26. August 2013

Stromboli: Tanz auf dem Vulkan

Wer Abgeschiedenheit und Ruhe sucht, ist auf der süditalienischen Vulkaninsel Stromboli am richtigen Ort. Und kann auch gleich noch dem Erdinneren bei der Arbeit zusehen.

Blick auf den Vulkan Stromboli vom Boot aus
Vom Meer aus hat man einen besonders schönen Blick auf den Vulkan. Im Vordergrund ein Boot beim Inselchen Strombolicchio.

Ein mächtiges Fauchen lässt alle erwartungsvoll zum Vulkan hochblicken. Und wirklich: Zuverlässig wie ein Uhrwerk stösst der Stromboli Lavafetzen und Felsbrocken aus, die meterweit in die Höhe fliegen und dann auf die Sciara del Fuoco («Feuerrutsche») hinunterprasseln, einen gewaltigen schwarzen Abhang, der direkt zum Meer führt. «Heute ist er munter», sagt Andrea Ercolani mit einem zufriedenen Blick auf den Vulkankrater.

Der spuckende Vulkan in der Dämmerung.
Zuverlässig wie ein Uhrwerk: Alle 20 bis 30 Minuten spuckt der Vulkan Lava in die Höhe.

Der 47-jährige Schweizer marschiert pro Saison bis zu 50 Mal mit Reisenden auf den Stromboli und ist mit den Launen des seit 2000 Jahren ununterbrochen aktiven Vulkans wohlvertraut. Ercolani ist ausgebildeter Vulkanbergführer, wohnt seit zehn Jahren am Fusse des Ätna auf Sizilien und lebt davon, Touristen auf die diversen Vulkane der Region zu führen. Dabei gehört der Stromboli zu seinen Lieblingen, denn er ist etwas Besonderes unter den Feuerbergen dieser Welt. «Seine regelmässige Aktivität ist so typisch, dass Vulkanauswürfe dieser Art als ‹strombolianische Aktivität› bezeichnet werden», erklärt der Vulkanfan aus Basel, der den Stromboli mit 19 Jahren erstmals bestiegen hat. Weltweit gibt es nur zwei weitere Vulkane, die vergleichbar aktiv sind, den Arenal in Costa Rica und den Yasur im Vanuatu-Archipel des Südpazifiks.

Ohne Vulkanbergführer darf man nicht hoch auf den Gipfel

Gruppe, die den Stromboli hochsteigt.
Der Aufstieg zum Stromboli ist steil und schweisstreibend. Zuvorderst: der Schweizer Vulkanbergführer Andrea Ercolani.

An diesem Tag faucht und spuckt der Stromboli alle 20 bis 30 Minuten, und je dunkler es wird, desto spektakulärer sieht das aus. Der Weg nach oben ist allerdings anstrengend und auch nicht ungefährlich. Seit dem vorletzten grösseren Ausbruch 2003 darf man nur noch mit einem ausgebildeten Vulkanbergführer bis ganz nach oben – zuvor gab es pro Saison immer ein, zwei Tote, seither keine mehr. Und es führen zwei Wege hoch: ein neuer, weniger anstrengender, der die Wanderer innerhalb von rund 2,5 Stunden zum Krater bringt, und der ursprüngliche, beschwerlichere, der etwa 3,5 Stunden dauert, aber einen sehr viel besseren Blick auf den Vulkan bietet.

Wir haben uns für den längeren Weg entschieden und geraten dabei ganz schön ins Schwitzen und Schnaufen. Ab und zu müssen wir auf allen vieren weiter, weil es zu steil wird. Feste, knöchelhohe Wanderschuhe sind unerlässlich – und warme, winddichte Kleidung ist auch im Hochsommer von Vorteil. Denn sobald die Sonne weg ist und man sich dem 920 Meter hohen Gipfel nähert, wird es empfindlich kühl. Als der Sonnenuntergang naht, haben wir auf rund 700 Metern einen perfekten Blick auf die spektakulär rot glühende Lava im Abendlicht. Es ist, als schaue man dem Erdinneren live bei der Arbeit zu. Und aus sicherer Distanz ist das ein Spektakel von berauschender Schönheit.

