11. Juli 2017

Stauffers Blick auf Eritrea

Die Schweiz bietet Tausenden von Eritreern Zuflucht – ist Eritrea das «afrikanische Nordkorea», wie von Medien behauptet? Nein, sagt Hans-Ulrich Stauffer. Der Afrika-Kenner über die Abschottungspolitik der eritreischen Regierung, die Motive von Flüchtlingen und das mangelnde Engagement in Bundesbern.

Afrika-Kenner Hans-Ulrich Stauffer
Für sein aktuelles Buch ist Hans-Ulrich Stauffer mehrmals nach Eritrea gereist.
Lesezeit 6 Minuten

Hans-Ulrich Stauffer, in Ihrem neuesten Buch geht es um Eritrea. Wie haben Sie das Land entdeckt?

1973 herrschte am Horn von Afrika eine unbeschreibliche Hungersnot, die die Fragwürdigkeit des Regimes von Kaiser Haile Selassie aufdeckte. Damals kam ich in Kontakt mit der eritreischen Befreiungs­bewegung «Eritrean People’s Liberation Front».

Weshalb hat der Befreiungskampf in Eritrea hierzulande so viele Leute bewegt?

Eritrea war eine italienische Kolonie, danach geriet es unter britische Militärherrschaft, dann kam die Zwangsfusion mit Äthiopien und schliesslich der Befreiungskampf. Äthiopien wurde anfänglich von den USA unterstützt, dann von der Sowjetunion, Eritrea hingegen war immer auf sich allein gestellt. Der ­einsame Befreiungskampf gegen Äthiopien – damals der afrika­nische Staat mit der stärksten Armee – hat zu einem Nimbus geführt, der bis heute anhält. Über die Jahre hat sich ein Reduitgedanke etabliert, ver­bunden mit einem Avantgardedenken der führenden Leute-

Heute wird Eritrea gelegentlich als das «Nordkorea von Afrika» bezeichnet.

Dieser Vergleich ist Unsinn. Klar, Eritrea ist keine Demokratie. Im Lauf des jahrzehntelangen Befreiungskampfs hat sich eine starke Führungsriege herausgebildet, die das Land autoritär regiert. Aber in Eritrea hat man jederzeit Zugang zu Informationen aus aller Welt. Auf zahlreichen Häusern gibt es TV-Schüsseln, und das Smartphone ist allgegenwärtig. Die Menschen in Eritrea wissen sehr genau, was in der Welt vor sich geht

Eritrea will vom Ausland un­abhängig sein – so, wie es einst Mao für China gefordert hat?

Dieses Gedankengut war und ist heute noch in den Köpfen der eritreischen Befreiungsfront und der heutigen Regierungspartei. Die eritreische Führung ist überzeugt, dass sie selbst am besten weiss, was gut ist für ihr Land; sie will sich auf keinen Fall von ausländischen Experten vorschreiben lassen, was sie zu tun hat. Das macht sie bei den internationalen Organisationen nicht wirklich sympathisch, zumal sich Eritrea auch dem globalen Handel verschliesst. Es gibt in Eritrea beispielsweise keinen einzigen chinesischen Laden.

Im restlichen Afrika ist das anders.

Deshalb ist in grossen Teilen von Afrika das Kleingewerbe vor die Hunde gegangen. So gesehen, hat die Sturheit der eritreischen Führung auch positive Seiten.

In vielen afrikanischen Ländern ist eine kleine korrupte Elite an der Macht. Auch in Eritrea?

Ich bin öfters dort gewesen, und soweit ich das beurteilen kann, gibt es kaum eine Schere zwischen Arm und Reich. Das muss nicht heissen, dass die Mitglieder der Regierung keine Privilegien haben. Aber eine private Bereicherung findet nicht statt – es gibt keine Korruption.

Und auch keine Stammes- und Religionskriege?

