16. September 2019

Sylvain wird berühmt

Bänz Friedli (54) hat Tennis geschaut. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Tennisball
Der Tennisball, der alles verändert hat
Lesezeit 1 Minute

Auf der Theke eines Bistros irgendwo zwischen La Louvière und Charleroi ist er gleichsam aufgebahrt, stelle ich mir vor: Sylvains Tennisball. Feierlich ausgestellt, grell und gelb und unübersehbar. Sylvain ist der Held im Dorf, seit er mit dem Ball als Trophäe aus New York heimgekehrt ist, und er muss es den Copains immer und immer wieder erzählen, wie er zu diesem Ball gekommen ist. Ich habe zugeschaut. An den US Open in Flushing Meadows wars, im Achtelfinal: Der Belgier David Goffin retournierte einen Aufschlag von Roger Federer so ungelenk, dass der Ball ins Publikum sprang. Die Kamera fing ein, wie ein pausbackiger Herr Mitte fünfzig, mit Brille und schütterem Haar, den Ball fing und ihn darauf so überglücklich schwenkte, als hätte er soeben vier Millionen im Lotto gewonnen.

Nennen wir ihn Sylvain. Für Sekunden ist der belgische Tennisfan weltberühmt, weil das TV seine Freude rund um den Globus verbreitet. Dann aber geht das Spiel mit einem anderen Ball weiter, die Szene ist bald vergessen. Nur nicht für Sylvain. Man kannte und schätzte ihn daheim bisher als wortkargen, aber verlässlichen Schulhausabwart und Kassier der Dorfmusik. Der Tennisball hat alles verändert. «TV-Star» nennen sie ihn beim Feierabendbier, jeder will den Ball berühren, dauernd muss Sylvain für Handyfotos posieren.

Später wird Sylvains Tennisball einen Platz im Dorfmuseum bekommen. Eines Tages – wir schreiben bereits das Jahr 2037 – wird er verschwunden sein. Gestohlen? Aus Versehen entsorgt? Niemand wird es wissen. Doch die Verantwortlichen des Museums werden den Ball klammheimlich ersetzen, sein Verschwinden würde Tumulte auslösen. 2053 wird die kleine gelbe Kugel gar das neue Dorfwappen zieren, kurz darauf wird sich die Gemeinde per Mehrheitsbeschluss in «Le-balle-de-Sylvain» umbenennen.

Nach erbittertem Rechtsstreit gelangt der Tennisball anno 2087 wieder in Familienbesitz. Die Legenden, die sich um ihn ranken, schillern immer farbiger. Einer behauptet: «Das ist der Ball, den mein Ururgrossvater von Serena Williams persönlich erhalten hat.» - «Nein, von Obama!», setzt eine andere drauf. Und zum Jahrestag am 1. September des Jahres 2119 enthüllt die Bürgermeisterin ein Ensemble von Bronzestatuen: Sylvain mit seinem Ball, umrahmt von Mirka und Roger Federer. Darunter die Inschrift: «Tiefe Freundschaft».

Wie ich darauf komme? Wüsste ich auch gern. Vielleicht hat Sylvain, von dem wir ja nicht mal wissen, wie er richtig heisst, den Ball im Stadion liegen lassen. Oder später im Hotel. Aber meine Version gefällt mir besser.

Bänz Friedli live: 19. 9. Dübendorf ZH, 20. 9. Stettfurt TG

Die Hörkolumne (MP3)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Ehrlich währt länger

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

... oder kann das weg?

Bänz Friedli

Meine Fahrt mit Loriot

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Unter der Zeitlupe