28. Januar 2019

Stimmung machen für gutes Klima

Tausende Jugendliche in der ganzen Schweiz legen die Schulbücher zur Seite, greifen sich Plakate mit Parolen und gehen auf die Strasse. Diesmal wollen sie nicht die Welt verändern. Sie wollen sie retten – mit Klimastreiks.

Jugendliche demonstrieren für eine griffige Klimapolitik.
Inspiriert von der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg und bewegt vom Klimawandel: Schweizer Schülerinnen und Schüler demonstrieren in Zürich. (Bilder: Walter Bieri/Keystone, Valentin Flauraud/Keystone, zVg)
Lesezeit 3 Minuten

Die 16-jährige schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hat weltweit Jugendliche inspiriert. Sie gehen auf die Strasse und demonstrieren gegen die Untätigen. Ihr Funke hat auch in der Schweiz gezündet: 20 000 Schülerinnen und Schüler streikten am 18. Januar. Bereits mobilisieren sie für die nächste Demonstration am 2. Februar.

Für den Politologen Michael Hermann sind die Klimastreiks bemerkenswert, weil die ganz Jungen aufstehen. Im Gegensatz zur 68er-Bewegung oder zu den 80er-Unruhen bestünden keine verhärteten Fronten zwischen Jung und Alt. Die etablierten Parteien zeigten sich gesprächsbereit. «Gerade im Wahljahr ist es für Politiker attraktiv, sich mit Jugendlichen zu schmücken.»

Öffentlicher Druck könne politische Wirkung zeigen, so Hermann. Als Beispiele nennt er, dass der Bundesrat auf die geplante Lockerung für Waffenexporte verzichtet hat. Oder dass grosse Betriebe künftig prüfen müssten, ob sie Männern und Frauen gleich viel bezahlen.

Von der Strasse auf die politische Agenda

Noch handelt es sich in den Augen des Experten aber nicht um eine Volksbewegung, da mehrheitlich links­orientierte Gymnasiasten protestierten. «Trotz der Energie, die da ist, besteht die Gefahr, dass die Bewegung versandet.» Sobald weniger Menschen auf die Strasse gingen, nehme die öffentliche Aufmerksamkeit schnell ab.

Michael Hermann rät den Jugendlichen, für ihr Anliegen neue Wege zu gehen, beispielsweise eine Lobby-Organisation zu gründen. «So rücken ihre Forderungen stärker in den Fokus als die jungen Leute selber als Phänomen.»

Wir können etwas bewirken

PAULA GÜNTHER (16), Gymnasiastin Bern
Paula Günther
Paula: «Wir können etwas bewirken»

Was hat dein Engagement ausgelöst?
Am ersten Klimastreik habe ich teilgenommen, weil ich auf Instagram und Snapchat den Aufruf gesehen habe. Der war auch Thema im Klassenchat und 13 Mitschüler aus meiner Klasse sind gegangen. Dafür sensibilisiert sind wir, weil wir im Geografieunterricht den Klimawandel bearbeitet haben. Als ich durch Bern marschiert bin und mit ganz vielen anderen skandiert habe «system change, not climate change!», war ich berührt. Seither glaube ich: Wir können etwas bewirken.

Wie bist du politisiert worden?
Wir sprechen zu Hause viel über Politik.

Wie reagiert dein Umfeld auf die Demonstrationen?
Die Schulleitung hat uns für den Klimastreik dispensiert, dafür müssen wir eine Lektion zum Thema bestreiten. Meine Eltern finden es eine gute Sache. An die nächste Demo möchten auch meine 14-jährige Schwester und mein 10-jähriger Bruder mit.

Was machst du im Alltag fürs Klima?
Ich esse kein Fleisch, ausser ich bin eingeladen. Ich konsumiere ­weniger andere tierische Produkte. Ich versuche, ­keine Kleider in Billigläden zu kaufen. Manchmal kann ich bei einem richtig coolen Stück nicht verzichten, dann bin ich aber ehrlich zu mir und gestehe mir bewusst eine Ausnahme zu. Statt mich von den Eltern mit dem Auto irgendwo hinfahren zu lassen, nehme ich den öV.

