01. Februar 2018

Steht das Kopftuch für Schutz oder Unterdrückung?

Über muslimische Frauen reden in der Schweiz viele, mit ihnen wenige. Demet, ihre Schwester Melek und Mutter Emel erklären, welche Rolle das Kopftuch in ihrem Glauben spielt – und wie sie mit der aktuellen politischen Debatte umgehen.

Emel K. * (57, Mitte) mit ihren Töchtern Demet (36, links) und Melek (23)
Emel K. * (57, Mitte) überlässt es ihren Töchtern Demet (36, links) und Melek (23), ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht.

Für viele ist das Kopftuch ein Zeichen von weiblicher Unterdrückung, ein Leichentuch, ein Gefängnis aus Stoff. Über kein anderes Kleidungsstück wurde in der Schweiz jemals so emotional diskutiert. Die Meinungen gehen dabei weit auseinander: Die einen reden von Bevormundung, die anderen von Glaubensfreiheit. Denn die Verschleierung ist für zahlreiche muslimische Frauen ein zentraler Aspekt des Islams.

Auch in der türkischstämmigen Familie K. aus der Ostschweiz gibt es unterschiedliche Meinungen zum Kopftuch: Mutter Emel* (57) trägt seit ihrer Heirat ein Kopftuch; ob ihre Töchter es tragen wollen oder nicht, überlässt sie ihnen. Auch der Vater, Ismet (62), macht seinen Kindern keine Vorschriften. Tochter Demet ist anders: Die 36-Jährige ist strenggläubig und findet es schade, dass ihre jüngere Schwester Melek (23) keine Kopfbedeckung trägt.

Wir Muslime verteidigen uns zu wenig

Demet

Aufgewachsen sind Demet und Melek zusammen mit ihren Brüdern Yigit (39) und Yasin (33) in der Schweiz. «In meiner Klasse gab es viele Muslime, und auch die Nachbarschaft war multikulturell. Die Lehrer wussten beispielsweise, dass wir kein Schweinefleisch essen dürfen, und nahmen darauf Rücksicht», erzählt Demet. Damit zwei Kulturen nebeneinander leben können, brauche es Offenheit auf beiden Seiten: «Muslime handeln momentan zu wenig. Wir verteidigen uns zu wenig und sind in den Medien untervertreten.» Sie befürchtet, dass die Gräben zwischen Muslimen und Christen künftig noch tiefer werden. «Ich bete dafür, dass alle den Glauben der anderen akzeptieren.»

Die Familie spürt die kulturellen Unterschiede zwischen ihrem muslimischen Herkunftsland und der neuen, christlichen Heimat täglich. Demet arbeitet im Detailhandel und legt ab und zu hobbymässig als DJane bei türkischen Junggesellinnen abschieden auf, sogenannten Henna-Partys. Als sie 14 war, pilgerten ihre Eltern nach Mekka. Zu dieser Zeit setzte auch sie sich vermehrt mit dem Islam auseinander und besuchte regelmässig die Moschee. Seither ist ihr klar: Der Islam gibt ihr einen Grund zum Leben: «Ich glaube an das Leben nach dem Tod. Das jetzige Leben ist für mich wie ein Hotel, das ich irgendwann verlasse.»

Ohne Kopftuch kommt sie sich nackt vor

Laut ihrem Glauben wird sie nach dem Tod Rechenschaft über ihr Leben ablegen müssen. Darauf bereitet sie sich schon heute vor: Sie betet fünfmal täglich, trägt keine aufreizenden Kleider, verzichtet auf Schweinefleisch und Alkohol, fastet, liest den Koran. Das Kopftuch ist für sie eine Selbstverständlichkeit und bedeutet neben einer Form des Gebets auch Schutz vor Übergriffen und Anmache. Somit verhindere es auch, dass Familien durch Fremdgehen in die Brüche gehen.
Eine Burka würde sie nicht tragen – auch weil diese nirgends im Koran gefordert wird. Doch sie respektiert Frauen, die sie tragen – in der Schweiz hat sie noch nie eine gesehen hat. Zudem fühle sie sich mit offenen Haaren nicht wohl. «Ohne Kopftuch komme ich mir nackt vor.»

Ihr Arbeitgeber verbietet ihr das Tragen des Kopftuchs während der Arbeit. Für Demet eine schwierige Situation: «Ich fühle mich schuldig und bitte Gott beim Gebet um Verzeihung.» Denn im Koran stehe zwar ­keine Burkapflicht, aber sehr wohl, dass sich eine Frau bedecken solle. Auch für Männer gibt es Kleidervorschriften. So müssen sie sich – wie die Frauen – vom Bauchnabel bis zu den Knien verdecken und dürfen keine enganliegenden Kleider tragen. Das Argument, Verschleierung sei diskriminierend, lässt Demet nicht gelten: «Wenn in der Schweiz eine Frau halbnackt herumläuft, sagt man ja auch nichts. Doch diesen Fall könnte man genauso gut so auslegen, dass sie aus kulturellen Gründen unterdrückt sei.»

