07. Oktober 2013

Sprunggelenk: Ein Knick mit Folgen

Der Knöchel ist ein Hochrisikogelenk: 15 Prozent aller Sportverletzungen tangieren das Sprunggelenk. In vier von fünf Fällen kommt es zu langfristigen Beschwerden. Dann hilft meist nur noch eine Operation.

Das Obere Sprunggelenk im Fuss Illustration
Das Obere Sprunggelenk ist ein Scharniergelenk zwischen Unterschenkel und Fuss. (Illustration: Fotolia)

Mit dem linken Knöchel hatte Marina Huber (23) ihr halbes Leben lang Probleme. 12 Jahre alt war sie, als sie die Treppe hinunterhüpfte, unglücklich landete und mit dem Fuss einknickte. «Als der Knöchel nach einer Woche immer noch schmerzte und dick geschwollen war, ging ich zum Hausarzt», erzählt die Reisefachfrau. Damalige Diagnose: Bänderriss. Therapie: Gelenk ruhig stellen, vier Wochen eine Schiene tragen. Schmerzen und Schwellung gingen zurück, bald schon konnte sie wieder Handball spielen.

Verletzungen am Sprunggelenk sind die häufigsten Sportverletzungen überhaupt. Die meisten Menschen, nämlich 85 Prozent, knicken dabei nach innen, wodurch die äusseren Bänder gezerrt oder gerissen werden. Seltener treten Verletzungen an den inneren Bändern, an Knochen, Knorpel oder Sehnen auf.

Noch vor 15 Jahren wurden kaputte Bänder in der Regel genäht. Bis man feststellte, dass auch nicht operierte Bänder meistens gut zusammenwachsen. «Allerdings haben danach 15 bis 20 Prozent der Betroffenen ein Schlottergelenk», sagt Alexandro Pellegrino, Leitender Arzt der Abteilung für Fuss- und Sprunggelenkschirurgie an der Etzelklinik in Pfäffikon SZ, «immer wieder knicken sie beim Laufen ein, weil die Bänder instabil sind.»

Marina Huber läuft die Treppe herunter.
Marina Huber musste wegen ihrer Beschwerden das Handballspielen aufgeben. (Bild: René Ruis)

Das ist Marina Huber schon mehrmals passiert. Manchmal beim Sport, beim Spaziergang mit dem Familienhund oder auf dem Weg zur Arbeit. «Es tat ein bisschen weh, war aber bald wieder gut», erzählt sie. Schlimmer waren die Knieschmerzen, die etwa ein Jahr nach dem Bänderriss auftraten und für welche die Spezialärzte keine Ursache fanden. Marina Huber bekam Medikamente und ging in die Physiotherapie, doch nichts half, sie musste den Handball aufgeben.

«Zuerst war ich etwas gehemmt, auf den Fuss zu stehen»

Als Fussspezialist Pellegrino Marina Huber im Februar dieses Jahres untersuchte, war für ihn schnell klar, dass das instabile Sprunggelenk für die Beschwerden verantwortlich war. «Eine Operation ist zu empfehlen», sagt er.

Besonders schonend ist die minimal-invasive arthroskopische Operationsmethode, auch Schlüssellochtechnik genannt; sie hat sich in den vergangenen zehn Jahren in der Knie- und Schulterchirurgie etabliert, wird nun immer häufiger bei Sprunggelenkproblemen angewendet. Durch drei Löcher gelangen die Operationsinstrumente und eine winzige Kamera ins Gelenk, nähen die Bänder an oder setzen Ersatzbänder ein.

Der arthroskopische Eingriff hat einige Vorteile gegenüber der offenen Technik: «Dank der Kamera können Gelenk und Umgebung während der Operation von allen Seiten betrachtet werden, das verbessert die diagnostischen Möglichkeiten», so Pellegrino. «Ausserdem ist das Risiko, Hautnerven oder Weichteile zu verletzen, deutlich geringer, da die Haut praktisch nicht verletzt wird; es bleiben nur winzige Narben zurück.» Die Resultate sind zufriedenstellend: Bei über 95 Prozent der Patienten ist die Stabilität im Knöchel wieder da.

Die arthroskopische Methode kann nicht angewendet werden, wenn die Bänder zu einem früheren Zeitpunkt offen operiert wurden. «Abgesehen davon gibt es keine Einschränkungen, und die Resultate sind gleich gut wie bei der offenen Technik, sofern der Operateur sie beherrscht», so Pellegrino. In der Tat ist die minimal-invasive Methode noch nicht überall Standard und wird in Europa und den USA erst seit rund vier Jahren von spezialisierten Sprunggelenkschirurgen praktiziert. Pellegrino ist jedoch überzeugt, dass sich dies ändern wird.

Marina Huber hat sich am 25. März 2013 im Paracelsus-Spital in Richterswil operieren lassen. Alexandro Pellegrino und Oberarzt Jordi Vega fixierten die abgerissenen Bänder mit der arthroskopischen Methode wieder am Knöchel, der Eingriff dauerte etwa eine Stunde.

Zwei Nächte blieb Marina Huber im Spital, da sie eine Vollnarkose der Spinalanästhesie vorzog. Nach einer Woche brauchte sie keine Schmerzmittel mehr. Drei Wochen lief sie an Stöcken, durfte danach wieder normal belasten. «Zuerst war ich etwas gehemmt, auf den Fuss zu stehen», erinnert sie sich. Mittlerweile geht sie mit Golden Retriever Jano spazieren und ist nie wieder eingeknickt.

In der Regel braucht es sechs Wochen Heilungszeit und nochmals sechs Wochen, bis der Knöchel wieder stabil ist. Auf Gelenk strapazierende Sportarten oder High Heels soll während dieser Zeit verzichtet werden. «Beschleunigen kann man den Heilungsprozess nicht, auch nicht mit Physiotherapie», sagt Pellegrino. Geduld ist also angesagt.

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