Wie geht es weiter?
Ich werde mich an weiteren Streiks beteiligen und hoffe, dass die Leute mehr übers Klima reden und bewusster leben. Ziel ist, dass sich die Politik dem Thema annimmt. Dass ich erst mit 18 wählen und abstimmen darf, frustriert mich.

Wo siehst du deine berufliche Zukunft?
Ich möchte wahrscheinlich klassischen Gesang oder etwas in Richtung Naturwissenschaften studieren, vielleicht sogar Politikerin werden.

Mit Parlamentariern in Kontakt

NADIA KUHN (18), Gymnasiastin Zürich
Nadia Kuhn
Nadia: «Mit Parlamentariern in Kontakt»

Was hat dein Engagement ausgelöst?
Die Klimakrise beschäftigt mich schon länger, und der vergangene Hitzesommer hat mein Unbehagen noch verstärkt. Das Thema war für mich lange mit einem Gefühl der Ohnmacht verbunden. Der erste Klimastreik am 14. Dezember in Zürich hat mir Mut gemacht: Leute aus meiner Schule haben ihn mitorganisiert. Fast die ganze Klasse ist hingegangen.

Wie bist du politisiert worden?
Ich hatte immer schon ein starkes Gerechtigkeitsgefühl und mische mich ein, wenn jemand diskriminiert wird. Im Elternhaus diskutieren wir viel und sind uns oft nicht einig. Im Sommer 2015 brachten mich Meldungen über überfüllte Flüchtlingslager und im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge dazu, der Juso beizutreten. Deshalb habe ich eine Zeit lang Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet.

Wie reagiert dein Umfeld auf die Demonstrationen?
Seit neun Jahren bin ich Vegetarierin und verzichte weitgehend auf tierische Produkte. Ich fliege nicht und kaufe meine Kleider – ausser Unterwäsche – in Secondhandläden.

Was machst du im Alltag fürs Klima?
Ich esse kein Fleisch, ausser ich bin eingeladen. Ich konsumiere weniger andere tierische Produkte. Ich versuche, keine Kleider in Billigläden zu kaufen. Manchmal kann ich bei einem richtig coolen Stück nicht verzichten, dann bin ich aber ehrlich zu mir und gestehe mir bewusst eine Ausnahme zu. Statt mich von den Eltern mit dem Auto irgendwo hinfahren zu lassen, nehme ich den öV.

Wie geht es weiter?
Seit der Nationalrat das CO2-Gesetz zurückgewiesen hat, halten wir den Druck auf der Strasse aufrecht und versuchen, mit Parlamentariern in Kontakt zu kommen. Die Juso hat das Umweltthema als Schwerpunkt definiert.

Wo siehst du deine berufliche Zukunft?
Nach der Matura im Sommer möchte ich studieren: Umweltwissenschaften, Soziologie, Volkswirtschaftslehre oder Geschichte.

Unser Recht auf Zukunft!

PHILIPPE KRAMER (18), Gymnasiast Basel
Philippe Kramer
Philippe: «Unser Recht auf Zukunft!»

Was hat dein Engagement ausgelöst?
Der Gedanke, dass wir sofort und unbedingt eine griffige Klimapolitik brauchen, war schon länger in meinem Kopf. Mit Greta und dem Streik in Zürich ist bei mir der Funke gesprungen. Via Instagram habe ich mich informiert, wie man in Zürich vorgegangen ist und war dann Mitinitiator in Basel.

Wie bist du politisiert worden?
Ich war schon immer politisch interessiert. Als Chefredaktor eines Schülermagazins greife ich regelmässig politische Themen auf.

Wie reagiert dein Umfeld auf die Demonstrationen?
Nur positiv. Einzig den Lehrpersonen sind die Hände gebunden. Und klar, für manche Schülerinnen und Schüler bedeutet Schule einfach: hinhocken und etwas vorgesetzt bekommen – und nicht handeln.

Was machst du im Alltag fürs Klima?
Ich habe viel zu tun für die Bewegung: Ich helfe, die nächsten Aktionen zu planen und schreibe Medienmitteilungen. Im Alltag bemühe ich mich, die Ressourcen zu schonen. Wenn es ums Klima geht, sind Einzelaktionen zwar wichtig, aber wir brauchen die ganze Gesellschaft: Gemeinden, Städte und natürlich Nationen müssen jetzt schlaue Regeln entwickeln.

