14. Mai 2018

Stell dir Brot vor!

Bänz Friedli hat einen richtig guten Tipp erhalten. Hier findest du die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(inne)n austauschen.

Brot
Hilft gegen Rührung: Brot.

Manchmal ist man ja froh, wenn andere mit ähnlichen Peinlichkeiten ringen. Mir zum Beispiel ist es peinlich, dass ich ob grosser Sportmomente stets gerührt bin. Besonders wenn die Hymne erklingt. Dann kräuselt sich eine feierliche Ergriffenheit die Nase empor, in den Nacken hinunter und bis ins Mark – ob ich will oder nicht. (Und da steht uns heuer mit der Entscheidung in der Eishockey-WM, mit Leichtathletik-EM und Fussball-WM noch einiges bevor!) Nun hat Steffi Buchli mir erzählt – ja, die Steffi Buchli, die Quirlige vom Fernsehen, die so kompetent und so lustig ist –, ihr kämen ob jeder Hymne die Tränen. Egal welche Sportart, egal welche Nation: Sie sei eine «Hymnenheulerin». Umso peinlicher, wenn das live auf Sendung geschehe.

Warst du je an einer amerikanischen Sportstätte? Dort wird vor jeder «Hundsverlochete» die Hymne gesungen, nicht nur bei Länderspielen und Finals. Nein, vor jeder noch so provinziellen Begegnung erklingt «The Star Spangled Banner», vorgetragen wahlweise von der besten Gesangsschülerin der Highschool am Ort oder von einer lokalen Country-Grösse. Ich habe es einige Male erlebt: Da kann man ein noch so differenziertes Verhältnis zu Land und Leuten haben, es geht durch Mark und Bein. Ähnlich ist es, wenn die italienische Fussballnati aus voller Kehle «Fratelli d’Italia» intoniert. Am feurigsten tat dies «Gigi» Buffon. Wenigstens diese Tränen bleiben mir diesen Sommer erspart …

Die liebe Steffi nun wusste Rat. Man müsse sich in solch einer Situation einfach Brot vorstellen. «Wie bitte, Brot?!» – «Ja, Dinkel-, Vollkorn-, Weiss- oder Ruchbrot, es spielt keine Rolle, und die Tränen der Rührung bleiben aus.» Der Tipp kommt mir äusserst zupass, bin ich doch so eine Heulsuse, dass meine Familie schon gar nicht mehr mit mir ins Kino will. Es reicht, dass ich am Radio «Träne» höre. Dann arbeitet ein Teil meines Gehirns, der vernunftbegabte – und das ist bestimmt der kleinere Teil –, daran, zu analysieren, aus welchen Titeln der Song collagiert ist: «Hey Jude», «Stets i Truure» und … Nun gewinnt der andere Teil Oberhand, es kräuselt in meinem Nasenflügel, und das Augenwasser setzt ein.

Ich muss mir ein Brot vorstellen! Es funktioniert, habs beim nächstbesten Film ausprobiert. Nur fiel mir beim Stichwort Brot unweigerlich «Bernd das Brot» ein, die genialische Trickfigur, einst erfunden, um die Sendepausen des Kindersenders KiKA zu überbrücken: ein depressives Brot, das sprechen kann. Und nun kamen mir während der schönsten Rührszene doch noch die Tränen: vor Lachen.

Bänz Friedli live: 16. Mai Luzern (Lesung), 17. Mai Zofingen AG

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