Leser-Beitrag
08. Mai 2018

Sprachförderung bei Kindern

Übung macht den Meister.

Illustration: Kind im Sandkasten
Kinder lernen eine Sprache spielerisch.

Kinder lernen blitzschnell, einmal unbedacht «Donnerwetter» gesagt, schon wiederholen es die Kleinen mit Genuss. Für kurze Zeit ist das Wort in aller Munde, aber bereits wenige Tage später ist es wieder weg. Denn nicht nur junge Kinder, auch die grösseren und wir Erwachsenen vergessen Vokabeln viel schneller als uns lieb ist.

Mach doch einmal den Selbsttest, ich habe es getan! Lerne und wiederhole während zwei Wochen täglich dieselben fünf Wörter, egal ob in einer Fremdsprache oder neue deutsche Wörter. Leg nun die Wörter für zwei Wochen zur Seite und kontrolliere das Ergebnis. Meines war niederschmetternd!

Wissenschaftler haben folgendes herausgefunden: Wenn jemand heute 20 Wörter lernt, wie viele davon weiss er nach zehn Tagen noch? Vier! Dreiviertel oder mehr gehen verloren. Damit sich die Wörter wirklich in unserem Langzeitgedächtnis verankern, müssen wir sie bis zu 100 Mal wiederholen. Vor allem sollten wir sie in unserem Alltag gebrauchen können, sonst gehen sie wieder verloren.

Wie lernen Kinder eine Sprache?

Bis heute gibt es noch immer verschiedene Theorien dazu. R. Tracy schreibt in ihrem Buch «Wie Kinder Sprachen lernen und wie wir sie dabei unterstützen können» Folgendes: «Die Fähigkeit, Sprachen zu lernen, ist ein angeborenes Talent, das sich aber nur entfalten kann, wenn das Kind von kompetenten Sprachvorbildern begleitet wird und es viele Gelegenheiten bekommt, die Sprache zu hören und vor allem, sie selbst anzuwenden.»

Sehr oft hört man, dass Kinder ein Sprache viel schneller lernen als ein Erwachsener, diese Aussage stimmt nur bedingt. Auch ein Kind braucht etwa sechs Jahre, bis es eine Sprache richtig beherrscht. Kinder gehen ganz anders an das Sprachelernen heran als Erwachsene, sie wollen nämlich gar keine Sprache lernen, sie wollen spielen. Meistens treffen sie auf gleichaltrige Spielkameraden, die sie in die neue Sprache einführen. Der Wortschatz eines dreijährigen Kindes ist noch nicht sehr gross, seine Sätze sind noch nicht komplex und für die Kinder spielt es noch keine Rolle, ob alle Sätze korrekt sind.

Während das lernende Kind im besten Fall mehrere Stunden mit seinen Spielkameraden spielt, beschränkt sich die Lernzeit des Erwachsenen auf eine bis zwei Stunden pro Woche. Da der Erwachsene schon eine Sprache beherrscht, die ihm oft weiterhilft, ist seine Motivation nicht so gross wie die des Kindes, das mitspielen und dazugehören will.

Zuerst lernen Kinder Wörter, die mit bestimmten Handlungen verknüpft sind wie zum Beispiel «Tschüss» (winken) oder «Gugus» (verstecken). Dann kommen Eigennamen und konkrete Substantive («Mami», «Hund»), einfache Verben wie «Machen», «Tun» und «Essen» und Partikel wie «mehr», «nochmal» oder «nein dazu».

12 Monate: erste Wörter

10 – 18 Monate: Ein-Wort-Sätze – «da aufziehn»

18 Monate: mindestens 50 Wörter

18 – 24 Monate: Telegramm-Stil – «Mama Bus fahren»

24 Monate: 200 Wörter

24 – 36 Monate: Das finite Verb steht an der 2. Stelle und stimmt mit dem Subjekt überein – «Ich baue Haus mit Turm.»

ab 30 Monaten: Nebensatz mit Konjunktionen, das Verb steht an zweiter Stelle – «Wenn Mann Futter gibt, dann isst Bello alles auf.»

Mit sechs Jahre gebrauchen die meisten Kinder bis zu 6000 Wörter und verstehen bis zu 14 000 Wörter (auf diesem Wortschatz bauen unsere Schulbücher auf).

Ein Erwachsener verwendet 7000 bis 15 000 Wörter und versteht bis zu 100 000 Wörter.

Zunehmende Spracharmut

Leider stellen wir in den letzten Jahren bei vielen Kinder eine immer grössere Spracharmut fest, ihr Wortschatz wird immer kleiner, sie können sich mit drei Jahren noch nicht richtig ausdrücken und sind weit davon entfernt, 200 Wörter aktiv zu gebrauchen bzw. Nebensätze zu sagen. Oftmals steckt auch ein Sprachfaulheit dahinter, immer öfter hören wir «Apfel!» oder «Hilf!» oder «Gib!» offenbar reagieren die Eltern auf solche «Wünsche» und verstehen sie. Die Kinder sehen keine Notwendigkeit in ganzen Sätzen zu sprechen.

G. Hüter schreibt in seinem Buch «Wer wir sind und was wir sein könnten»: «Jedes Kind entwickelt in seinem Gehirn ein Sprachzentrum, doch die Fähigkeit zu sprechen und Gesprochenes zu verstehen, verdanken wir nicht diesem Sprachzentrum, sondern dem Umstand, dass Eltern normalerweise mit ihren Kindern sprechen. Je nachdem, wie viel und wie komplex der verbale Austausch verläuft, entwickeln sich die entsprechenden Hirnregionen mehr oder weniger.»

In Untersuchungen wurde festgestellt, dass die durchschnittliche Dauer dieser verbalen Kommunikation in Deutschland auf weniger als zehn Minuten pro Tag gesunken ist. Es ist also nicht verwunderlich, dass dieser Umstand nicht folgenlos für die Kinder bleibt, die Armseligkeit dessen, was in diesen zehn Minuten ausgetauscht wird, trägt ihren Teil noch dazu bei.» Gemäss Remo Largo braucht ein Kind täglich etwa drei Stunden persönlichen sprachlichen Austausch, um eine Sprache lernen zu können.

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