Im Winter ist es hier nicht besonders attraktiv. Es fühlt sich dann an wie in einer Geisterstadt.

Milena Breitenstein

Kein Wunder, gibt es Menschen, die den Feuerbergen geradezu verfallen und sie immer wieder sehen müssen. Zu denen gehört auch Ercolani. «Menschen halten sich für so grossartig und wichtig, aber die Naturkraft Vulkan weist sie in ihre Schranken. Selbst mit den besten Instrumenten verstehen wir noch immer nicht, was da genau passiert.»

Ganz oben auf dem Gipfel bleiben wir kaum eine Minute. Gase und Qualm des fauchenden Vulkans reizen zum Husten und veranlassen uns, den Rückweg rasch unter die Stiefel zu nehmen. Der rund zweistündige Abstieg erfolgt auf der anderen Seite des Bergs, auf einem steilen, aber weichen Sand- und Aschepfad. Mittlerweile ist es stockfinster, und die Lichter unserer Taschenlampen erzeugen eine gespenstische Atmosphäre; die Gegend wirkt wie eine Mondlandschaft.

Allein auf dem brodelnden Vulkan im Angesicht des Alls

Während einer Pause fordert Ercolani uns auf, die Taschenlampen zu löschen und uns zurückzulehnen für das zweite spektakuläre Naturereignis der Tour: Ein unvergleichlicher Sternenhimmel glitzert über uns in der Schwärze – sogar die Milchstrasse ist deutlich zu erkennen. Und plötzlich fühlen wir uns sehr klein, mitten in der Nacht, allein auf dem brodelnden Vulkan im Angesicht der unendlichen Weiten des Alls.

Am nächsten Tag müssen wir uns von der achtstündigen Tour erst mal ein bisschen erholen. Den einen tun die Knie weh, andere haben Muskelkater oder Blasen, aber alle sind stolz auf ihre Leistung und begutachten gegenseitig die Fotos auf ihren Digitalkameras. Im Übrigen kann man sich kaum einen entspannteren Ort als das kleine Dorf Stromboli zur Erholung vorstellen (Insel, Berg und Dorf tragen denselben Namen). Malerisch schmiegt es sich an den Hang des mächtigen Vulkankegels. Vor ihm liegen das tiefblaue Meer mit dem kristallklaren Wasser, die schwarzkieseligen Lavastrände und das steile vorgelagerte Inselchen Strombolicchio mit seinem strahlend weissen Leuchtturm.

Das Dörfchen Ginostra im Südwesten der Insel
Das Dörfchen Ginostra im Südwesten der Insel ist noch sehr ursprünglich. Nur gerade 28 Menschen leben hier.

Hinter Strombolicchio fällt der Meeresgrund abrupt steil ab, denn der Teil der Insel, der aus dem Wasser ragt, macht nur gerade einen Drittel des Vulkans aus. Vom Meeresboden her gemessen, ist er fast 2700 Meter hoch, und die gut 500 Bewohner der Insel leben sozusagen auf der Spitze des unruhigen Feuerbergs. Die meisten wohnen im Dorf Stromboli, aber auf der anderen Seite der Insel, nur per Boot oder zu Fuss über den Vulkangipfel hinweg zu erreichen, gibt es noch das Dörfchen Ginostra, in dem laut einem lokalen Bootsführer «28 Menschen und 5 Esel» leben. Wer es richtig einsam mag, der geht dorthin.

Die Inseljugend vergnügt sich am Hafen.
Die Inseljugend vergnügt sich am Hafen.

