30. März 2018

Spagat zwischen zwei Kontinenten

Joël Kiassumbua ist Goalie beim FC Lugano – und in der Nationalmannschaft der Demokratischen Republik Kongo. Dieses Hin und Her war zu Beginn nicht leicht, aber inzwischen hat sich der Schweizer mit kongolesischen Wurzeln an die scharfen Kontraste gewöhnt.

Joël Kiassumbua
Steht gleich in zwei Ländern im Tor: Joël Kiassumbua.

Als er 2015 erstmals mit der kongolesischen Nationalmannschaft am Flughafen in Kinshasa ankam, traute Joël Kiassumbua seinen Augen nicht. Eine riesige Menschenmenge war zur Begrüssung gekommen, Leute weinten, warfen sich vor ihm auf die Knie und küssten ihm die Schuhe. «Ich war so überwältigt, dass mir die Tränen kamen. Es war völlig surreal.»

Und das, bevor der Schweizer Fussballer, der als Goalie für den FC Lugano spielt, überhaupt das erste Mal für den Kongo im Tor stand. «Für viele Menschen dort ist Fussball der Lebensinhalt, ihr Ein und Alles, sie haben sonst nichts.» Also verfolgen sie die Karrieren von Spielern mit kongolesischen Wurzeln intensiv, egal, wo auf der Welt sie spielen. «Sie wussten wirklich alles über mich.»

Grosse Verehrung, plötzliche Wut

Die Begeisterung ist so gross, dass Fans schon mal 100 Kilometer zu Fuss marschieren, um ein Trainingsspiel zu verfolgen. «Wenn wir in Kinshasa trainieren, schauen manchmal 30 000 Leute zu, das haben wir hier in der Schweiz, wenns gut läuft, bei einem Länderspiel», sagt Kiassumbua. Im Kongo sind es schnell mal 100 000. Um die Spieler von ihren begeisterten Fans abzuschirmen, ist die Mannschaft stets mit Polizei­schutz unterwegs, teilweise sogar mit bewaffneten Soldaten. «Solchen Schutz kriegt im Kongo sonst nur die Regierung», sagt der 25-Jährige, «aber so ähnlich ist unser Status halt auch.»

Das alles kann allerdings rasch kippen: Als die favorisierte Mannschaft im November die Qualifikation für die WM 2018 verpasste, ergoss sich eine Welle von Wut und Enttäuschung über die Spieler. Kiassumbua sass beim entscheidenden Spiel zwar auf der Ersatzbank, war aber gleichermassen Zielscheibe. «Was wir da zu hören bekamen, war weit unter der Gürtellinie und ist nicht druckbar», sagt er und seufzt. «Die Leidenschaft
der Kongolesen ist eben enorm.»

Joël Kiassumbua und Dieumerci Mbokani am Afrika-Cup 2017
Joël Kiassumbua und Starstürmer Dieumerci Mbokani bei einem Trainingsspiel der kongolesischen Nationalmannschaft beim Afrika-Cup 2017.

Enorm ist auch der Kontrast zwischen den beiden Welten. «Einfach ist das nicht, wenn man vom euphorischen, bunten Kinshasa in die graue Schweiz zurückkehrt.» Doch sie ist seine Heimat, eine andere hat Kiassumbua nie gekannt. Seine Schweizer Mutter und sein Vater, ein Flüchtling aus der Demokratischen Republik Kongo, haben sich bei der Arbeit in einer Wäscherei in Luzern kennengelernt und verliebt. Seine ältere Schwester und er sind in Luzern aufgewachsen, sie war bis heute noch nie im Kongo, er 2015 das erste Mal, als er das Angebot für die Nationalmannschaft erhielt. «Wir haben zwar Verwandte dort, aber eben auch an vielen anderen Orten auf der Welt. Eine Reise dorthin hatte sich nie ergeben.»

