24. April 2019

Streiten ohne Eltern

Erwachsene sollten sich meist nicht in Konflikte der Kinder einmischen. Der Nachwuchs klärt den Krach besser.

Kinder kämpfen beim Fussball nicht nur um den Ball
Manchmal kämpfen Kinder beim Fussball nicht nur um den Ball. (Bild: Getty Images)

Zwischen den beiden Freunden Noah (7) und Yannis (8) herrscht dicke Luft. Sie kehren von der Schule nach Hause zurück, und jeder schimpft über den anderen. Nichts Besonderes, könnte man meinen, Konflikte gehören zum Leben. Die beiden werden sich schon wieder vertragen. Doch der Fall wird kompliziert, denn die Mütter der beiden Buben kriegen sich in die Haare. Yannis’ Mutter geht ruhig und mit Distanz an die Situation heran und sucht das Gespräch mit Noahs Mutter. Doch diese reagiert mit offenen Schuldzuweisungen. Wie eine Löwin nimmt sie den Sohn in Schutz. Was tun?

Der Zürcher Psychologe und Pädagoge Allan Guggenbühl erkennt in der massiven Einmischung von Eltern in die Welt ihrer Kinder eine Form der Verwöhnung. «Das kann kontraproduktiv sein. Kinder sind dann weniger bereit, selber Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen», schreibt Guggenbühl im Buch «Für mein Kind nur das Beste».

Beschuldigungen helfen nicht
Natürlich wollten Eltern für ihre Kinder das Beste, sagt die Kinder- und Jugendcoachin Pascale Erni. Doch in unserem Beispiel schiesse eine Mutter über das Ziel hinaus. «Eine Beurteilung des Streits oder gar Schuldzuweisungen sind schon mal völlig unnötig», sagt die Pädagogin, die in Aarau eine eigene Praxis führt. Solange nicht Mobbing oder Gewalt im Spiel seien, sollten Eltern sich nicht einmischen. «Idealerweise tragen Kinder ihre Konflikte selbst aus.»

Scheint der Streit das Kind jedoch zu belasten, sollten die Eltern vorsichtig Hilfe anbieten (siehe unten). «Wenn eine Notsituation erkennbar ist, muss man das ernst nehmen», so Erni.

In den meisten Fällen klären Kinder ihre Konflikte selbst nicht nur besser, sondern oft sogar schneller, als manche Eltern glauben, hat Erni beobachtet. «Zwischen den Buben oder Mädchen herrscht manchmal schon wieder Frieden, während die Erwachsenen noch streiten», sagt sie und schmunzelt. Es sei für ein Kind eine wichtige Lernerfahrung, selbst zur Lösung beizutragen, so die Pädagogin. «Es stärkt sein Selbstvertrauen weitaus mehr als eine Mutter, die sich ungefragt in seine Konflikte einmischt.» 

Buchtipp: «Für mein Kind nur das Beste», Allan Guggenbühl, Orell Füssli, 2018, erhältlich bei exlibris.ch

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