... könnte mir nicht vorstellen, einen Nichtmuslim zu heiraten.

Melek

Demet lebt ein gläubiges und gleichzeitig emanzipiertes Leben; so reichte sie bereits einmal die Scheidung ein. Aus religiöser Sicht sei das kein Problem, da sich auch der Prophet Mohammed hatte scheiden lassen. Eine neue Ehe könnte sich Demet durchaus vorstellen. Aber nur mit einem muslimischen Mann: «Der Glaube ist das Fundament einer Beziehung.»

Demets jüngere Schwester Melek sieht das genauso. Vor dreieinhalb Jahren hat sie in der Türkei ihren Ehemann Ali (28) kennengelernt. «Ich könnte mir nicht vorstellen, einen Nichtmuslim zu heiraten. Ali kennt meine Kultur und kann somit auch mich besser verstehen», ist sie überzeugt. Nachdem sie die Ausbildung zur Kindergärtnerin beendet hatte, wurde an Weihnachten 2016 geheiratet.

In der Familie K. ist Melek das Nesthäkchen – sie kam zehn Jahre nach ihrem Bruder Yasin zur Welt. Ihr anderer Bruder Yigit (39) hatte sie immer beschützt. «Ich durfte nicht an Partys gehen, was ich damals ­unmöglich fand», sagt Melek. Auf der anderen Seite habe sie es geschätzt, dass jemand auf sie aufpasste. «Bevor Ali in die Schweiz kam, lebte ich drei Monate allein in unserer neuen Wohnung. Das hat sich eigenartig angefühlt, etwas einsam und auch unsicher – gerade abends.»

Zwischen Tradition und Anpassung

Melek lebt eine Mischform ihrer zwei Kulturen. Sie isst kein Schweinefleisch, trinkt keinen Alkohol und fastet. Die täglichen Gebete führt sie jedoch nicht durch, und das Kopftuch hat sie nie getragen. Ihre gelockten, schwarzen Haare fallen auf ihren Pullover; die Mandelaugen sind mit Kajal umrandet.Dass sie nicht bete, habe auch zeitliche Gründe. «Ich kann ja nicht 20 Kinder allein im Raum lassen und verschwinden. Zudem hätten wohl viele Eltern ein Problem damit, wenn ich ein Kopftuch tragen würde.»

Dass ihre Familie ihre Kleidungswahl akzeptiert, bedeute ihr viel. Ismet, ihren Vater, der mit dem kräftigen Körperbau und der autoritären Ausstrahlung auf viele etwas bedrohlich wirke, habe sie sowieso längst um den Finger gewickelt. Er könne ihr nicht viel abschlagen. Es bedrückt sie jedoch, dass Frauen aufgrund ihrer Kleidung verurteilt werden: «Eine Freundin von mir trägt das Kopftuch. Wenn wir unterwegs sind, wird sie oft nicht begrüsst oder angeschaut. Diese Ungerechtigkeit halte ich fast nicht aus.»

Ich fühle mich ohne Kopftuch nicht verletzlich.

Melek

Im Gegensatz zu ihrer Schwester fühlt sich Melek ohne Kopftuch nicht verletzlich. «Einmal musste ich spätabends am Bahnhof an einer Gruppe betrunkener Männer vorbei. Ich habe innerlich ein Gebet gesprochen und mich dadurch beschützt gefühlt. Ich verstehe aber, dass Demet das Kopftuch tragen möchte. Man muss das machen, was einem richtig erscheint.»

In einem Punkt sind sich die Schwestern einig: Viele setzten sich gar nicht mit dem Hintergrund des Kopftuchtragens auseinander. «Viele christliche Menschen können sich nichts unter unserem Glauben vorstellen, weil sie nicht mit uns reden. Es gibt uns gegenüber viele Vorurteile, aber nur wenige Menschen, die sich mit diesen auseinandersetzen», stellt Demet fest. Sie möchte als Mensch und nicht als Muslimin wahrgenommen werden. «Vielleicht muss man zuerst in ein islamisches Land reisen, um unsere Religion und Kultur zu verstehen.»

Die Sorgen einer Mutter

Spricht man Emel K. auf ihre Heimat an, wird sie wehmütig. Sie musste die Türkei 1974 im Alter von 15 Jahren verlassen, um in der Schweiz Geld zu verdienen. Ihre fünf kleinen Geschwister blieben mit der Mutter in der Provinz Adapazari/Sakarya, während ihr Vater sie in die Schweiz brachte. In einem Basler Hotel fand sie eine Stelle. Mit ihrem Einkommen musste sie die Familie unterstützen. Zwei Jahre später folgte ihr Ismet in die Schweiz, die beiden heirateten; kennengelernt hatten sie sich bereits in der Türkei. Das Paar arbeitete im Schichtbetrieb und zog die vier Kinder gemeinsam gross – ein modernes Familienmodell, denn in der Türkei bleiben Mütter meist zu Hause.

