03. November 2017

Spreitenbach, mon amour

Die Stadt pulsierend, das Land idyllisch – und die Agglomeration grau und trostlos. Was ist dran am Vorurteil gegenüber der Vorstadt? Ein Besuch in der Aargauer Gemeinde Spreitenbach.

Blick vom Heitersberg auf den Dorfkern von Spreitenbach
Auch das ist Spreitenbach: Giebeldächer im Dorfkern.
Lesezeit 6 Minuten

Konsumrausch zwischen Betongrau und Hochhaus-Anonymität. Daran denken viele, wenn sie das Wort Spreitenbach hören. Man meint es zu kennen, das Dorf, das längst keins mehr ist. Denn fast jeder ist schon mal auf der A1 oder im Zug an den Wohntürmen auf der Strecke Baden–Zürich vorbeigefahren. Und viele sind irgendwann einmal durch das legendäre erste Schweizer Einkaufszentrum nach amerikanischem Vorbild geschlendert.

Valentin Schmid (50), FDP-Mitglied und im September mit 811 Stimmen für weitere sechs Jahre zum Gemeindepräsidenten gewählt, bekämpft solche Vorurteile mit einem Perspektivenwechsel: Er fährt mit Besuchern in den «Himmelsrank», in die zweite Kurve der Heitersbergstrasse. Hier präsentiert sich die Gemeinde von einer ganz anderen Seite – erst Wald­rand und Weiden, dann Giebeldächer und Gärten, in der Ferne Wohntürme und Einkaufszentren.

Gemeindepräsident Valentin Schmid
Gemeindepräsident Valentin Schmid ist selber zwischen den Hochhäusern aufgewachsen.

«Viele wissen gar nicht, dass Spreitenbach einen intakten Dorfkern hat», sagt Gemeindevorsteher Schmid. Wobei er persönlich gar nichts gegen Hochhäuser habe. Er ist selber zwischen den Betonklötzen aufgewachsen, im Langäcker-Quartier, gleich neben dem «Turm» mit 24 Stockwerken, errichtet Mitte der 70er-Jahre. «Die Siedlung war ein Kinderparadies. Ich hätte mir nichts Schöneres wünschen können. Langeweile gab es da nie, es fand sich garantiert immer jemand zum Spielen, für Fussball oder ‹Räuber und Poli›.»

1960 lebten weniger als 2000 Personen in Spreitenbach, heute sind es über 11 000, mehr als die Hälfte ohne Schweizer Pass. Der erste Wachstumstreiber war das Konkubinatsverbot: Weil die wilde Ehe zu Beginn der 60er-Jahre im Kanton Zürich noch verboten war, wanderten viele Zürcher in den Aargau ab, vor allem ins grenznahe Spreitenbach. Auf die Zürcher folgten die Italiener, dann die Flüchtlinge vom Balkan. Heute leben Menschen aus über 70 Nationen in der Vorortsgemeinde.

Ein Verein, eine Familie

Dass Spreitenbach trotz der hohen Ausländerquote und der vielen Hochhäuser fast wie ein ganz normales Schweizer Dorf funktioniert, zeigt sich am Samstagnachmittag auf dem Fussballplatz, gleich neben dem blauen Kubus des schwedischen Möbelherstellers. Dort stehen Eltern am Spielfeldrand und feuern ihre Zehnjährigen an. Der FC Spreitenbach ist der grösste von rund 50 Vereinen im Dorf: 350 aktive Mitglieder, 17 Mannschaften. Auf dem Vereinsschal prangt der Slogan «ein Verein, eine Familie». Aus wie vielen Nationalitäten sich diese Familie zusammensetzt, kann Sportchef Safet Ajeti (37), Schweizer mit Wurzeln in Mazedonien und im Kosovo, nicht sagen. Es spielt schlicht keine Rolle, Fussball verbindet.

Fussballtrainer Safet Ajeti
Fussballtrainer Safet Ajeti: «In Marseille oder Montpellier gibt es Wohnsilos, aber doch nicht bei uns.»

