19. Januar 2018

Sonne und Nebel auf dem Montoz

Die Winterwanderung im Berner Jura führt von Péry auf die Montoz-Kette hinunter nach La Heutte. Dabei gibts von Bewölkung über Nebel bis zu Sonne sowie von spätherbstlichem Rotbraun über Winterweiss bis zu schwachem Grün alles zu sehen.

auf der Montoz-Krete angekommen
Soeben auf der Montoz-Krete angekommen – fast zeitgleich mit der Sonne, die den Nebel kurz nach Mittag langsam vertreibt.
Lesezeit 4 Minuten

Er hat keine Vier-, ja nicht mal Zweitausender. Keine imposanten Städte, lässt man das kurios römisch angelegte La Chaux-de-Fonds, ein charmantes Delémont und zwei bis drei kleinere Hauptorte der jeweiligen Talschaften beiseite. Doch am Jura muss eine Menge dran sein, dachte ich, schon kurz nachdem ich in der Kindheit nach Biel am Jurasüdfuss gezogen war. Dran schon im kulinarischen Sinn: Gegen die Freiberge oder sonst in seinem Norden erschliesst sich eine spannende Region mit regionalen landwirtschaftlichen Produkten du Terroir, zugleich jedoch einer Finesse der französischen Küche, die ohne jeglichen Pariser Showeffekt aus allem das Maximum herausholt, bisweilen mit unangekündigten Überraschungsmomenten. Das gilt für Luxusrestaurants wie das lange unübertroffene «de la Gare» in Le Noirmont, aber teils auch für kleinere Restaurants und in der Haltung gar für etliche Métairies (welsche Besenbeizen, die saisonal geöffnet hat).

Weiter bringt der ganze Jurabogen einen Menschenschlag hervor, der entschieden seine Scholle liebt, ein eigenes Denken bis zu zahlreichen Aussenseiterexistenzen oder gar Revoluzzern pflegt - aber kaum auf den Putz haut wie Walliser oder weitere Bergler. Hier macht man eher einfach sein Ding. Zugleich sind viele Jurassier überdurchschnittlich weltoffen und gucken oft ebenso weit über den Tellerrand hinaus, wie ihre Uhren verkauft wurden oder noch werden. Vielleicht braucht es den geistigen Weitblick zwingend, wenn man grossmehrheitlich zwischen Jura-Ketten oder -tafeln eingeklemmt lebt.

Womit wir bei der Landschaft wären: Bevor es später 2018 in die Grenzregion zu Frankreich gehen soll, nehme ich mir mitten im Winter die zweite Hügelkette im Süden vor, im Regionalzug Richtung La Chaux-de-Fonds in weniger als 15 Minuten von Biel/Bienne aus zu erreichen. Wir ziehen, ausgehend von Reuchenette/Péry, eine bloss zwölf Kilometer lange Schlaufe auf die Montoz-Kette und marschieren dann hinab nach La Heutte (wo derselbe Zug uns an den Jurasüdfuss zurückbringt). Dabei wird schnell klar, dass sich schon diese südliche Juraregion ungleich verwinkelter präsentiert als auf der Karte ersichtlich.

Route Péry-La Heutte

Die Route (rot), auch als PDF zum Download (1500 x 1000 px / © swisstopo)

Das beginnt schon kurz nach dem sympathischen Péry auf dem breiten Wanderweg in Richtung Le Châble/Les Chaudières. Erst umläuft man einen Taleinschnitt, und schon mit der Abzweigung nach la Verrière und zum Zwischenziel der La-Rochette-Hütte wird die Strecke fast unvorhersehbar. Man kurvt um Hügel, trottet kurz fast ebenaus, um nach einer Weile die letzten knapp 200 Höhenmeter zwischen Baumgrüppchen, Lichtungen und freiem Feld hinaufzuschwitzen. Dass man in stellenweise mittelhohen Schneefeldchen den Weg auch mal verliert und sich mitunter klar westlich von «La Rochette» befindet, tut der Entdeckerfreude keinen Abbruch. Selbst wenn ein kleines Schneecouloir hinab und wieder eines hinauf ohne Schneeschuhe für etwas ungeplante Kühlung in den Bergtretern sorgt.

Theatralisch wirksam, dass ich letztlich genau in den paar Minuten auf der Krete von Montoz ankomme, in denen sich die Sonne gegen die am Morgen dominanten Nebelbänke durchsetzt. Da glitzert es, reflektiert, verschluckt aber auch noch immer etwas Licht. Eine Riesenkulisse für den nun kaum anstrengenden Spaziergang auf dem Höhenweg bis zur (geschlossenen) Métairie de Werdtberg, den ich aus Euphorie, aber routentechnisch völlig unnötig mit einem Abstecher zur Cabane über dem Fuelliloch verlängere. Letztlich bloss, um in Montoz' Norden auf Tavannes und die nächsten Hügelketten zu blicken.

Der Abstieg zum Zielort La Heutte verläuft wie erwartet streckenweise steil und baut zwei hübsche Grosskurven ein, die einen kleinen, jedoch imposanten Talkessel erschliessen und mich etwa an drei wild weidenden Ziegen vorbeiführen. Die sehen recht gepflegt und gut genährt aus, doch einen irgendwie abgrenzenden Zaun sucht man von Auge vergebens, ausser im Ansatz vor dem steil abfallenden Forêt de Ruge am obersten Waldrand. Die Tiere scheinen den freiheitsliebenden Jura jedenfalls genauso zu schätzen wie ich.

Hinweise: Wer statt ca. 500 Höhenmeter lieber nur gut 200 in steilerem Gelände hinabstapft, absolviert die Schlaufe in umgekehrter Richtung. Von der Dramaturgie her nimmt er dafür kleine Abstriche in Kauf. Bei (reichlich) Schnee schon unter 1000 m ü. M. wird die Tour eher zu sportlich oder verlangt nach mitzuschleppenden Schneeschuhen – und nochmals mehr Zeit. Für Kinder bis 12 Jahre ist der Ausflug weniger geeignet.

Geeignet für Wanderer, die zum Aufwärmen auch Höhenmeter schätzen
Höhepunkte: auf der Montoz-Krete und erster Teil des Abstiegs
Pause: in der oder bei der Métairie de Werdtberg
Dauer: gegen oder rund 5 Std., ohne Schnee 4 Std. 15
Höhenmeter (bergauf): 750 m

Trümpfe der Wanderung Péry-La Heutte

Reto Meisser über seine Kolumne «Hike & Bike»

Video: Elena Bernasconi

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