Die eine Hälfte der Eritreer besteht aus Christen, die andere aus Muslimen. Sie bilden schon lange ein labiles Gleichgewicht. Für die Regierung ist es wichtig, dass dieses Gleichgewicht erhalten bleibt. So sind weder Missionare amerikanischer Freikirchen noch von Saudi-Arabien gesponserte Imame erwünscht.

Afrika-Kenner Hans-Ulrich Stauffer
«Wir müssten in der entwicklungspolitischen Arbeit einen Zacken zulegen.». Sagt Hans-Ulrich Stauffer.

Sie schreiben in Ihrem Buch, Eritrea setze auf eine biologische Landwirtschaft.

Das ist weniger Absicht als Notwendigkeit. Für Dünger und Pestizide fehlt ganz einfach das Geld. Aber die Nahrungssicherheit geniesst höchste Priorität. Deshalb hat man in den vergangenen 20 Jahren etwa 1000 Staudämme gebaut, um die Versorgung mit Wasser sicherzustellen. Die Landwirtschaft ist übrigens nicht verstaatlicht, sondern in den Händen privater Bauern.

In Ihrer Schilderung ist Eritrea beinahe ein Musterland. Warum fliehen dann jedes Jahr Tausende von jungen Leuten?

Ein Schuhputzer erzählte einem meiner Freunde, ein Kollege hätte ihm geschrieben, dass er in der Schweiz gratis in einer Dreizimmerwohnung lebe und monatlich 900 Franken erhalte. Für einen Eritreer klingt das paradiesisch, zumal er nicht abschätzen kann, wie hoch die Lebenskosten in der Schweiz sind.

Das sieht Andreas Glarner von der SVP nicht anders. Locken wir die Eritreer geradezu in die Schweiz?

Wir baden einen Entscheid der Asylrekurskommission von 2005 aus. Er besagt, dass jeder, der desertiert, auch politisch verfolgt ist. Das hat sich rasch bis nach Eritrea herumgesprochen. Es finden auch tatsächlich Menschenrechtsverletzungen statt, und die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt. Aber es gibt auch das Menschenrecht auf Nahrung, Bildung, Gesundheit – und diesbezüglich hat Eritrea Erstaunliches geleistet. Was die von der Uno definierten Wachstumsziele betrifft, gehört Eritrea zu den Besten in Afrika. Auch die Kindersterblichkeit und die Sterblichkeit der Mütter bei der Geburt sind massiv gesunken. Die Malaria- und HIV-Raten sind tief, die Wirtschaft wächst jährlich um acht Prozent.

Dennoch zahlen viele junge Männer rund 8000 Dollar an Schlepperorganisationen und riskieren ihr Leben, um in die Schweiz flüchten zu können.

Es gibt in Eritrea viel zu wenige Jobs für junge Menschen, zumindest in den Städten. Hinzu kommt die Sache mit dem ­National Service ...

... eine Art Rekrutenschule, die jedoch jahrelang und mit ungewissem Ausgang dauern kann.

Das stimmt so nicht. Der Militärdienst ist bloss ein Einsatzgebiet des National Service. Es gibt auch sehr viele zivile Tätigkeiten, beispielsweise Dienst an der Rezeption eines Hotels oder in einem Spital. Es ist auch keine Zwangsarbeit; man erhält einen bescheidenen Lohn. Das Problem besteht darin, dass die Dauer des National Service nicht klar begrenzt ist. Doch denken wir daran: Äthiopien hält trotz Schiedsgerichtsurteil des Internationalen Gerichtshofs noch immer einen Teil von Eritrea besetzt und weigert sich, die Grenzziehung anzuerkennen. Zehntausende von Eritreern sind wegen dieses Weder-Krieg-noch-Frieden- Zustands im Militärdienst.

Warum bringt die Regierung das nicht auf die Reihe?

