26. November 2018

Susanne Brunner ist die neue Stimme aus Nahost

Seit April arbeitet die Radiojournalistin als SRF-Nahostkorrespondentin in der jordanischen Hauptstadt Amman. Zur Vorbereitung hat sie gelernt, was sie tun muss, falls sie in die Hände von Rebellen fällt. Angst hat sie trotzdem nicht.

Susanne Brunner auf dem Markt
«Einkaufen auf dem Markt ist hier immer ein Erlebnis.» Susanne Brunner bei einer ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen in ihrem neuen Leben in Jordanien
Lesezeit 4 Minuten

Die warme Stimme mit dem typisch melodischen Glarner Dialekt ist seit gut 30 Jahren das Markenzeichen von Susanne Brunner. In der Deutschschweiz kennt man die 54-jährige Radiojournalistin durch die Mittagssendung «Tagesgespräch» auf SRF 1. Über 1200 Interviews hat sie von 2006 bis 2018 dort geführt: mit Bundesräten, Wirtschaftsführern, Sportstars und Kulturschaffenden; kritisch, hartnäckig, aber auch einfühlsam.

Ein gutes Gespräch entstehe immer dann, wenn jemand wirklich etwas erzählen möchte, erklärt Brunner. «Ich bin ehrlich und frage, was ich wissen möchte. Aber ich mache das immer mit Respekt.» Nun begegnet sie ganz anderen Interviewpartnern: Seit dem 1. April arbeitet Brunner als SRF-Nahostkorrespondentin und lebt allein in einer Zweizimmerwohnung in der jordanischen Hauptstadt Amman, weit weg von ihrem Ehemann, der nach wie vor in Glarus wohnt. «Vier Flugstunden von der Schweiz entfernt ist ja nicht so weit», findet die Radiojournalistin. «Wäre es kein Risikojob, wäre er wohl eher mitgekommen.»

Richtiger Moment fürs Abenteuer

Ihre Schweizer Freundinnen vermuteten die ultimative Midlife-Crisis, als sie von dem Jobwechsel in den Nahen Osten erfuhren. Die Vollblutjournalistin sieht das anders: «Mein Herz schlägt für das Medium Radio. Von 2000 bis 2005 war ich bereits als Korrespondentin in den USA – so etwas ist unglaublich horizonterweiternd.» Das sei es, was Journalismus ausmache. «Und in zehn Jahren wäre ich zu alt für einen Neuanfang im Ausland.»

Ich lernte, dass eine scheinbar harmlose Situation innerhalb von wenigen Sekunden gefährlich werden kann.

In ihrem neuen Job berichtet sie über Ägypten, Israel, den Irak, Jordanien, Libanon, Syrien und die palästinensischen Autonomiegebiete. Ihre Vorgänger Iren Meier und Philipp Scholkmann haben von der libanesischen Hauptstadt Beirut aus gearbeitet, Brunner entscheidet sich für Amman, weil die Israel-Berichterstattung von dort aus einfacher sei. Und: «In Amman kann nicht mal mein Hausabwart Englisch. So bin ich gezwungen, Arabisch zu reden.»

Parallel zum Job büffelt sie wöchentlich drei Stunden Arabisch. «Inzwischen werde ich im Taxi nicht mehr betrogen.» Ein Taxifahrer, ein ehemaliger Lehrer, habe sie während der Fahrt sogar aufgefordert, ein Verb zu konjugieren. Trotzdem nimmt Brunner zu Gesprächen mit Arabern immer einen Übersetzer mit.

Susanne Brunner im Interview
Interview mit einem Unternehmer in Jordanien. (Foto: Thilo Remini/SRF)

Angst, aus dieser geopolitisch instabilen Region zu berichten, hat sie nicht. Das sei eben auch eine Frage der Perspektive, findet sie. «Erzähle ich Jordaniern von einer geplanten Reise nach Europa, werde ich gewarnt. Die Einheimischen halten diesen Kontinent wegen der zahlreichen Selbstmordattentate für gefährlich.» Brunner hat einen Teil ihrer Jugend in Kanada, Schottland und Deutschland verbracht, sie glaubt, dass es ihr gerade wegen dieser vielen Wechsel leichtfällt, auf Menschen zuzugehen. «Meine Anpassungsfähigkeit ist etwas vom Besten, das mir meine Eltern mitgegeben haben.»

