27. Oktober 2017

Tabu Teilzeitmutter

Mütter erzählten im Migros-Magazin offen über ihren folgenschweren Schritt, die Kinder nach der Trennung beim Vater zu lassen. Das scheint eine gesellschaftliche Grenze zu überschreiten: Die Frauen werden von vielen Leserinnen und Lesern kritisiert.

Wutbürger über Teilzeitmütter
Viele Leserinnnen und Leser reagierten mit Unverständnis auf die Entscheide der Teilzeitmütter.
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Das Migros-Magazin hat in der Ausgabe 42 drei Mütter porträtiert, die ihre Kinder beim Vater gelassen haben. Sei es aus Erschöpfung, für eine neue Liebe oder wegen des Jobs: Sie sind jetzt statt Vollzeit- nur noch Teilzeitmütter und haben durch diese Entscheidung ein Tabu gebrochen. Seit der Trennung leben sie mit ihrem Expartner das sogenannte Paritätsmodell: Die Kinder leben hauptsächlich beim Vater, sind «nur» vereinzelte Tage oder Wochenenden bei der Mutter.

Traditionelle Rollenbilder stark verankert

Der Artikel hat viele, teilweise sehr emotionale Reaktionen ausgelöst. Nutzer(innen) diskutierten online auf dieser Plattform und in den sozialen Medien rege über den Entscheid der Frauen. Auf der einen Seite werden die Teilzeitmütter für ihren Mut bewundert. Doch viele äussern offen ihr Unverständnis. So zum Beispiel schreibt Steffi W.: «Man darf auch mal schwach sein, aber einfach abhauen geht gar nicht. So ein einschneidendes Erlebnis brennt sich in ein Kinderherz ein.» Stefanie H. hält dagegen: «Warum reagiert die Gesellschaft sooo heftig, wenn eine Frau geht? Männer gehen auch, und es wird einfach toleriert, niemand schert sich darum.»

Dass es gesellschaftlich noch wenig akzeptiert scheint, dass Mütter die Familie verlassen, erklärt Familientherapeut Jürgen Feigel folgendermassen: «Evolutionsgeschichtlich ist es nun mal so, dass das Kind zur Mutter gehört. Im Fall einer Trennung geht der Fokus auf das Schwächste, nämlich das Kind. Und da entsteht schnell eine emotionale Betroffenheit», sagt er. Die Rollenbilder seien laut Feigel immer noch stark verankert: Der Mann ist der Ernährer, die Mutter schaut zum Kind. Während «Wochenendväter» schon längst normal sind, ist es bei Frauen noch etwas komplett Neues. «Dabei können Väter ebenfalls die Erziehungsarbeit übernehmen.»

In vielen Kommentaren werden die porträtierten Mütter Maura Stocker und Zaklina Djuricic als Egoistinnen verurteilt: Sie würden nur an ihre eigenen Bedürfnisse denken und könnten ihren Narzissmus nicht für ihre Kinder zurückstellen. Nicole H. schreibt: «Kinder sind kein Accessoire, das man sich einfach zulegen und wieder ablegen kann.» Und Rudolf G. geht sogar noch weiter: «Eine Mutter, die ihre Kinder verlässt, hat überhaupt kein Anrecht, sich noch Mutter zu nennen.»

Maura Stocker, die als Teilzeitmutter die Titelseite des Migros-Magazins zierte, wurde für ihren Geltungsdrang kritisiert. Dass sie auf ihren Schritt auch noch stolz sei, daran stören sich viele Leser. Ihre Entscheidung erklärt sie damit: «Ich musste mich selbst retten, damit ich wieder eine gute Mutter sein konnte.» R. Tanner nimmt die Teilzeitmütter in Schutz: «Diese drei Frauen haben es sich selber alles andere als leicht gemacht. Wieso sind Frauen, insbesondere Mütter, noch immer so selbstgefällig und richten über andere?» Und auch Familientherapeut und Mediator Jürgen Feigel gibt zu bedenken: «So ein Entschluss ist ein langer Prozess, das passiert nicht von heute auf morgen. Die Mütter haben Schuldgefühle, kämpfen mit sich selbst.» Dazu komme der Druck von aussen und die Frage, wie die Mütter die Beziehung mit ihren Kindern künftig gestalten können, während der Vater oft Angst hat, das nicht zu schaffen. «Da ist auf allen Seiten viel Verunsicherung, Wut und Trauer», so Feigel.