Der einzige, der jeweils pünktlich ist

Entsprechend fremd war ihm der Kongo zunächst auch. Allein die Hauptstadt Kinshasa hat doppelt so viele Einwohner wie die Schweiz, das Land ist riesig, die Politik unruhig, im Osten gibt es bewaffnete Konflikte. Trotz reicher Bodenschätze ist der Grossteil der Bevölkerung bitterarm. Inzwischen hat Kiassumbua aber auch auch kongolesische Elemente an sich entdeckt: «Die Lebensfreude, das Übersprudelnde habe ich schon in mir, und das geniesse ich im Kongo.»

Aber genauso wird er immer wieder damit konfrontiert, dass er eben doch «ein richtiger Schweizer» ist, auch wenn es sein ganzes Leben lang immer wieder Leute gab, die dies wegen seiner Hautfarbe angezweifelt haben. «Wenn ein Termin in Kinshasa um 13.30 Uhr beginnt, bin ich der Einzige, der wirklich pünktlich ist, die anderen kommen zehn oder fünfzehn Minuten später.»

Dass sich Kongos Nationalmannschaft für ihn interessierte, ist seinen Erfolgen im Schweizer Fussball zu verdanken. Dem jungen Joël war immer alles leichtgefallen, in der Schule hatte er gute Noten, ohne sich gross anstrengen zu müssen, und auch im Fussball lief alles rund, bis er 2009 in Nigeria mit der Schweizer U17-Nationalmannschaft Weltmeister wurde.

Nach einer Krise zu Gott gefunden

«Seither hatten mich die Kongolesen auf dem Radar», erzählt er. Doch das war auch der Beginn einer beruflichen und persönlichen Krise. «Der Erfolg stieg mir zu Kopf, ich konnte als 17-Jähriger damit nicht umgehen.» Anstatt zu arbeiten und zu trainieren, ging Kiassumbua an Partys, hatte diverse Frauengeschichten und liess sich mit Leuten ein, die ihm nicht guttaten. Als sich sein Lebensstil auch beruflich auswirkte und er 2011 plötzlich ohne Mannschaft dastand, zog er die Notbremse.

«Gott hat mir dann wieder auf den richtigen Weg zurückgeholfen», sagt er heute. Kiassumbua ist in einer religiösen Familie aufgewachsen, die regelmässig eine Freikirche besucht. Doch während der Teenagerjahre trat der Glaube in den Hintergrund; mit Unterstützung seines Vaters fand er in der Krise wieder zu ihm zurück. «Seither hat sich mein Leben stark verändert, ich bin ruhiger geworden, fokussierter, habe andere Menschen um mich herum.» In Zürich entdeckte er dann die Freikirche ICF für sich, die der Single nun auch in Lugano besucht, wenn er Zeit hat.

Joël Kiassumbua
Nach dem Wechsel zum FC Lugano in die Super League hofft Kiassumbua, dass sich bald weitere Türen öffnen werden.

Die neue Erfolgssträhne nach der Krise führte Kiassumbua 2015 nicht nur in den Kongo, wo er von seinen bisher fünf Spielen drei gewonnen hat. Sie brachte ihm im vergangenen Sommer auch einen Wechsel vom FC Wohlen, wo er fünf Jahre lang sehr erfolgreich gespielt hatte, zum FC Lugano in die Super League. Dort rechnet er sich gute Chancen für eine Weiterentwicklung aus, die ihm später neue Türen öffnet, vielleicht sogar in die britische Premier League, der grosse Traum des Arsenal-Fans.

Auch für den Kongo steht schon die nächste grosse Herausforderung an: Dieses Jahr beginnen die Qualifikationsspiele für den Afrika-Cup, der im Sommer 2019 in Kamerun stattfindet. «Das müssen wir schaffen, alles andere wäre eine Katastrophe», sagt Kiassumbua. «Wenn wir uns da nicht für die Gruppenphase qualifizieren, dann brennt der Baum.» Denn als Nationalspieler habe er eigentlich nur eine Aufgabe: «dem Land Glücksgefühle bescheren». Er wird alles daransetzen, das auch zu tun. 

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