Ajeti ist in Spreitenbach aufgewachsen und engagiert sich 20 bis 30 Stunden pro Woche ehrenamtlich für den Klub. Derzeit weibelt er bei der Gemeinde für einen Kunstrasen: «Unsere Plätze sind heute schon stark beansprucht. Im Kreuzäcker sind sechs neue Wohnblöcke bezugsbereit. Und neben dem «Shoppi» sind zwei neue Türme mit 500 Wohnungen geplant. Das gibt Zuwachs, auch für uns.» Über Leute, die das Wohnen in Spreitenbach entsetzt, sagt Safet Ajeti: «Die sind wahrscheinlich noch nie aus der Schweiz herausgekommen. Marseille oder Montpellier – da gibt es Wohn­silos, aber doch nicht bei uns. In «Spreiti» hat es bloss ein paar Hochhäuser, mit viel Grün rundherum.»

Samstags trifft man sich auf dem Fussballplatz
Wie in jedem anderen Schweizer Dorf: Samstags trifft man sich auf dem Fussballplatz.

Auch Spielermami Lendita Mustafa (37), Kosovo-Albanerin mit perfektem Schweizerdeutsch, ist in Spreitenbach gross geworden: «Hier habe ich viele Freunde. Hier ist für mich Heimat. Ich würde nie wegziehen.» Den schlechten Ruf der Gemeinde erklärt sie sich mit Vorurteilen und dem Shoppingcenter. Dort lungern hin und wieder Jugendliche herum und fallen negativ auf. Diese Kids kämen aber auch von den umliegenden Gemeinden. Dass ihre eigenen Kinder dereinst in den Einkaufszentren abhängen könnten, befürchtet sie nicht: «Mir ist es wichtig, dass sie mindestens ein Hobby haben. Möglichkeiten der sinnvollen Freizeitbeschäftigung gibt es in ‹Spreiti› viele – von Fussball über Karate bis zur Pfadi.»

Alessia Della Torre
Engagiert in der Jugendarbeit: Alessia Della Torre.

Auch Alessia Della Torre (42) versucht, die Jugendlichen zu aktivieren. Die Tessinerin mit Abschluss in Ethnologie teilt sich mit einem Kollegen eine 130-Prozent-Stelle in der offenen Jugendarbeit. Das Duo betreibt gemeinsam mit einer Praktikantin den Jugendtreff, veranstaltet Sportnächte und hilft Jugendlichen bei der Realisierung eigener Projekte. Vor Jahren engagierten sich einige Kids für eine Halfpipe, daraus ist mit Unterstützung des Jugendbüros der Skater-Verein S.O.S. entstanden, der heute den Skate-Park gleich neben dem Shoppingcenter betreibt. So funktioniert Jugendarbeit im Idealfall. Alessia Della Torre freut sich aber auch über kleinere Initiativen – etwa das Zeltwochenende, das sich die Mädchengruppe gewünscht und dann auch fast in Eigenregie realisiert hat.

Bunt gemischtes Volk am Kürbisfest

Während die Skater beim «Shoppi» über ihre Rampen brettern, die Junioren des FC Spreitenbach sich neben dem Möbelhaus mit ihren Gegnern duellieren und die Autos entlang der Einkaufsmeile im Stau stehen, findet im Dorfzentrum das alljährliche Kürbisfest statt.

1200 Liter Kürbissuppe für 4000 Gäste stehen an diesem Samstagnachmittag auf dem Hof der Familie Lienberger bereit. Eine Ländlerkapelle sorgt für musikalische Unterhaltung, später wird auch noch die Spreitenbacher Guggenmusik vorbeischauen. Unterstützt wird die Bauernfamilie von rund 60 Helfern, viele stammen aus dem Dorf, wie «Vali», der Gemeindepräsident.

Einige Besucher sprechen nur gebrochen Deutsch. Etwa Yin Hui (35) und Ng Yichan (36). Das chinesisch- malaysische Ehepaar hat sich vor rund fünf Jahren eine Wohnung im elften Stock eines Hochhauses gekauft: «Wir haben Sicht auf die Berge, das ist wunderbar.» Sie sind inzwischen Eltern einer Tochter, sechs Monate alt, und fühlen sich sehr wohl in Spreitenbach: «Einkaufszentren und Kinderkrippe gibt es in Gehdistanz, bis nach Zürich dauert es nur 20 Minuten, es hat viel Natur, und mit den Nachbarn verstehen wir uns auch gut.»

