03. September 2019

Stärker als die Höhenangst

Gondeln besteigen und Gipfel erklimmen – trotz der Angst, den Boden unter den Füssen zu verlieren? Mit der Therapeutin Barbara Hunziker gelingt es, die Panik zu überwinden. Ein Selbstversuch auf dem Turm.

Flavian Cajacob und Barbara Hunziker auf dem  Loorenkopfturm bei Zürich
Stationen einer Selbstüberwindung: Dank Barbara Hunzikers Coaching bezwingt Reporter Flavian Cajacob den Loorenkopfturm bei Zürich – und seine Höhenangst. (Bild: Kuster Frey)

Höhenangst. Jede Tätigkeit, die den Himmel näher- und den Boden fernerrücken lässt, führt bei mir zu wackligen Knien, Muffensausen, abruptem Stimmungsumschwung.

«Die Angst vor der Angst», nennt es Barbara Hunziker, Körpertherapeutin und Coach. Denn eigentlich ist es nicht die reale Situation, die höhenangstgeplagten Menschen zusetzt, sondern die Vorstellung, was einem nach dem nächsten Schritt alles widerfahren könnte: Fehltritt, Sturz, Exitus. «Angst ist ein unverzichtbares Warnsystem. Wenn jemand unter Höhenangst leidet, dann ist dieses Warnsystem jedoch aus dem Gleichgewicht geraten», sagt die Luzernerin.

Gemeinsam mit der Therapeutin will ich auf dem 30 Meter hohen Loorenkopfturm vor den Toren Zürichs meine Höhenangst besiegen. Wobei «besiegen» das falsche Wort sei, wie sie sagt: «Angst kann man nicht besiegen. Aber man kann lernen, einen gesunden Umgang damit zu finden und das Warnsystem wieder ins Lot zu bringen.»

Die erste Stufe ist genommen. Mit jedem weiteren Schritt schleicht sich das Gefühl ein, etwas zu tun, was ich eigentlich gar nicht tun will. Ich möchte umkehren. Doch Barbara Hunziker lässt mich nicht. «Konzentriere dich auf das, was du gerade tust. Du läufst eine Treppe hoch. Und davor brauchst du nun wirklich keine Angst zu haben.»

Gleich schlägt der Blitz ein

Ein vorzeitiges Hinuntersteigen vom Turm hingegen bringe überhaupt nichts. Ganz im Gegenteil: «Wer die Konfrontation mit seiner Höhenangst scheut, eignet sich ein Vermeidungsverhalten an. Und das wirkt sich negativ auf die Lebensqualität aus.» Über die Ursachen von Höhenangst – oder fachsprachlich Akrophobie – gibt es unterschiedliche Theorien.

Am Ende: Flavian Cajacob und Barbara Hunziker machen eine Pause auf der Zwischenplattform. (Bild: Kuster Frey)
Am Ende: Flavian Cajacob und Barbara Hunziker machen eine Pause auf der Zwischenplattform. (Bild: Kuster Frey)

Häufig vermutet man ein unverarbeitetes Ereignis als Auslöser, mit Höhe oder Stürzen muss das aber nichts zu tun haben. Phobien sind letztlich überzogene Ängste, die, nüchtern betrachtet, meist jeglicher Grundlage entbehren. Barbara Hunziker zieht einen Vergleich: «Man ist überzeugt, dass hinter dem nächsten Baum ein gefrässiger Tiger lauert, obwohl man ganz genau weiss, dass Tiger in unseren Breitengraden nicht vorkommen.»

Zwischen der vierten und siebten Etage des zehnstöckigen Holzturms werden meine Beine schwer, der Puls steigt an. Barbara Hunziker siedelt meinen Gefühlszustand auf der bis 10 reichenden Angstskala bei 4 oder 5 an.

