17. Mai 2018

Steile Berge und 297 Seen

Die Trentiner nennen ihre Heimat kleines Finnland. Die norditalienische Provinz hat ausser Wasser und Felswänden noch mehr zu bieten: Kultur und feines Essen. Und fast alle Outdoorsportarten kann man hier ausüben.

Klein aber ein Sportler-Spot: Auf dem Lago di Ledro kann man unter anderem Stand-Up-paddeln.
Klein aber ein Sportler-Spot: Auf dem Lago di Ledro kann man unter anderem Stand-Up-paddeln.
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Wer eine wirklich spektakuläre Ankunft im Trentino erleben will, wählt die Anfahrt mit dem Zug von Innsbruck kommend über den Brenner. Es ist schwer, sich dem Zauber des Moments zu entziehen, wenn sich das Tal bald nach dem Passübergang plötzlich öffnet und – etwa jetzt im Frühling – den Blick auf Hunderte von blühenden Apfelbäumchen freigibt. Die Verschmelzung von alpinem Raum und mediterraner Lebensart macht die landschaftlichen, kulinarischen, aber auch kulturellen Reize der italienischen Provinz Trentino aus. Hauptstadt der Region nördlich des Gardasees ist Trento (auf Deutsch Trient), gleichsam Eingangspforte in den Süden Richtung Gardasee und Po-Ebene.

Auch nachts ein Hingucker: Das Wissenschaftsmuseum Muse in Trento (Bild: Trentino Marketing)

In der Stadt darf man auf keinen Fall das Wissenschaftsmuseum Muse mit seiner aussergewöhnlichen Architektur auslassen. Das siebenstöckige Gebäude des italienischen Stararchitekten Renzo Piano steht im neuen Stadtteil Le Albere und nimmt mit seinen steil fallenden Fassaden aus Stahl und Glas die Formen der umliegenden Berge auf. Die frei im Raum hängenden Tierpräparate und das interaktive Ausstellungskonzept machen das Museum auch für Kinder attraktiv. Das Muse gehört zu den Highlights eines Trient-Aufenthaltes, insbesondere nachts, wenn es aussieht wie ein von innen heraus leuchtender Berg. Die kühne Moderne liegt etwas abseits des Zentrums am Ufer der Etsch und bildet einen reizvollen Kontrast zu den hohen Renaissancehäusern und den Gassen der nahe gelegenen Trentiner Altstadt. Auf dem Weg vom Museum in den alten Stadtkern lohnt sich ein Abstecher auf den Friedhof, den Cimitero Monumentale aus dem 19. Jahrhundert: Die alten Gräber erzählen von der wechselvollen Geschichte der Stadt zwischen Habsburger Monarchie, der Einigung Italiens und den beiden Weltkriegen.

Durch und durch italienisch: Die Altstadt von Trento – oder auf Deutsch Trient (Bild: Walter Zerla/Getty Images)

Olivenbäume dank Mikroklima

«Das Trentino ist ein kleines Paradies auf Erden», schwärmt die Schweizer Auswanderin Karin Bortolotti (51) von ihrer Wahlheimat bei einem Kaffee und einem Spaziergang entlang der Seepromenade in Riva del Garda, einem Postkartenidyll am nördlichen Zipfel des Gardasees. «Auf wenig Raum findet sich hier eine reiche Vielfalt an Naturschönheiten.» Es ist der freie Nachmittag der temperamentvollen Aargauerin aus Oftringen.

Karin Bortolotti aus Oftringen AG hat im nördlichen Italien ihr persönliches Paradies gefunden.

Sie lebt seit 1995 mit ihrem Mann Rico (61) und den beiden erwachsenen Kindern in der 2000-Seelen-Gemeinde Drò. Dort ist das Paar durch Ricos Verwandtschaft familiär verwurzelt und baut für den Eigenbedarf Oliven an. Oliven? So weit nördlich? Das ist weltweit einzigartig. Möglich machts das Mikroklima der Gardaseeregion. «Oliven werden bei uns vor allem in Riva del Garda, Drò, Torbole und Arco angebaut, und das daraus gewonnene Olivenöl hat schon etliche Preise eingeheimst», erzählt Karin Bortolotti. Hauptberuflich führt sie die Bar, Pasticceria und Gelateria Alla Piazza, die in ganz Drò für ihre hausgemachten Brote, Patisserien und Glaces berühmt ist. «Vor allem die Vielfalt gefällt mir hier», sagt Karin Bortolotti, «das Trentino bietet für jeden etwas, auch für Senioren oder Familien mit kleinen Kindern. Im Sommer kann man hier wandern, klettern, Velo fahren, mountainbiken, baden, riverraften oder windsurfen.»

Biketouren: Schotter und Aussicht

Ein Blick auf die Gäste der umliegenden Strassencafés bestätigt, dass es vor allem Aktivurlauber ins Trentino zieht. Bei Mountainbikern besonders beliebt ist die Strecke, die das 600 Meter höher gelegene Valle di Ledro mit Riva del Garda verbindet. Es sind mehrheitlich Schotterpisten, also nichts für Anfänger. Das letzte Stück auf dem Sentiero Ponale gibt ein atemberaubendes Panorama auf den Gardasee und den Monte Baldo frei. Nur wenige Hartgesottene, dem Eindruck nach gut trainierte Einheimische, wählen den umgekehrten Weg und strampeln die steilen Serpentinen Richtung Ledrotal hoch.

