Leser-Beitrag
02. Oktober 2017

Sorgen (dunkle Wolken)

Abstimmung – die Zweite: Gedanken(spiele) von Florian Riner nach den letzten eidgenössischen Abstimmungen.

dunkle Wolken

Die Sonnenwerte der Messung scheinen über den Werten der meteorologischen Institute zu liegen. Dem immergrünen Bambus machen die Beobachtungen der Wetterfrösche keinen Eindruck. Die großen Blätter der Kürbisse schreien aber nach Wasser. Sie leben heikel, lieben das Nass nur an der Wurzel. Einzelne, verspätete Cherry Tomaten blühen auf, Bäckchen röten sich an der schwächelnden Strahlen der Herbstsonne auf. Auf dem Rasen streckt vereinzelt gelber Löwenzahn seine Blüten in die Höhe, die zackigen Blätter sind saftig grün.

Frau Meier freut sich auf einen gesunden Salat. Mit dem Schnittlauch und der Petersilie, die sie in der Migros gekauft hatte, und welcher in den Töpfchen wuchtig gedeiht, wird sich eine leckere Beigabe kreieren lassen.
Die Hunde im Garten: auch ein Garant, dass die streunenden Nachbarskatzen nicht überall hin urinieren, eventuell den Kräutern einen Beigeschmack beifügen.

Das Garagentor fällt krachend ins Schloss, die Jungs stehen freudig bellend an der Eingangstüre. Herr Meier ist da. Die Begrüßung fällt einseitig ausgelassen aus. Der bald die Pension antretende Herr Meier ist betrübt, das Abstimmungswochenende, die Finanzierung der Rente, hat bei ihm Spuren hinterlassen.
Der ältere Hund zeigt ähnliche Beschwerden wie sein Herrchen. Gelenkabnutzung, Humpeln, Schmerzen. Wenigstens bekommt der Hund die finanziellen Sorgen, welche Herrn Meier plagen, schlaflose Nächte, Magenbeschwerden, Spuren im Gesicht, nicht mit. Manchmal möchte Meier Fiffi sein.

Die Sorgen um ihren Mann, mit dem Grün zum Abendessen, Löwenzahnblättersalat, garniert mit Tomätchen, geraspeltem Kürbis und Kräutern, hofft sie, Gutes zu bewirken.

Doch sie hat nicht bedacht, dass man auf den Abend den Magen nicht mit schwerverdaulichem Gemüse quälen sollte. Schon kurz nach dem zu Bett gehen dreht sich ihr Bettnachbar, unruhig. Herr Meier plagen Träume.

Die blühend, gelben Blüten reizen die Nase. Herr Meier tanzt im Löwenblätterfeld. Unter den riesigen Blumen fühlt er sich so klein. Ein Luftzug, er krallt sich ein riesengrosses Petersilienblatt, schwingt sich beherzt darauf, stösst sich mit einem grossen Schnittlauchstengel ab und fliegt wie ein Fakir auf dem Teppich, über das farbige Blumenfeld.
Lachend, leicht, dirigiert er mit seinen schmerzlosen Beinen sein Fluggerät. Im Vorbeifliegen sammelt er aus den Blüten Rentengeld, welches wie in einem Computerspiel, überall aufblinkt.
Aus einer dunklen Wolke springen seine Frau und die Jungs aufs Fluggerät, welches bedrohlich zu schwanken beginnt, auf einen ungewissen Abgrund zufliegt. Tropfen fallen ins Gesicht. Der Teppich schlingert bedrohlich, fällt, fällt, ...

«Urs, Urs, aufwachen!»

Karo leckt seine Wangen, seine Frau tätschelt ihm die Schulter. Herr Meier öffnet die Augen.

«Wie, was, ?»

Der Jüngere Hund setzt sich zwischen die Beine des verdutzten Aufgewachten. Der Ältere schlabbert immer noch im Gesicht. Herr Meier sitzt auf dem Teppich neben dem Bett, auf dem Fussboden. Er weiss keine Antwort auf die drei fragenden Augenpaare.
Die Taschen des Pyamas sind leer. Hatte er denn wirklich erwartet, darin eingesammeltes Rentengeld zu finden?

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