Ich fühle mich zwar nicht wohl, funktioniere aber noch. «Beinmuskeln anspannen, wieder locker lassen, Trittsicherheit zurückerlangen und den Blick über die Wipfel schweifen lassen.» Gesagt, getan. Unweigerlich zieht es mich in Gedanken hinunter, ins tödliche Dickicht. Während ich am liebsten davonrennen würde, hält mich die Therapeutin dazu an, Ruhe zu bewahren: «Konzentriere dich auf einen fixen Punkt da draussen, greif nach dem Geländer, atme tief ein und aus – es kann dir nichts passieren.»

ast geschafft: Mit der Hilfe von der Hilfe von Hunziker unterdrückt Cajacob seine Angst. (Bild: Kuster Frey)
Fast geschafft: Mit der Hilfe von der Hilfe von Hunziker unterdrückt Cajacob seine Angst. (Bild: Kuster Frey)

Und jetzt die Herkulesaufgabe: «Schau nach unten!» Widerwillig beuge ich mich vor. Da: ein Flicken im Balken! Und dort: ein Blitzableiter! Für mich ein untrügliches Zeichen dafür, dass gleich ein Blitz in den maroden Turm einschlagen wird. Barbara Hunziker kennt diesen Gedankengang nur zu gut von ihren Klienten. «Wenn wir Angst haben, richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf Dinge, die wir automatisch negativ werten. Dabei legen ein Flicken und ein Blitzableiter doch Zeugnis darüber ab, dass dieser Turm gut gewartet und sehr sicher ist.»

Wir sind nur noch wenige Schritte von der obersten Plattform entfernt. Normalerweise würde ich - wenn überhaupt – so rasch wie möglich da hinaufgehen, um dann möglichst rasch wieder runterzukönnen. «Total falsch, dieses Verhalten», meint mein Mental-Coach. Gerade in den Bergen könne sich die Taktik, das angsteinflössende Hindernis schnellstmöglich zu überwinden, als fatal erweisen: «Dann droht wirklich die Gefahr, hinzufallen oder abzustürzen.» Besser sei es, innezuhalten, tief zu atmen und den Boden unter den Füssen zu spüren.

Der gefrässige Tiger ist ruhig

Die Spitze des Turms ist erreicht. Wir nähern uns dem Geländer. Auf der Angstskala bin ich jetzt wohl bei 7 oder 8 angelangt. Ich fühle mich unwohl, kann mich nicht konzentrieren und will abbrechen. Barbara Hunziker fordert mich auf, sie anzublicken. «Siehst du mich?», fragt sie und weiss genau, dass ich das nicht tue. Denn mein Blick geht durch sie hindurch. Freund Hirn signalisiert, dass der Turm wankt. Oder ich. Oder beide zusammen. «Gib mir deine Hand und drück zu, ganz fest.» Sie verspricht mir, dass die Angst vor der Höhe mit der Zeit an Intensität verlieren werde.

Das geht eine gute halbe Stunde lang so. Und tatsächlich: Die Anspannung lässt nach einer Weile nach. Ich mache mir bewusst, dass vor mir schon tausend andere Menschen hier gestanden und wohl auch überlebt haben. Nichts wankt. Der Tiger ist zwar noch da, aber er ist nicht mehr gefrässig. «Wer lernt, mit seiner Höhenangst richtig umzugehen, erobert sich etwas zurück, meist ein Stück Lebensqualität», bemerkt Barbara Hunziker und freut sich über meinen Erfolg.

Bevor es wieder 152 Treppen abwärts geht, hat sie noch einen Tipp: «Mach es noch einmal, steig in den nächsten zwei Wochen wieder auf den Turm und schick mir ein Foto davon.» Zehn Tage später erhält sie ein Selfie von mir: ich, zuoberst auf dem Loorenkopfturm, die Arme locker auf dem Geländer, die Nase im Wind, entspannt – und im Hintergrund die grandiose Aussicht.

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Unsere schönsten Wanderungen in der ganzen Schweiz.

Schönste Flecken in allen Ecken

Weinberge rund um Stuttgart Advertorial

Wein und Automobil – eine Entdeckungstour für alle Sinne in der Region Stuttgart

Informationen zum Author

Jelena Filipovic

Rechts oder links von Geburt an?

Auch der Rasen will in Ordnung gehalten werden

Junggemüse im Familiengarten