Weil sie nicht weiss, was sie mit all den Menschen anstellen soll, wenn sie nicht im National Service sind. Es gibt für sie einfach keine Jobs. Deshalb sollte man sich überlegen, wie man Arbeitsplätze in Eritrea schaffen könnte. Das wäre auch für die Schweiz der richtige Ansatz.

Die meisten beziehen in der Schweiz Sozialhilfe.

Es sind tatsächlich über 80 Prozent, und das ist ein Horror. Aber ich fühle mich nicht berufen, hier eine fundierte Einschätzung abzugeben. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Schweiz für viele Eritreer nur eine Zwischenstation darstellt. Eigentlich wollen sie nach Grossbritannien oder in die USA, denn die meisten von ihnen sprechen Englisch. In der Schweiz finden sie völlig ungewohnte Lebensverhältnisse vor und sind oft psychisch blockiert.

So, wie Sie das schildern, gibt es keinen triftigen Grund, Eritreern Asyl zu gewähren.

So allgemein kann ich das nicht stehen lassen. Es gibt sicher Eritreer, die unter dem Regime gelitten haben. Aber ich bin überzeugt, dass es für viele nicht zutrifft.

Es existieren aber zwei Uno- Berichte, die von schweren Menschenrechtsverletzungen sprechen.

Es gibt auch widersprechende Berichte – etwa die Stellungnahme der in ­Asmara, der Hauptstadt von ­Eritrea, residierenden westeuropäischen Botschafter und des EU-Vertreters. Das Eritrea-Bild befindet sich im Wandel, auch in der Schweiz. Heute ist die Verweigerung des National Service allein kein Asylgrund mehr, man muss auch eine Verfolgung nachweisen können. Das halte ich für vertretbar.

Der Bundesrat steht in der Flüchtlingsfrage unter Druck. Warum handelt er im Fall der Eritreer nicht?

Die offizielle Schweiz hat sich bei Eritrea verrannt. Bundesrätin Sommaruga hat einst erklärt: Mit einer Diktatur diskutieren wir nicht. Gleichzeitig reiste sie nach Äthiopien. Das war ungeschickt. Jetzt geht es darum, wieder aus dieser Sackgasse herauszukommen.

Wie soll das geschehen? Eritrea weigert sich nach wie vor, abgewiesene Asylbewerber zurückzunehmen.

Wir müssten in der entwicklungspolitischen Arbeit einen Zacken zulegen. Das ist schwierig, denn die Eritreer sind störrisch. Auch die eritreische Seite muss Zugeständnisse machen und mehr Spielraum zulassen.

Wie lässt sich das erreichen?

Man kann nicht mit festen Programmen einfahren. Die USA etwa forderten die Privatisierung aller Staatsbetriebe. Das funktioniert überhaupt nicht. Es geht nur mit einem Dialog auf Augenhöhe. Zuerst müssen wir jedoch die Beziehungen entkrampfen. Dabei wäre es hilfreich, wenn eine hochrangige Schweizer Dele­gation sich die Mühe machte, nach Eritrea zu reisen. Am besten wäre natürlich ein Mitglied des Bundesrats.

Wo sehen Sie konkrete Chancen für Entwicklungshilfe?

Bei der Berufsbildung. Unser duales Bildungssystem stösst auch in Afrika auf Interesse.

Also müsste man Simonetta Sommaruga mit Rudolf Strahm, dem Fachmann für duale Berufsbildung, auf die Reise schicken?

Das wäre ideal. Eritrea wünscht sich ein Bildungssystem nach Schweizer Vorbild. Die EU hat nun ein Entwicklungsprogramm in der Höhe von 200 Millionen Euro für Eritrea bewilligt. Schwerpunkt dabei ist die Entwicklung von Solarenergie im ländlichen Gebiet, beispielsweise zum Antrieb von Wasserpumpen. Es braucht Menschen, die diese Anlagen montieren und warten. Da könnte die Schweiz einen ­Beitrag leisten. 

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