Familie Hui-Yichan
Familie Hui-Yichan auf dem Kürbismarkt der Familie Lienberger

An Dorffesten und im Fussballklub ist das Volk bunt gemischt. Aber sie existiert, die Grenze zwischen diesen und jenen. So gibt es im Verein Pro Spreitenbach, der sich die «Förderung der Dorfgemeinschaft und die Wahrung der Interessen der Bevölkerung» auf die Fahnen geschrieben hat, praktisch keine Migranten und Bewohner von Hochhäusern. Im Gegenzug fehlen die Urspreitenbacher in der albanischen Tanzgruppe Rinia.

Ist in Spreitenbach also doch nicht alles eitel Sonnenschein? «Wir freuen uns, wenn die Zuzügler Interesse am Dorfleben zeigen, aber man kann die Leute nicht zwingen. Und klar gibt es da und dort Probleme», sagt Gemeindepräsident Schmid. Eine Herausforderung seien etwa Investoren, die ihre Liegenschaften verkommen liessen: «Die Mieter solcher Objekte sind in der Regel nicht die besten Steuerzahler und die einfachsten Mitmenschen.» Was die Kriminalität betrifft, liegt Spreitenbach im kantonalen Vergleich zwar über dem Durchschnitt, aber Baden, Aarau oder Buchs sind heissere Pflaster.

Begegnungsort Spielplatz

Ein Problem ist allenfalls das Verschwinden von Begegnungsorten: Am Glattlerweg stehen die Räume im Parterre leer. Vorhänge sind zugezogen, Putz blättert ab. Hier gab es mal eine Apotheke, eine Metzgerei und weitere Läden. Aber irgendwann war die Konkurrenz im Shoppi zu gross für das Gewerbe. In Zukunft will man den Glattlerweg wiederbeleben, unter anderem mit einem Kindergarten und einem Café.

Bei schönem Wetter auf den Spielplätzen
Keine Langeweile: Bei schönem Wetter ist auf den Spielplätzen immer etwas los.

Wichtige Begegnungsorte sind auch die Spielplätze, allen voran der vor der Spar-Filiale, inmitten der Hochhäuser. Am späten Samstagnachmittag sitzen dort zahlreiche Frauen auf den Bänken, die um die Schaukeln gruppiert sind. Eine davon ist Manal Hashaf (32), gepflegtes Make-up und offenes Haar. Die Syrerin, die seit sieben Jahren in der Schweiz lebt, lacht und sagt: «Manchmal ist es hier schwierig, die eigenen Kinder zu finden, so viele sind es.» Die Mutter von Aland (5) und Elin (3) ist in einer Stadt mit einer halben Million Einwohnern aufgewachsen. Für sie fühlt sich Spreitenbach überhaupt nicht anonym an: «Gerade hier vor dem Spar trifft man sich spontan, ohne sich verabredet zu haben.»

Eine Frau auf der Nachbarbank, mit Rock bis zu den Knöcheln und Kopftuch über dem Haar, erzählt stolz von ihren drei Kindern, die alle eine solide Ausbildung haben. Die Tochter hat sogar die Kantonsschule absolviert – in Mazedonien, der alten Heimat, wäre das undenkbar. Auf die Frage, warum sie gern in Spreitenbach lebt, meint sie: «Hier ist wie Stadt und wie Land.»

Blumen zum Selberschneiden
Blumen zum Selberschneiden: Bezahlen via Kässeli funktioniert auch in Spreitenbach.

Wie viel Stadt und wie viel Land in Spreitenbach steckt, zeigt sich vielleicht am besten unweit des Shoppi: Hier gibt es ein Feld voller Farben, dazu ein Schild mit der Aufschrift «Blumen zum Selberschneiden». Auf Nachfrage bestätigt Bauer Guido Weber, dass das System mit dem Kässeli auch in Spreitenbach funktioniert – in unmittelbarer Nähe der Hochhäuser und Einkaufszentren. 

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