07. Mai 2018

«Spinnsch, alüte?!»

Bänz Friedli greift rasch zum Hörer. Hier findest du die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(inne)n austauschen.

Festnetztelefon
Schon ein Bitzeli von vorgestern: ein Festnetzanschluss.

«Ruf doch rasch an!», fordere ich unsere Kinder, die ja keine Kinder mehr sind, zuweilen auf. Wegen eines Coiffeurtermins, einer Frage an den Physiotherapeuten, eines Problems mit dem Postkonto. «Spinnsch, alüte?!», kommt es dann zurück. Telefonieren ist ihnen fremd. Mehr noch: Sie schrecken davor zurück. Es ist eins dieser Merkmale, die die Generationen unterscheiden. Alte rufen an, Junge schreiben: eine E-Mail, eine Message, einen Post. Sie tippen rasch etwas in einen Chat. Oder sie schicken hurtig eine Sprachnachricht. Und sollten sie wirklich mal mit jemandem sprechen wollen, eins zu eins, dann skypen oder facetimen sie. Weil sie das Gegenüber dann erstens sehen, und weil es, zweitens, gratis ist.

Dabei ist Telefonieren doch das Einfachste der Welt! Vergangene Woche habe ich mit dem Filialleiter einer Buchhandlung hin- und hergemailt, und da wir uns missverstanden und es zu kompliziert wurde, dachte ich: Den ruf ich kurz an! «Herzlich willkommen im Kundenserviecenter!», begrüsst mich eine digitale Frauenstimme. «Sie sind ein Privatkunde? Drücken Sie eins. Firmenkunden, Schulen und Bibliotheken wählen die Zwei. For english books, please press three.» Hm. Ich bin eine Privatperson, sollte den Filialleiter aber etwas Geschäftliches fragen, zögere also … Schon ertönts von Neuem: «Sie sind ein Privatkunde? Drücken Sie eins. Firmenkunden, Schulen und …» Ich drücke die Eins. Was kommt? Ein neues Untermenü. «Für Vorbestellungen Taste eins. Für Fragen zu Ihrer Rechnung drücken Sie die Zwei. Für allgemeine Auskünfte …» Und so weiter. Also drück ich halt irgendwas, sonst komme ich ja nicht weiter. Sie ahnen, was folgt: Die weibliche Computerstimme trägt mir eine weitere Auswahl vor.

Nach etlichen Minuten des Durch-die-
Optionen-Drückens scheine ich endlich verbunden zu werden. Hoffentlich mit einem menschlichen Wesen! Mit einem vom Fach, vielleicht sogar? Mit der Person, die ich wollte? Da kommts: «Leider sind alle unsere Buchhändler momentan besetzt. Bitte schreiben Sie uns eine Mail an …» Und allmählich kann ich die jungen Leute verstehen.

Vorigen Mittwoch wollte ich Lina anrufen. Sie wurde achtzig. Doch ich habe sie den ganzen Tag über nicht erreicht. Wo sie denn gewesen sei, fragte ich, als ich sie zwei Tage später endlich dranhatte. Sie sei vor ihrem eigenen runden Geburtstag in den Gasthof zur Sonne geflohen. Es hätten sonst zu viele Gleichaltrige angerufen, und sie mochte nicht siebenundzwanzig Mal am Tag small­talken – über die Bresten, das Wetter, die Enkel … 

Bänz Friedli live: 11. 5. Bremgarten AG / 13. 5. Solothurner Literaturtage

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