04. Januar 2018

Stehts wirklich in den Sternen?

Wenn das Leben nur so einfach wäre, wie es Horoskope suggerieren: «Liebe», «Gesundheit» und «Job» bilden die Hauptkategorien – und fast immer gehts nur bergauf. Was für viele Unfug ist, nutzen andere zur Orientierung. Das meint Religionswissenschaftlerin Hélène Coste.

Der Berner Zytglogge-Turm mit Astrolabiumsuhr
Tierkreiszeichen ziehen Menschen seit jeher in den Bann: Im Bild der Berner Zytglogge-Turm mit Astrolabiumsuhr.
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Für 2018 sind Änderungen angesagt, auch neue Chancen.» So oder ähnlich klingt es in den Horoskopen von Zeitschriften. Die meisten Leserinnen und Leser glauben nicht daran und freuen sich höchstens über zufällig Zutreffendes. Bei persönlich erstellten Horoskopen jedoch steige die Glaubwürdigkeit, sagt die Religionswissenschaftlerin Hélène Coste.

«Es geht immer darum, zukünftige Ereignisse vorauszusagen oder verborgenes Wissen aufzudecken.» Für persönliche Horoskope erstellen die Astrologen eine grafische Momentaufnahme der Himmelskörper und besprechen diese mit den Klienten. Gemeinsam wird nach Parallelen in deren Leben gesucht. «Die Wahrscheinlichkeit, solche zu finden, ist hoch», sagt Coste. Denn persönliche Horoskope seien komplex, fehlende Übereinstimmungen könnten dabei leicht mit anderen Elementen kompensiert werden.

Astrologische Beratungen werden übrigens nicht nur von esoterisch überzeugten Einzelpersonen in Anspruch genommen, sondern auch von Unternehmen. So listet etwa die bekannteste Astrologin der Schweiz, Monika Kissling alias Madame Etoile, auf ihrer Website Unternehmen wie Daimler-Chrysler oder Swisscom als Kunden auf.

Der Markt für persönliche Horoskope sei stabil, sagt Trudy Graber von Astrodata. «Trotz der Gratisangebote im Internet, die natürlich nicht dieselbe Qualität bieten wie unsere Horoskope.» Wie gross der Schweizer Markt ist, ist unklar: Über solche Zahlen spricht man in der Branche nicht.

Das Vertrauen in die Astrologie steigt, je mehr man sich damit auseinandersetzt

Hélène Coste
Hélène Coste (32) ist Religionswissenschaftlerin an der Universität Zürich. Sie ist areligiös, also nicht gläubig, steht Religionen aber wohlwollend gegenüber.

Sind Horoskope kompletter Unsinn, oder ist da etwas Wahres dran?

Es gibt keine Studie, die das Funktionieren von Horoskopen belegen würde. Die Astrologie hingegen lässt sich als Symbolsystem begreifen, allerdings haben die Symbole in der Realität keine konkrete Entsprechung. Demzufolge ist eine exakte Überprüfung von Prognosen und Deutungen ausgeschlossen.

Wie kommt es, dass Menschen trotzdem auf Horoskope vertrauen?

Zeitungshoroskope sind für die meisten eher Unterhaltung. Anders sieht es aus, wenn jemand ein persönliches Horoskop erstellen lässt. Das hängt einerseits mit der Deutungssituation zusammen: Die Astrologin oder der Astrologe liefert keine fertigen Antworten, sondern bespricht ein persönliches Horoskop eingehend mit den Klienten. Dabei wird gemeinsam nach passenden Deutungen gesucht. Andererseits sind die Aussagen in einem Horoskop immer offen ­formuliert – jeder findet darin irgendetwas, das auf ihn zutrifft. Interessant ist auch, dass das Vertrauen in die Astrologie steigt, je mehr sich jemand damit auseinandersetzt.

Horoskope werden meistens nicht aus wissenschaftlicher Neugier bestellt.

Warum?

Weil so die Grenzen und Möglichkeiten der astrologischen Prognosen besser eingeschätzt werden können. Man hat keine übertriebenen Erwartungen mehr, die enttäuscht werden könnten. Zudem werden Horoskope meistens nicht aus wissenschaftlicher Neugier bestellt oder mit dem Ziel, diese zu widerlegen, sondern weil die Menschen Fragen haben oder sich in einer Sinnkrise befinden. Sie sind offen für die Antworten, die sie aus einem Horoskop erhalten.

Ist die Astrologie nicht einfach Psychologie mit anderen Methoden?

Tatsächlich spielt die Psychologie in der zeitgenössischen Astrologie eine wichtige Rolle. Allerdings ist dieser psychologische Einschlag vor allem im deutschsprachigen Raum bemerkbar. In den USA ist hingegen die Mundanastrologie beliebt, die sich auf Politik, Wirtschaft und Natur bezieht. Zur Antrittsrede von Donald Trump etwa wurde ein eigenes Horoskop erstellt. So etwas wird im deutschsprachigen Raum weniger gemacht.

Glaubst du an Horoskope?

Sind Horoskope auch eine Art Religionsersatz? Statt an Gott glaubt man an die Macht der Sterne?

Tendenziell nimmt der Glaube an Gott in der Schweiz ab. Statt an einen bärtigen Mann im Himmel glauben die Menschen heute eher an ein abstrakteres Konzept, etwa an eine höhere Macht oder Energie. Laut einer Studie des Bundesamts für Statistik haben aber nur 0,3 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung eine esoterische Weltsicht und richten ihr ganzes Leben nach Horoskopen aus. Ich würde das allerdings nicht Ersatzreligion nennen, denn dabei schwingt mit, dass es eine religiöse Norm gibt.

Wer genau glaubt an Horoskope?

Studien zeigen, dass es eher Frauen sind. Diese sind tendenziell gut gebildet, zwischen 40 und 50 Jahre alt, aus einem städtischen Umfeld und häufig geschieden. Man muss aber unterscheiden zwischen Menschen mit starren, esoterischen Glaubensüberzeugungen und sogenannten Konsumentinnen und Konsumenten. Das sind Menschen, die gerne ausprobieren und abwechseln. Sie lassen sich einmal ein persönliches Horoskop erstellen, dann machen sie eine schamanische Ausbildung und zehn Jahre später einen Shiatsu-Kurs.

Warum glauben eher Frauen an Horoskope als Männer?

Dafür gibt es keine klare Antwort. Grundsätzlich sind Frauen aber auch eher religiöser als Männer.

Sind Horoskope heute beliebter als auch schon?

Das Interesse daran ist in den letzten 30 Jahren ungefähr gleich geblieben, da hat es keinen speziellen Boom gegeben.

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