Wie geht es weiter?
Wir hören so schnell nicht auf. Beginnt man mal alles durchzudenken, wird klar: Es geht nicht nur ums Klima, es geht auch um unsere Wirtschaft und Gesundheit. Wir Jungen haben ein Recht auf eine Zukunft!

Wo siehst du deine berufliche Zukunft?
Im Sommer habe ich die Matura. Danach würde ich gerne journalistisch arbeiten oder Soziologie studieren.

Wir halten den Druck aufrecht

DOMINIC TRUXIUS (16), Gymnasiast St. Gallen
Dominic Truxius
Dominic: «Wir halten den Druck aufrecht»

Was hat dein Engagement ausgelöst?
Die Ignoranz der Politiker weltweit. Und Gretas Mut. Die Streikenden in Zürich haben mich inspiriert, auch in der Ostschweiz Demos zu organisieren.

Wie bist du politisiert worden?
Das Gefälle von Arm und Reich und das Aufkommen des Faschismus in Europa beschäftigen mich seit zwei Jahren. Ich bewege mich in einem Freundeskreis, der sich Gedanken macht.

Wie reagiert dein Umfeld auf die Demonstrationen?
Meine Familie stärkt mir den Rücken, meine Freunde loben und unterstützen mich. In der Schule sind die Meinungen gespalten: Manche Lehrpersonen schätzen, was wir machen, andere halten uns einfach für faul. Dass ich im Matura-Zeugnis unentschuldigte Absenzen haben werde, hält mich nicht von den Streiks ab.

Was machst du im Alltag fürs Klima?
Ich trage nur Kleider aus zweiter Hand, vieles vom Papa finde ich cool. Statt mit der Familie nach Mallorca zu fliegen, habe ich letzten Sommer Hüttenferien in der Schweiz gemacht.

Wie geht es weiter?
Wir werden den Druck auf die Politikerinnen und Politiker mit Streiks aufrechterhalten, bis sie Lösungen präsentieren. Die positive Dynamik möchten wir ausnutzen.

Wo siehst du deine berufliche Zukunft?
Nach der Matura möchte ich erst einmal ein, zwei Jahre arbeiten, gerne im sozialen Bereich.

Meine Mutter findet es toll

KRISTINA SCHÄRER (16), Gymnasiastin Aarau
Kristina Schärer
Kristina: «Meine Mutter findet es toll»

Was hat dein Engagement ausgelöst?
Ich habe mich schon immer für Umweltfragen interessiert. Dann habe ich von Greta Thunberg gelesen, ihre Rede an der Uno-Klimakonferenz in Polen hat mich inspiriert.

Wie bist du politisiert worden?
Zuvor war ich noch nie politisch aktiv und auch nicht sonderlich gut informiert. Manche Themen habe ich zu Hause mitgekriegt, andere in der Schule.

Wie reagiert dein Umfeld auf die Demonstrationen?
Mein Vater findet sie okay, meine Mutter toll. Für den ersten Streik hat uns die Schule die Absenzen bewilligt, bei weiteren wird es wahrscheinlich Konsequenzen geben. Aber das kümmert mich nicht.

Was machst du im Alltag fürs Klima?
Ich bin seit vier Jahren nicht mehr geflogen. Letzten Sommer habe ich meine Familie überredet, mit dem Zug nach London zu reisen. Ich habe das GA und bin mit dem öV unterwegs. Meinen Fleischkonsum habe ich reduziert, und ich versuche, so wenig Plastik wie möglich zu verwenden. Aber ich denke: Mit Einzelaktionen kommen wir nicht weit: Die Politik ist gefragt.

Wie geht es weiter?
Weitere Streiks und Demos sind geplant, wir sind noch in der Aufbauphase. Aber: Es wird weitergehen!

Wo siehst du deine berufliche Zukunft?
Ich mache erst in drei Jahren die Matura. Vielleicht möchte ich Ärztin werden oder Umweltwissenschaften studieren.

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