Auf brenzlige Situationen vorbereitet

Sie lebt mit einem Journalistenvisum in Jordanien und ist sich bewusst, dass sie wohl unter Beobachtung des Geheimdiensts steht. Als Vorbereitung auf ihren anspruchsvollen Job im Nahen Osten besuchte sie einen Kurs bei der deutschen Bundeswehr. Sie lernte, einen Druckverband anzulegen, oder wie sie reagieren müsste, falls sie in die Hände von Rebellen fällt.

Tatsächlich geriet sie auch schon in eine heikle Situation: Einen Tag nach der Eröffnung der neuen US-Botschaft in Jerusalem war sie in der Stadt Ramallah im palästinensischen Westjordanland unterwegs, wo vermummte Palästinenser demonstrierten. Die israelische Armee schoss Tränengaspetarden. «Ich lernte, dass eine scheinbar harmlose Situation innerhalb von nur wenigen Sekunden gefährlich werden kann. Mit tränenden Augen rannte ich davon, während mein Mikrofon noch lief.»

Wie liesse sich der ewige Konflikt zwischen Juden und Palästinensern lösen? «Ehrlich gesagt, bin ich sehr pessimistisch. Dazu müssten wohl die alten Männer auf beiden Seiten in den Ruhestand gehen und Junge und Frauen mitreden lassen. Dann würde die Welt hier anders aussehen.»

Susanne Brunner interviewt eine Frau
Fatima Salman, Mitarbeiterin eines Hilfswerks, spricht über ein Trauma-Bewältigungsprogramm für Kriegsverwundete. (Foto: Thilo Remini/SRF)

Normalerweise beginnt Susanne Brunners Tag um 6.30 Uhr; sie klickt sich eine Stunde durch die Medien und kontaktiert anschliessend das Radiostudio in Bern, um allfällige Beiträge für die Sendungen «Rendezvous» und «Echo der Zeit» zu besprechen. Meist folgen weitere Telefongespräche, ab und zu auch Recherchen in Geschichtsbüchern, um sich weiteres Hintergrundwissen über die Region anzueignen. Dazwischen kocht sie sich etwas. «Ich bin aber keine Starköchin, bei einem Besuch in Ägypten habe ich erst einmal gelernt, wie man eine Omelette zubereitet.»

Natürlich ist Susanne Brunner auch viel unterwegs. Kürzlich machte sie eine Sendung aus Tel Aviv über ultraorthodoxe Juden, die ein Startup führen. Und demnächst reist sie ins Kurdengebiet im Irak und ins Grenzgebiet von Syrien.

Zum Ausgleich geht die Journalistin zwei Mal pro Woche ins Yoga. «Wenn meine Freundinnen aus der Schweiz das lesen, werden sie losprusten, denn eigentlich bin ich ein Mensch, der sich gern in der freien Natur bewegt.» Still in einem Raum zu sitzen, das liege ihr gar nicht. «Aber Yoga ist genau richtig, um den Kopf zu leeren und die unterschwellige Gewalt zu verdauen, mit der ich immer wieder konfrontiert bin.» Selbstverständlich vermisst sie auch einiges aus der Schweiz, vor allem ihren Mann, ihre Freunde und die Glarner Berge.

Susanne Brunner am Computer
Arbeitsplatz zu Hause: Austausch mit der Redaktion in der Schweiz. (Foto: Thilo Remini/SRF)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Rea Eggli in der Sukkulenten-Sammlung

Rea Eggli ist eine Macherin

Carlo Badini

Trendsetter auf dem Arbeitsmarkt

Paula Troxler in ihrem Büro

Jeden Tag eine Zeichnung

Taxi! Lisa Stutz ist manchmal selber eines (Bild: pixabay)

Eine Fahrt im Taxi Stutz

Informationen zum Author