28. Juli 2017

Städte ertrinken in der Touristenflut

In beliebten Städten wie Barcelona, Venedig oder Dubrovnik mehrt sich die Kritik über die Touristenmassen. «Sättigungseffekte» seien auch in Interlaken und Engelberg erkennbar, sagt Tourismusexpertin Monika Bandi. Von Dichtestress könne aber noch keine Rede sein.

Ramblas Barcelona
Kaum ein Durchkommen mehr: täglicher Touristenansturm auf die Rambla in Barcelona, die Hemingway einst als schönsten Spaziergang der Welt bezeichnete (Bild: iStock Photo).
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Barcelona ist Opfer des eigenen Erfolgs: Zählte das unter Touristen beliebte Gotische Viertel 2006 noch 27 470 Bewohner, waren es 2015 nur noch 15 624. Laut «20 Minuten» leben dort inzwischen 63 Prozent Touristen: Die Einheimischen können sich die Mietpreise nicht mehr leisten und weichen den Boutiquehotels und Ferienwohnungen.

Touristen sind für mich ...

Die Katalanen klagen aber auch über Lärm und das Verschwinden von Läden für den täglichen Bedarf. Ähnlich klingt es in Venedig oder Dubrovnik, die wie Barcelona zu den beliebtesten Zielen von Kreuzfahrtpassagieren zählen. In der Lagunenstadt sollen nun Drehkreuze den Zugang zu strategischen Orten wie der Calatrava-Brücke überwachen. Paris, London und Amsterdam wollen die kurzzeitige Vermietung von Wohnungen stärker regulieren.

Noch ist die Schweiz von solchen Entwicklungen verschont. Tourismusexpertin Monika Bandi Tanner von der Universität Bern beobachtet einzig in Interlaken oder Engelberg «Anzeichen von Sättigungseffekten». Das sei aber eine ganz andere Dimension als in Venedig.

Das heisst jedoch nicht, dass die Einheimischen mit den Touristen rundum glücklich sind: In Interlaken mehren sich Klagen über Gäste, die mit Segways über Trottoirs oder die Höhenpromenade fahren. Ein Trost bleibt: Nie werden sich 5000 oder mehr Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs auf einmal durch die Gassen von Interlaken drängen. Dafür sind die Kapazitäten der Schiffe auf dem Brienzer- oder Thunersee schlicht zu klein.

Monika Bandi Tanner (35) ist Leiterin der Forschungsstelle Tourismus an der Universität Bern.

Venedig will den Toristenmassen mittels Drehkreuzen Herr werden. Was halten Sie davon?

Das hört sich zunächst merkwürdig an. Andererseits ist bekannt, dass es die lokale Bevölkerung vermehrt aus der Stadt zieht – wegen der Massen und der hohen Preise. Dabei sind es doch die Einheimischen, die eine Stadt beleben. So gesehen, könnten Einheimische und Touristen von der Drehkreuzvariante profitieren.

Barcelona und Dubrovnik ächzen ebenfalls unter den Besuchermassen. Wie gross ist das Problem für Touristenorte in der Schweiz?

Im alpinen Tourismus ist dieses Problem zeitlich begrenzt, an Weihnachten/Neujahr und in der Sportferienzeit. Engelberg hat beispielsweise viele Touristen aus Indien. Aber mir ist nicht bekannt, dass Einheimische deswegen wegziehen. Dort, wo der Schweizer Tourismus wächst, also in den Städten, ist er ohnehin eher ein Nebenprodukt und fällt weniger auf. Anzeichen von Sättigungseffekten können aber in Interlaken mit Besuchern aus den Golfstaaten oder eben in Engelberg entstehen. Das ist allerdings eine andere Dimension als in Venedig.

Erste Ansätze sieht man auch in Luzern, wo chinesische Touristen durch Uhrenboutiquen geschleust werden. Wie problematisch ist das?

Dazu gibt es keine pauschale Antwort. Die Regionen müssen eine individuelle Kosten-Nutzen-Abwägung vornehmen und analysieren, was ihnen wichtig ist. Fest steht: Indische oder chinesische Touristen sind in einem völlig anderen Gesellschaftssystem aufgewachsen und geben lieber Geld fürs Einkaufen in Boutiquen aus als für die Übernachtung.

Welchen Weg muss der Schweizer Tourismus gehen, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können?

Die Städte sind der Wachstumsmotor des Tourismus. Sie haben mit ihrer interkulturellen Kompetenz ihre Wettbewerbsstrategie gefunden. Die grosse Frage ist, welchen Weg die alpinen Gebiete gehen wollen. Da wird es Topdestinationen wie Zermatt oder das Engadin geben,die sich zu Luxuszielen entwickeln könnten. Ein Teil wird auf die Schweizer Gäste fokussieren und ein weiterer auf Nischen für Junge, Familien oder Senioren. Für alle gilt: Die Schweiz mit ihrem Hochpreisniveau kann nur auf Qualität setzen.

Die Gastfreundlichkeit in der Schweizer Hotellerie gehört zu Ihren Forschungsschwerpunkten. Wie gut ist es um sie bestellt?

Ich bin Jurymitglied des «Prix Bienvenu», der die freundlichsten Hotels der Schweiz kürt. Und auf Reisen mit meinem Mann begegne ich vielen Gastgebern und Mitarbeitenden, etwa im «Gädi» in Grächen VS oder im «Chasa Montana» in Samnaun GR: Sie geben sich grosse Mühe. Nur die schlechten Beispiele zu thematisieren, ergibt ein falsches Bild.

Trotzdem: 2016 gaben die Schweizer erstmals mehr Geld auf Reisen im Ausland aus als ausländische Touristen in der Schweiz. Weshalb?

Die Zahl der Übernachtungen war schon in den vergangenen Jahren rückläufig, vor allem in den Bergen und aus Nahmärkten wie Frankreich und Deutschland, aus denen zahlungskräftige Gäste kommen. Andererseits haben wir hier einen hohen Wohlstand und mehr Ferien und Freizeit. Flugreisen waren noch nie so günstig: Die Schweizer machen nach wie vor Ferien im eigenen Land, aber vermehrt auch im Ausland.

Wohin reisen Sie am liebsten?

Ich liebe die Vielfalt des Reisens. Ich mag einfache Ferien in den Schweizer Bergen, etwa im Lötschental, oder Städtereisen, zum Beispiel nach Barcelona oder Lissabon, wo Kulinarik oder Kultur im Vordergrund stehen. Für Badeferien mag ich verträumte Buchten wie auf der griechischen Insel Zakynthos.

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