«Ich wollte die Kinder so erziehen, dass Religion in ihrem Leben eine Rolle spielt. Es ist meine Aufgabe als Mutter, ihnen diesen Zugang mitzugeben. Was sie später daraus machen und ob sie ein Kopftuch tragen oder nicht, müssen sie selber entscheiden», sagt Emel. Der Islam bedeute ihr alles. «Unsere Aufgaben im Leben auf der Welt sind: essen, sich schön anziehen, arbeiten, Geld verdienen, Kinder aufziehen, menschlich sein, nichts falsch machen. Das richtige Leben kommt nach dem Tod.» Als Kind besuchte sie lediglich die Koranschule. Lesen und Schreiben lernte sie erst in der Schweiz.

Nachbarn haben meinen Glauben einfach akzeptiert.

Mutter Emel

Frauen, die die Burka tragen, respektiert sie. Das Kopftuch war für sie nie etwas, für das sie sich rechtfertigen musste. «Nachbarn haben mich und meinen Glauben einfach akzeptiert und nicht auf das Äussere geschaut.» Eine Haltung, die sich nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 ­geändert habe. «Das Klima ist aggressiv geworden», sagt Emel, «es gibt Nachbarn, die seither nicht mehr mit uns reden, das verletzt mich sehr.»

Aus diesem Grund sorgt sie sich um ihre Kinder: «Hier im islamischen Glauben zu leben, ist schwierig. Ich habe Angst, dass sie unter Druck gesetzt werden, sich anzupassen.» Sie wünscht sich, dass ihre Kinder so sorgenfrei leben können wie sie damals. «Ich möchte, dass sie niemandem schaden und dass ihnen kein Schaden zugefügt wird.» 

türkische Starautorin Elif Shafak

In meiner idealen Welt würden Frauen ihren Kopf nicht bedecken

Elif Shafak

Die türkische Starautorin Elif Shafak (46) gehört zu den meistgelesenen Autorinnen in der Türkei. Sie studierte Internationale Beziehungen in Ankara und machte einen Master in «Gender and Women’s Studies». Sie lebt mit ihrem Mann, dem türkischen Journalisten Eyüp Can Saglik, und den beiden gemeinsamen Kindern in Istanbul und London. In ihrem aktuellen Buch Der Geruch des Paradieses (Verlag Kein & Aber 2016, erhältlich bei ExLibris.ch ) erzählt sie die Geschichte dreier muslimischer Frauen zwischen zwei Kulturen – in Anspielung auf die Identitätskrise der Türkei.

Frauen stellen die interessantesten Fragen zu Glauben, Reformen und Gleichberechtigung, haben Sie mal gesagt. Was meinen Sie damit?

Für uns Frauen sind das nicht nur theoretische oder theologische Fragen, sie betreffen ganz direkt unseren Alltag. Trägst du ein Kopftuch? Was ist die Länge deines Minirocks? Trägst du Make-up? Politik wird oft über den Frauenkörper ausgetragen. In der Türkei haben wir männliche Politiker, die uns sagen, was wir anziehen sollen, wie wir Mutter sein und wie viele Kinder wir austragen sollen. Ich weigere mich, dies zu akzeptieren. Politik ver­ändert das private Leben der Frauen massgeblich – doch Rechte haben sie wenige.

Ihre Romanfigur Mona im Buch «Der Geruch des Paradieses» ist Feministin. Wie funktioniert Feminismus in einer patriarchalen Kultur?

Ich habe viele Frauen wie Mona getroffen – in der Türkei und überall in Europa. Sie sind gläubig, beten, verdecken ihr Haar und glauben gleichzeitig an Menschen- und Frauenrechte. Das ist kein Widerspruch. Diese Frauen versuchen, verschiedene Diskurse zusammenzubringen und werden in ihren Gemeinschaften oft dafür verurteilt. Sie verdienen unsere Unterstützung.

Monas Freundin Shirin verachtet das Kopftuch als Zeichen der Unterdrückung. Wie sehen Sie das?

Viele Frauen wählen das Kopftuch aufgrund persönlicher Erlebnisse. Wenn wir sie ausschliessen, werden die Dinge schlimmer; Verbote erzeugen Druck. Man sollte die Frauen nicht demütigen und sie zum Haushalten verbannen. Wir brauchen Frauen im öffentlichen Raum. Ich verstehe Frauen, die das Kopftuch tragen. Doch in meiner idealen Welt würden Frauen ihren Kopf nicht bedecken.

Was halten Sie davon, wenn westliche Feministinnen die muslimischen Frauen befreien wollen?

Es ist ungesund, wie wir über die Befreiung der muslimischen Frau diskutieren. Die Herangehensweise führt bei ihnen zu grossem Widerstand. Viele empfinden westliche Feministinnen als herablassend und besserwisserisch. Sie fragen sich, was den Westlerinnen das Recht dazu gibt. Es braucht Frauen, die Frauen in anderen Ländern helfen wollen. Aber es muss auf Augenhöhe geschehen und mit einer beidseitigen Offenheit für die andere Kultur.

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