21. Juni 2018

Stille Zugabe

Die Berner Sängerin Jaël (38) ist seit Silvester Mutter von Eliah. Bald steht sie am Montreux Jazz Festival auf der Bühne - und hat Bammel, wie der Kleine ihren Auftritt meistern wird.

Jaëls Sohn Eliah am Booklet anschauen
Eliah bereitet sich aufs Montreux Jazz Festival vor.
Lesezeit 2 Minuten

Rückblick: Am 9. Juni 2017 stehe ich mit dem litauischem Klaipėdos Kamerinis Orkestras auf der Klangantrisch Festival Bühne. Ich bin im dritten Monat schwanger und kämpfe vor dem Auftritt mit Übelkeit und Schwindel. In derselben Woche habe ich drei Konzerte mit einem englischen Künstler und komplett anderem Programm. Beiden sind viele Probestunden vorausgegangen.

Montags darauf sitze ich schweissgebadet für den Ersttrimestertest im Wartezimmer des Gynäkologen, erfüllt von schlechtem Gewissen und Angst, ich hätte mit dem Stress der letzten Wochen dem Würmlein in meinem Bauch geschadet. Beim ersten Aufleuchten des Ultraschall-Bildschirms erblicke ich das schlagende Herzlein. Tränen der Erleichterung und Rührung fliessen über meine Backen. Kurz danach springen mein Mann und ich ins 17 Grad kalte Nass; Eliahs erster «Aareschwumm».

Ein Jahr später ist mein Leben von Buebli auf den Kopf gestellt. Und obwohl ich ihm zuliebe in diesem Jahr beruflich kürzertrete, blicke ich einem Meilenstein meiner Karriere entgegen. Dass ich eingeladen wurde, am diesjährigen Montreux Jazz Festival mit anfangs erwähntem Orchester mein «Orkestra»-Programm erneut zu singen, freut und ehrt mich gleichermassen. Nach zwanzig Jahren Bühnendasein fühlt sich das an wie der Ritterschlag.

Natürlich will ich an dem Abend glänzen. Ich erkläre Eliah, dass ich mein Repertoire, das in den letzten Monaten primär aus Kinderliedli bestand, um einige Stücke erweitern müsse und nehme ihn im Ergo mit auf die Reise singend durchs Wohnzimmer.

Er findets zuerst mässig lässig und gönnt mir nur ein paar Minuten täglich, bevor wieder Wichtigeres wie Gugus-Dada überhandnimmt. Nach drei Wochen Üben jedoch verstummt er bereits bei den ersten Klängen meiner CD und schaut mich erwartungsvoll an. Wenn ich mitsinge, strahlt er übers ganze Gesicht und «singt» (okay - daran muss noch gearbeitet werden …) die zweite Stimme. «Orkestra» mutiert zum neuen Ass im Ärmel, um Buebli zu beruhigen.

Nun bleibt zu hoffen, dass der Gourmet, der keine abgepumpte Milch akzeptiert, friedlich vor dem Konzert einschlafen und erst wieder aufwachen wird, wenn die Ritterin zurückkehrt. Dann wirds im Hotelzimmer eine (stille) Still-Zugabe geben.


Jaëls Videoporträt:

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