ehrenamtlich. Der Verein finanziert sich durch Mitgliederbeiträge und Spenden.

200 Anzeigen hat Spiess-Hegglin mittlerweile erstattet, knapp die Hälfte davon für andere Betroffene. «Das hat auch einen gewissen therapeutischen Effekt. Mir ist es wichtig, den Leuten entgegenzutreten, die Unwahrheiten über mich verbreiten.» Immer wieder findet sie auch bei Leuten, die sie anonym beschimpfen, heraus, wer dahinter steckt. Und die Anzeigen bewirken tatsächlich etwas: «Wer damit konfrontiert wird, also aus der Anonymität gezerrt und vorgeladen wird, hört in der Regel auf zu hetzen.»

Margret Kiener Nellen

Es ist wichtig, dass solche Täter verurteilt werden und happige Bussen zahlen müssen.

Margret Kiener Nellen

Margret Kiener Nellen (65) hat im Nationalrat ein Postulat eingereicht, mit dem sie einen Bericht über den Umfang und die Art der Drohungen gegenüber Parlamentsmitgliedern verlangt. Sie erhofft sich davon konkretes Zahlenmaterial, um eine Diskussionsgrundlage für Gegenmassnahmen zu schaffen. «In anderen Ländern und im Europarat wurden solche Studien bereits gemacht», sagt die Berner SP-Nationalrätin und Rechtsanwältin. Kommt das Postulat durch, rechnet sie im Lauf von 2019 mit Ergebnissen.

Das Thema betrifft sie gleich doppelt. Einerseits hat sie Opfer von Beschimpfungen und Gewalt als Anwältin oft vor Gericht vertreten, andererseits ist sie selbst jahrelang beschimpft und bedroht worden. «Inzwischen hat das nachgelassen, und zwar seit ich systematisch alle Täter anzeige und mehrere rechtskräftig verurteilt wurden.»

Besonders heftig war es 2014 und im Wahljahr 2015. «Wir werden Sie vergewaltigen und töten. Sie, Ihren Mann und Ihre Kinder. Wir wissen, wo Sie wohnen. Auch wenn Sie Leibwächter anstellen, nützt das nichts, wir kriegen Sie», zitiert Kiener Nellen aus einem der Drohbriefe. Damals engagierte sie sich an vorderster Front für die Abschaffung der Pauschalbesteuerung und wurde deshalb von der Gegenkampagne persönlich angegriffen. «Das hat wohl die Schleusen für weitere Angriffe geöffnet», vermutet sie. «Aber dass man mir schriftlich eine Vergewaltigung ankündigt, war schon ein starkes Stück.»

Etwa 15 Strafverfahren hat die Politikerin in diesen zwei Jahren initiiert, davon sind zwei noch hängig. In einem Fall musste der Täter wegen seiner Drohungen eine Busse von insgesamt 11 500 Franken zahlen. Kiener Nellen stand ausserdem eineinhalb Jahre unter Polizeischutz, nachdem sie und ihre Familie schwer bedroht worden waren und sie Couverts mit weissem Pulver erhalten hatte. «Das war eine sehr belastende Zeit für unsere Familie. Aber die Polizei gab uns eine gewisse Sicherheit.»

Das alles habe enorm viel Zeit und Energie gekostet. «Eigentlich wurde ich gewählt, damit ich mich für eine gerechtere Schweiz und eine bessere Welt engagiere. Stattdessen muss ich mich jahrelang mit Anfeindungen herumschlagen. Damit muss Schluss sein. Es ist wichtig, dass solche Täter verurteilt werden und happige Bussen zahlen müssen.»

Fabian Eberhard

Hass hat mich von Anfang an begleitet. Aber in jüngster Zeit hat er stark zugenommen.

Fabian Eberhard

Fabian Eberhard (35) hat sich im vergangenen Jahr für etwa drei Wochen von Twitter verabschiedet, um die Flut von Hass zu stoppen, der er ausgesetzt war. Der auf Extremismusthemen spezialisierte «SonntagsBlick»-Redaktor hatte über einen Marsch von Rechten in Polen berichtet. Danach ergossen sich Zehntausende von Hassbotschaften über seine Social-Media-Kanäle. «In der Hochphase waren es mehrere hundert pro Stunde. Darunter viele Morddrohungen.»

Das war selbst für Eberhard eine neue Dimension, obwohl er einiges gewohnt ist. «Ich habe schon in mehreren grossen Zeitungen über diese Themen geschrieben, Hass hat mich von Anfang an begleitet. Aber in jüngster Zeit hat er stark zugenommen, auch bei Themen, die gar nicht sonderlich kontrovers sind.» Eberhard sieht dahinter auch eine Grundstimmung gegenüber Journalisten, die von einigen Politikern gezielt geschürt werde.

Inhaltlich fundierte Kritik gebe es natürlich auch. «Die ist immer willkommen», betont er. Aber es dominierten Verleumdungen und Vorwürfe dahingehend, dass er Fake News oder systematische Lügenkampagnen verbreite. Konkrete Drohungen zeigt er hin und wieder an, zudem findet man seine Wohnadresse nirgends mehr. Und er postet praktisch nichts Privates in den Sozialen Medien.

Doch das alles geht ihm heute nicht mehr so nahe wie auch schon. «Mit der Zeit bekommt man eine dicke Haut. Und wenn es in dieser Masse ankommt, dringt es ohnehin weniger durch.» Konkretere Morddrohungen oder Attacken gegen seine Familie hingegen lösen auch Ängste aus. «Für mich ist wichtig, mit anderen darüber reden zu können, mit Redaktionskollegen oder Freunden. Manchmal gehe ich auch raus in die Natur und versuche, Distanz zu gewinnen.»

Es sei wichtig, den Hass richtig einzuordnen, betont Eberhard. «In den sozialen Medien haben diese Leute quasi die Deutungshoheit, weil sie gut organisiert und laut sind. Aber sie vertreten nicht die Mehrheitsmeinung, das darf man nie vergessen.» Vor allem dürfe man sich nicht davon abhalten lassen, weiterhin zu gewissen Themen zu recherchieren und darüber zu berichten. «Am besten versucht man, den Hass auszublenden.»

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