Die Schotterpisten zwischen dem Ledrotal und Riva del Garda eignen sich eher für geübte Mountainbiker.

Zum Glück gibts von Mittwoch bis Sonntag den BiciBus: Dieser Bike-Shuttle-Service deckt mit seinen sieben Linien das ganze Trentino ab und bedient auch das Ledrotal. Die 1851 fertiggestellte Ponale-Strasse ist heute nur noch für Biker und Wanderer offen und zählt zu den Höhepunkten einer Trentino-Reise. Die Ponale war die erste und lange einzige direkte Verbindung zwischen dem Ledrotal und dem Gardasee und gilt als Meisterleistung der Ingenieurskunst. Bis zur Eröffnung der beiden neuen Tunnels 1990 mit der verbreiterten Strasse, ächzten Autos und selbst Busse durch die engen Haarnadelkurven. Wer hinauf oder hinunter wollte, musste schwindelfrei sein, denn die Felswände am Strassenrand fallen senkrecht hinunter.

Der Sentiero Ponale: Auf dem letzten Stück öffnet sich ein atemberaubenden Blick auf den Gardasee.

Ein Eldorado für Botaniker

Die Provinz ist nicht nur von Bergen, sondern auch vom Wasser geprägt. 297 Seen gibt es im Trentino, weshalb es auch "kleines Finnland" genannt wird. Einer der schönsten ist der Ledrosee mit seinen vier Stränden im Valle di Ledro oberhalb des Gardasees. Das Tal mit seinen 13 Dörfchen ist ein idealer Ferienort für Familien und für alle, die eine gemächlichere Gangart einlegen wollen und sich nach Ruhe sehnen. Touristisches Zentrum ist das direkt am See gelegene Dorf Pieve di Ledro.

Der Lago di Ledro ist zwar nur 2,2 Quadratkilometer gross und maximal 48 Meter tief, bietet aber viele Möglichkeiten für Wassersport wie Stand-up-Paddling, Segeln sowie Kanu- oder Pedalofahren. Dank gut ausgebauter Fahrradwege kommen hier auch Biker auf ihre Kosten: Das Netz umfasst etwa 200 Kilometer. Landschaft und Vegetation sind in dieser Gegend aufgrund der Höhe von 660 Metern über Meer eher voralpin als mediterran geprägt. Eine Besonderheit des Tals und seiner Berge ist die Pflanzenwelt, die auch viele Botaniker zu Forschungszwecken herlockt. Einige Blumen sind endemisch – kommen also nur im Tremalzogebiet im Südwesten des Ledrotals vor –, 21 Blumenarten stehen sogar auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Wer beim Wandern die Augen offen hält, entdeckt Orchideen. Insgesamt 40 verschiedene Arten blühen hier

Auch Wanderer kommen im Trentino auf ihre Kosten – etwa im Valle die Ledro oberhalb des Ledrosees.

Deftige böhmische Küche

Wie im Tessin oder im Engadin ist die Trentiner Küche alpin geprägt, herzhaft und deftig. Auf den Speisekarten finden sich zum Beispiel Polenta, Kartoffelpolenta, Canederli (Knödel) oder sogar Caponec, das Trentiner Pendant zu unseren Capuns. Auch böhmische Zwetschgenknödel und Gulasch gehören dazu: Der Erste Weltkrieg hat im Ledrotal Spuren hinterlassen. Die Zivilbevölkerung wurde während des Kriegs nach Böhmen evakuiert, von dort brachte sie böhmische Rezepte mit nach Hause. Noch heute begegnet man überall in den Bergen den Ruinen von Festungsbauten aus dieser Zeit.

Zum Aperitif empfiehlt sich Picco Spritz, ein Sommergetränk aus Picco Rosso, Erdbeersirup, Prosecco oder Tonic Water. Pico Rosso ist ein hochprozentiger Erdbeer-Himbeer-Likör aus der Manufaktur Alberto Foletto in Pieve di Ledro. Die Familie führt dort die Apotheke und das Pharmaziemuseum Foletto, wo man den Likör auch kaufen kann. Ebenso sollte man nicht versäumen, einen Trentodoc zu probieren, der auch zu den Trentiner Spezialitäten zählt. Der Sekt wird nämlich nach der Champagner-Methode, das heisst im Flaschengärverfahren, hergestellt.

Und was mag Karin Bortolotti? Sie schwärmt von Carne Salada e fasoli, einer Art Carpaccio mit Borlottibohnen. Es handelt sich dabei um ein mageres Rindfleisch, das mit Salz und Gewürzen in speziellen Behältern für 20 bis 25 Tage gelagert wird. Entweder isst man es roh als Carpaccio mit Olivenöl und Parmesansplittern oder kurz angebraten und warm. Und so lautet auch Berlottis persönlicher kulinarischer Tipp an die Gäste aus dem Ausland: «Essen Sie unbedingt in einer Berghütte, und lassen Sie sich nicht von der einfachen Einrichtung abschrecken. Meistens isst man dort sehr gut.» Ihr Favorit ist das Rifugio Stivio Prospero Marchetti auf dem Monte Stivo. «Generell empfehle ich kleine Restaurants», so Bortolotti, «denn da kocht man nach Hausrezepten.»
Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt von Trentino Marketing in Trient. www.visittrentino.info/de

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