31. März 2019

Sonntage wie diese

Bänz Friedli freut sich über einen Tag unter einem guten Stern. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Turnschuhe
Turnschuhe schnüren und los gehts!

Kennst du das? Wenn man einem Tag schon früh anmerkt, dass er gut wird? Am letzten Sonntag zum Beispiel fühlte sich schon das Schnüren der Joggingschuhe kurz nach dem Aufstehen irgendwie gut an. Dieser leise Triumph über den inneren Schweinehund, dazu ein Brummschädel, so leicht, dass er gerade noch als «gut ausgeschlafen» durchging. Diese winzigen Dankbarkeitsmomente: Wow, dass ich so tolle Schuhe habe; wie gut die passen! Was für ein schönes Frühlingswetter, nicht heiss, aber warm – und schmeckt mein Tee heute früh nicht besonders gut?

Still zitiere ich dann jeweils den Rapper Jovanotti: «Come posso io non celebrarti, vita?» Wie wollte ich dich nicht feiern, o Leben? Weil die Glücksmomente sich in den kleinen Dingen zeigen. In einem Sugo, den man stundenlang hat köcheln lassen. Einer Kurve auf dem Skateboard. Einer zufälligen Begegnung, einem guten Wort, einer Regung. Darüber zu schreiben, ist schwierig, es zu teilen, oft unmöglich. Denn meist handelt es sich um ein freudiges Kribbeln, das verschwände, würde man versuchen, es zu benennen. Um einen stillen Augenblick. Am Sonntag, zum Beispiel: die Sonnenstrahlen, die sich an aufspriessenden Baumknospen brechen, das Lichtspiel, das Schattenballett. Die Gerüche, die Düfte. Und ich, trabend, mittendrin. Der fern krähende Hahn, die vorbeihuschende struppige Katze. Welch Glück, dass ich zwar in der grössten Stadt des Landes lebe, denke ich, dass aber gleich hinter unserem Haus der Wald anfängt. Und welch Glück im Sinne von «einfach nur Schwein gehabt», dass dieses Land so wohlhabend und so sicher ist, dass wir uns so frei bewegen und unsere Meinung stets frei äussern können.

Was ist Glück? Als wollte das Leben es mir demonstrieren, kommen mir auf meiner Laufstrecke in kurzer Folge die verschiedensten Menschen entgegen; eine Rösselerin zunächst, hoch zu Pferd, mit einem zweiten im Schlepptau. «Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde …» Meins nicht, mitnichten. Aber ihres offenbar, die Frau wirkt selig. Dann ein älteres Ehepaar mit einem dreckigen, grauen Pudel. Er muss sich soeben im Schlamm gewälzt haben, sie werden ihn striegeln müssen. Ihr Glück, nicht meins. Kurz darauf junge Eltern im Hippielook, mit Kinderwagen. Glück bedeutet für alle etwas anderes.

Schliesslich taucht hinter einer Biegung Nachbarin Verena auf, ebenfalls joggend, schneller als ich unterwegs, aber in der Gegenrichtung. Sie reckt mir die Hand zum Abklatschen entgegen, und ihre Geste scheint auszudrücken, was auch ich gerade empfinde: ein bescheidenes, unbeschreibliches Sonntagmorgenglück.
Bänz Friedli live: Basel, «Tabourettli», 4.–6.4.

Die Hörkolumne (mp3)

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