Die meisten Gäste aber sind durchaus froh über die zivilisatorischen Annehmlichkeiten, die das langgestreckte Dorf Stromboli bietet: kleine Mittelklassehotels, viele Restaurants und Bars, die unvermeidlichen Souvenirshops, zwei, drei kleine Läden. Ab und zu findet man sogar Lokale mit Wi-Fi, wo man auf dem Smartphone mal seine E-Mails checkt oder schauen kann, was im Rest der Welt gerade so passiert. Wer aber ständig online sein muss, für den ist Stromboli eine eher schwierige Destination.

Umso mehr befinden sich Geniesser der italienischen Küche am richtigen Ort. Auf den Teller kommen fangfrischer Fisch und Meeresfrüchte sowie Pizza- und Pastaklassiker aller Art. So kann man problemlos ganze Tage auf der kleinen Insel verplempern: faulenzen, lesen, die Seele baumeln lassen, zur Abwechslung im Meer schwimmen oder mit dem Kajak um die Insel paddeln. Abends spaziert man dann durch das hübsche Dorf mit seinen kleinen Gässchen, in dem jeder jeden kennt und stets zu einem kleinen Schwatz bereit ist.

Eva Breitenstein zum Beispiel kann kaum hundert Meter gehen, schon wird sie in ein Gespräch verwickelt. Die 56-jährige Schweizerin lebt seit 30 Jahren auf der Insel und war bereits 1966, im zarten Alter von neun Jahren, erstmals dort. «Meine Eltern kamen damals mit mir hierher. Wir reisten gemeinsam mit zwei anderen Familien nach Stromboli, weil italienische Nachbarn in der Schweiz dafür geworben hatten, dass man hier günstig ein Häuschen kaufen könne.»

Eva Breitenstein im Schneidersitz auf der Terasse mit Meerblick.
Eva Breitenstein hat die Entwicklung der Insel seit 1966 miterlebt.

Das taten die drei Familien aus Reinach BL dann auch; jede kaufte sich ein heruntergekommenes kleines Haus, und fortan ging es jedes Jahr ins damals noch richtig wilde Stromboli in die Ferien. «Zu Beginn war das eine echte Abenteuerreise, die immer gut zwei Tage dauerte.» Eva (alle auf Stromboli nennen sie so) wohnt noch heute in dem Haus im Ortsteil Piscità, das inzwischen ausgebaut und schön renoviert ist.

Das Leben ist günstig, erfordert aber eine gewisse Genügsamkeit

Von ihrer Dachterrasse aus hat sie einen 360-Grad-Blick: auf das Meer, das Dorfzentrum mit der prächtigen Kirche und natürlich auf den Vulkan. «Wenn ich hier oben sitze, fühle ich mich wie die Wächterin von Stromboli – ich habe alles im Blick», sagt Eva, lacht und zündet sich eine selbstgedrehte Zigarette an.

Als junge Frau begann sie in Basel zu studieren, verbrachte aber immer einige Wochen auf Stromboli. «Das Studium kam irgendwann nicht mehr so recht voran, da dachte ich: Warum drehe ich das nicht einfach um?» So zog sie 1983 mit 26 Jahren fest nach Stromboli. Bald schon lernte sie einen Einheimischen kennen, kurz darauf kam Tochter Milena zur Welt, fünf Jahre später Sohn Manuel. «Ich war Hausfrau und Mutter und voll ausgelastet», erzählt Eva.

Die malerischen Gässchen des Hauptorts Stromboli.
In den malerischen Gässchen des Hauptorts Stromboli finden sich gute Restaurants, Souvenirshops und Unterhaltung.

«Das Leben hier ist günstig, aber man braucht auch eine gewisse Genügsamkeit.» Die Auswahl an Produkten etwa ist nicht besonders gross, und die Insel ist auf Lebensmittel- und Süsswasserlieferungen vom Festland angewiesen. «Aber wenn das Meer zu wild ist, können die Schiffe hier nicht anlegen, manchmal eine ganze Woche lang. Dann kann es auch mal eng werden.» In solchen Situationen rationiert Eva dann streng den Wasserverbrauch im Haus. «Mir tut es immer in der Seele weh, wenn ich sehe, wie andernorts Wasser einfach so verschwendet wird.»

