17. Januar 2020

Stressige Tage in Davos

Während des WEF herrscht Ausnahmezustand in Davos GR – auch im Migros-Restaurant. Dessen Leiterin Melanie Spaqi bleibt gelassen, selbst wenn ein waschechter Staatspräsident vor ihr an der Kasse steht.

Melanie Spaqi
Melanie Spaqi leitet das Migros-Restaurant in Davos.

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro machte vergangenes Jahr landesweit Schlagzeilen, weil er während des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos mit seiner Entourage im Migros-Restaurant speiste. Wie ein gewöhnlicher Kunde stand er in der Schlange beim Selbstbedienungsbuffet und an der Kasse. «Ich habe selbst bei ihm einkassiert», erinnert sich Melanie Spaqi, Leiterin des Restaurants, «aber ich habe gar nicht realisiert, wer da vor mir steht. Der Stress ist jeweils so gross, dass man gar keine Zeit hat, die Gäste genau anzuschauen.»

Erst als plötzlich Medienleute hinter ihr standen, fotografierten und ihr Fragen stellen wollten, realisierte sie, dass das wohl ein besonderer Gast gewesen sein musste. «Ich habe aber keine Interviews gegeben und an unsere Medienstelle verwiesen.» Bolsonaros Besuch im Selbstbedienungsrestaurant wurde auch in Brasilien rasch verbreitet. Der global ziemlich umstrittene Rechtspopulist habe damit wohl seinem Volk demonstrieren wollen, wie sparsam er sei, vermuteten Beobachter. Tatsächlich hatte er die teuren Preise in Davos kritisiert, besuchte das Migros-Restaurant dann aber doch nur dieses eine Mal.

Jair Bolsonaro im Migros-Restaurant
Jair Bolsonaro am Buffet
Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro im Davoser Migros-Restaurant während des WEF 2019. (Bilder: Alan Santos/PR)

Spaqi war im Voraus sogar angefragt worden. «Ein Polizist kam zwei Stunden zuvor vorbei und fragte, ob wir eine Reservation für 20 Personen machen könnten», erzählt sie. «Aber so etwas gibts bei uns nicht. Ich habe gesagt, er solle lieber schon vor 12 Uhr kommen, dann gebe es bessere Chancen auf Plätze.» Sie habe allerdings auch nicht wirklich realisiert, wer da komme, denn der Polizist habe nur den Namen genannt, den sie nicht erkannt habe.

Eine Sonderbehandlung gibts nicht

Ihres Wissens war Jair Bolsonaro bisher der einzige prominente WEF-Besucher, seit das Davoser Migros-Restaurant im Sommer 2015 eröffnet worden ist. «Aber vielleicht habe ich die anderen nur nicht erkannt», sagt die 39-jährige Deutsche lachend. Seit 2003 lebt und arbeitet sie in Davos. Hätte sie denn einen Wunschgast, Kanzlerin Angela Merkel vielleicht? Spaqi schüttelt den Kopf. «Nein, aber es kann jeder gerne kommen. Auch Donald Trump. Er darf einfach keine Sonderbehandlung erwarten.»

Diese Maxime gilt auch für das Angebot und die Preise des Migros-Restaurants. Während viele andere Wirte und Hoteliers die Gunst der Stunde nutzen und ihre Preise während des WEF erhöhen, bleibt bei Spaqi alles wie immer. Die Bratwurst mit Pommes frites und Zwiebelsauce kostet 12.80 Franken, egal was für Veranstaltungen gerade laufen. «Es kommen auch viele Einheimische zu uns, die würden nicht verstehen, wenn wir plötzlich fünf Franken teurer wären.»

Wichtige Staatsgäste kommen oft mit dem Helikopter
Wichtige Staatsgäste kommen oft mit dem Helikopter ans WEF. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

So gehört das Migros-Restaurant, das schräg gegenüber des Kongresszentrums an der Davoser Hauptverkehrsachse liegt, wohl zu den günstigsten Optionen für eine warme Mahlzeit während des WEF. Entsprechend gut besucht ist es auch. Es gibt Firmen, die im Voraus Kontingente für ihre Mitarbeitenden arrangieren, die dann mit Gutscheinen an der Kasse bezahlen. Für die Angestellten des Restaurants jedoch gibt es keine stressigere Zeit im Jahr, auch wenn das Personal jeweils von 12 auf 18 aufgestockt wird. 

Ohne Schwiegermutter ginge es nicht

Spaqi fängt während des WEF morgens um 7 an und verlässt das Lokal gegen 22 Uhr, wenn es gut geht. Ihre Stellvertreterin bleibt bis zum Betriebsschluss um 23 Uhr. «Viel mehr als Arbeiten und Schlafen gibts an diesen Tagen nicht.» Ihrem albanischen Mann, der in einem Davoser Hotel ebenfalls im Gastrobereich tätig ist, geht es ähnlich. «Würde sich meine Schwiegermutter im Winter nicht um unsere drei Töchter kümmern, würde das niemals funktionieren.»

Während des WEF wohl eine der günstigsten Optionen für eine warme Mahlzeit
Während des WEF wohl eine der günstigsten Optionen für eine warme Mahlzeit in Davos. (Bild: Andy Mettler)

Spaqi hatte zuvor schon in Deutschland in der Hotellerie gearbeitet und sich 2003 nach dem Tipp einer Freundin in Davos in einem Hotel beworben. «Eigentlich war nur eine Saison geplant, aber irgendwie bin ich dann hängen geblieben.» Die Familie wohnt im Dorfzentrum, nur gerade fünf Minuten entfernt von der Bahn, die aufs Jakobshorn führt. Was sie im Winter auch rege nutzen. «Es ist schön, hier zu leben, gerade auch für Kinder.»

Und zum Glück ist es nicht immer so stressig wie während des WEF und in der Winterhochsaison. Nach Ostern entspannt sich die Lage. Richtig ruhig ist es während der Frühlingsferien. «Dann gehen auch viele Davoser auf Reisen.»

World Economic Forum in Davos: 21.–24. Januar

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