Ängste umtreiben die Teilzeitmütter

Tatsächlich haderten die drei Teilzeitmütter immer wieder mit ihrer Entscheidung. Die deutsche Journalistin Lisa Frieda Cossham, die sich in einen neuen Mann verliebte und ihre zwei Töchter vorerst beim Vater liess, beschreibt die Gewissensbisse in ihrem Buch «Plötzlich Rabenmutter»: Wenn sie Zeit mit ihrem neuen Partner verbrachte, ohne ihre Kinder, fürchtete sie ständig, verhaftet zu werden. Strafbefehl: Familienflucht. Plötzlich trugen ihre Töchter Kleider, die sie nicht kannte, und fremde Leute sagten: «Ach, Sie sind die Mutter? Mit Ihrem Kind war ich bereits im Urlaub.» Cosshams grösste Angst war, so paradox es klingt, dass sie ihre Kinder zufällig in der U-Bahn treffen könnte. Dann müsste sie vor den anderen Fahrgästen fragen, was eigentlich jede Mutter wissen sollte: Was sie denn da machten.

Cossham, die wegen ihrer Kolumne im deutschen SZ-Magazin als «spassbefreite Heulboje», «abschreckendes Negativbeispiel» und «Jammerlappen» bezeichnet wurde, wunderte sich über den scharfen Ton der Reaktionen. «Es war mir nicht bewusst, dass zweifelnde oder bereuende Mütter provozieren. Dass Mütter als egoistisch gelten, wenn sie ihre Rolle reflektieren», schreibt sie.

Nutzerin Giulietta schreibt: «Was für eine verkehrte Welt, wenn man Frauen beschimpft, die die Zauberformel umkehren und sich entscheiden, dass Väter genauso gut Kinder aufziehen können wie sie.» Andere User finden, es gebe heutzutage verschiedene Familienmodelle. Jeder habe das Recht, über sein Leben zu entscheiden. Es stehe uns nicht zu, über andere zu urteilen. «Es hilft keinem Kind, wenn die Mutter (oder der Vater) in der Rolle als Hauptbezugsperson krank wird, weil sie (er) der Rolle nicht gewachsen ist», heisst es in einem Kommentar.

Das Wichtigste für Nutzerin Alice B. sei es, dass es dem Kind gut gehe. Eine zufriedene Teilzeitmutter sei immer noch besser als eine unglückliche, überforderte Mutter. Das sieht auch Therapeut Jürgen Feigel so: Bei Überforderung könne Gewalt entstehen. Daher sei Abstand oft zum Schutz des Kindes sinnvoll. «Das heisst ja nicht, dass die Mütter die Kinder nicht lieben. Eine Trennung ist immer traurig und schwierig für die Kinder, aber das ist genau das Gleiche, wie wenn der Vater geht.»

Von urkonservativen Bildern Abschied nehmen

Für Zaklina Djuricic, deren Sohn Leandro beim Vater wohnt, definiert sich eine gute Mutter vor allem dadurch, immer ein offenes Ohr zu haben und viel Verständnis zu zeigen. Und auch Maura Stocker, die ihre drei Kinder nach der Trennung von ihrem Mann zu 30 Prozent bei sich hat, hält Nähe, gegenseitiges Vertrauen und Verlässlichkeit für wichtiger als die gemeinsamen vier Wände.

Die neu entstandene Patchworkfamilie sei die grösste Herausforderung, konstatiert der Familientherapeut. In dieser Phase sei es wichtig, sich bei Konflikten Hilfe zu holen. «Die Rollen müssen vor allem für die Kinder neu definiert und wenn möglich mit der Mutter abgesprochen werden.» Auch Maura Stocker, die mittlerweile einen neuen Partner hat, bestätigt: «Als Patchworkfamilie sind wir immer noch auf dem Weg.» Wichtig sei ihr der Austausch mit ihrem Exmann. So dauern Kindsübergaben bei der Familie mehrere Stunden, damit die Kinder immer noch beide Eltern um sich haben.

Migros-Magazin-Leserin Regina S. ist nach einem Burn-out selbst eine Teilzeitmutter und berichtet von ihren Erfahrungen: «Zum Glück habe ich zu meinen Kindern ein gutes Verhältnis und sehe sie regelmässig. Trotzdem tut es weh, nicht den ganzen Alltag mit ihnen teilen zu können, denn ich liebe meine tollen Kinder und möchte sie unterstützen auf ihrem Weg. Auch heute noch hätte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht die Kraft, einen Haushalt mit drei Kindern zu führen.»

Eine Mutter fasst den gesellschaftlichen Konflikt auf Facebook zusammen: «Feminismus würde für mich auch bedeuten, vom urkonservativen Bild der sich selbst aufgebenden Mutter Abschied zu nehmen. Und Familie so zu denken, wie sie sich präsentiert: ein Modell mit wechselseitigen Beziehungen, das im Normalfall auf verschiedenen Schultern lasten sollte.»

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