Die Strombolaner sind von den Launen des Vulkans abhängig

Mit einem gewissen Missmut beobachtet sie auch die fortschreitende Kommerzialisierung auf der Insel. «Mehr und mehr kommen die Leute per Boot, hetzen auf den Vulkan, machen ihre Fotos, hetzen wieder runter und fahren weiter – ohne sich mit der Insel oder ihren Menschen auseinanderzusetzen, geschweige denn mit ‹ihm›.»

Er, das ist der Vulkan, der von den Bewohnern Strombolis im Gespräch wie eine Person behandelt wird, eine ständige Präsenz, von dessen Launen auch ihr Leben abhängt. Wenn er zu lange still ist, dann ist etwas im Anzug. Dann staut sich die Lava im Inneren und muss irgendwann in einer gewaltigen Explosion raus. Die beiden letzten grösseren Zwischenfälle ereigneten sich 2003 und 2007.

Es war fantastisch, auf Stromboli gross zu werden. Die Insel ist ein einziger riesiger Abenteuerspielplatz – Manuel Breitenstein

Seit jenen Ausbrüchen, bei denen grosse Steinbrocken und Lavaströme den Ortschaften bedrohlich nahe kamen, steckt der Berg voller Messinstrumente. «Der Stromboli gehört zu den am besten überwachten Vulkanen überhaupt», sagt Andrea Ercolani. Auch die ETH Zürich hat zwei Seismografen am Berg. Und die Menschen, die hier leben, haben sich mit seinen Launen arrangiert – sie kennen es nicht anders. Milena und Manuel etwa, Evas Kinder, die beide auf Stromboli aufgewachsen sind.

Evas Tochter Milena vor dem Haus.
Evas Tochter Milena wird bald als Sommelière zu neuen Ufern aufbrechen.

«Es war fantastisch, hier gross zu werden», sagt Manuel (20). «Die Insel ist ein einziger riesiger Abenteuerspielplatz.» Milena (25) empfindet es genauso. Sie hat einige Jahre lang auf dem Festland gewohnt und sich dort zur Sommelière ausbilden lassen. Im Februar aber ist sie für die Sommersaison zurückgekehrt; derzeit arbeitet sie in einem Ristorante. «Ab Herbst werde ich versuchen, eine Stelle als Sommelière zu finden – oder zumindest einen Einstieg als Praktikantin.» Ihre Traumdestination dafür ist Frankreich. «Ich liebe Stromboli, aber ich muss zugeben: Die Rückkehr im Februar war hart. Im Winter ist es hier nicht besonders attraktiv, es fühlt sich dann an wie in einer Geisterstadt.»

Evas Sohn Manuel auf dem Vulkan
Evas Sohn Manuel ist am liebsten ganz alleine oben auf dem Vulkan.

Manuel hat derweil das Vulkanfieber gepackt. «Ich will Vulkanbergführer werden und auf der ganzen Welt Vulkane besteigen.» Vorerst ist er auf Stromboli als Hilfsbergführer im Einsatz. Am liebsten aber geht er ganz allein hoch, in der Nebensaison, wenn er den Vulkan für sich hat. Auch er hat eine Zeitlang auf dem Festland gewohnt, für Schule und Studium. Aber die Situation für Studienabgänger ist in Italien derzeit schwierig.

Hinzu kommt: «Das Leben in der Stadt ist nichts für mich. Es ist alles viel zu hektisch und zu anonym.» Manuel hat die Insel vermisst. «Ich bin mit dem Meer und dem Vulkan aufgewachsen, ich kann nur glücklich sein, wenn ich beides habe.» Der junge Mann will zwar hinaus und die Welt kennenlernen, aber eines ist klar: Seine Wege werden ihn immer wieder nach Stromboli zurückführen.

Diese Reportage wurde unterstützt von Suja Reisen Zürich, Air Berlin, Enit Zürich und Federalberghi Isole Eolie.

Bilder: Paolo Dutto

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